31 März 2007
24 März 2007
Ina
In meiner Firma gab es einen Zwischenfall, der eine ernste Reklamation verursachte. Schuld war – wie schon öfter – ein internes kommunikatives Missverständnis. Als Sachbearbeiterin bin ich in der glücklichen Lage, wirklich schlimme Fälle den Kunden nicht selbst erklären zu müssen, für so etwas sind Vorgesetzte da. Während wir uns mit dieser Sache beschäftigten, musste ich an Ina denken.
Ina hat viele Jahre lang Firmeninserate bearbeitet. Sie war sehr aufgeschlossen und wurde von den meisten Kolleginnen respektiert, hatte aber private Probleme, die sie gern in der Firma breit trug, was ihr nicht immer Sympathien einbrachte. Bei den Kunden genoss sie hohes Ansehen; sie besaß die Fähigkeit, Vertrauen herzustellen und den Leuten gegenüber den richtigen Ton zu treffen, ohne sich zu verstellen – sie tat alles auf ihre Art und überzeugte. Die Art des Umganges war von der heutigen jedoch grundverschieden. Heute sind wir Dienstleistende, und der Kunde ist König. Zur damaligen Zeit waren Kunden den Regeln der Firma unterworfen. Ina verstand es, diese Regeln mit einer burschikosen und freundschaftlichen Art zu vermitteln, und für jedes Problem hatte sie einen Spruch parat, der meist aus eine Mischung von Bauernschläue, kumpelhafter Freundlichkeit und etwas Durchtriebenheit bestand. Ihr Standardspruch bei Reklamationen lautete: „Wo gehobelt wird, da fallen Späne, und nur, wer nicht arbeitet, kann keine Fehler machen – dabei denken wir doch gern an unsere Vorgesetzten.“
Auf Grund solcher Reden hatte sie ihre Gesprächspartner am Telefon – meist ebenfalls Sachbearbeiter – schnell auf ihrer Seite, und deren Verständnis war ihr sicher.
Sie hatte Familie, Mann und drei Kinder, aber die Verhältnisse waren kompliziert, und da sie viel davon preisgab, wurde ihr auch vieles angekreidet. Ihr Mann, an dem sie sehr hing, war Alkoholiker und hielt sich mehr in Kneipen als zuhause auf. Sie hielt es für selbstverständlich, ihn immer wieder abends nach Hause zu holen und sich um ihn zu kümmern. Mit ihren Kindern hatte sie Probleme, weil sie in vielerlei Hinsicht nach dem Vater kamen, sie schwänzten Schule und Lehre, das jüngste Kind war oft krank. Ina versuchte, trotz aller Schwierigkeiten die Familie zusammenzuhalten. Dank dafür bekam sie nicht. Ihr Mann hat mir gegenüber zwar zugegeben, dass sie ganz in Ordnung sei, aber beklagt, sie altere zu schnell.
Ina hat neben dem Beruf ihre Leidenschaft fürs Reisen entdeckt, und irgendwann schaffte sie es, ihr Hobby zum Beruf zu machen und Reiseleiterin zu werden. Von Kollegen habe ich gehört, dass sie in dieser Tätigkeit keine gute Figur macht – übergewichtig und mit verbittertem Gesichtsausdruck, sei sie nicht gerade die Erscheinung, die eine Reiseleiterin sein müsse. Ich hoffe und vermute, die Reisenden, meist ältere Jahrgänge, akzeptieren und mögen es, dass sie, genau wie früher, die Dinge auf ihre Art tut.
Ina hat viele Jahre lang Firmeninserate bearbeitet. Sie war sehr aufgeschlossen und wurde von den meisten Kolleginnen respektiert, hatte aber private Probleme, die sie gern in der Firma breit trug, was ihr nicht immer Sympathien einbrachte. Bei den Kunden genoss sie hohes Ansehen; sie besaß die Fähigkeit, Vertrauen herzustellen und den Leuten gegenüber den richtigen Ton zu treffen, ohne sich zu verstellen – sie tat alles auf ihre Art und überzeugte. Die Art des Umganges war von der heutigen jedoch grundverschieden. Heute sind wir Dienstleistende, und der Kunde ist König. Zur damaligen Zeit waren Kunden den Regeln der Firma unterworfen. Ina verstand es, diese Regeln mit einer burschikosen und freundschaftlichen Art zu vermitteln, und für jedes Problem hatte sie einen Spruch parat, der meist aus eine Mischung von Bauernschläue, kumpelhafter Freundlichkeit und etwas Durchtriebenheit bestand. Ihr Standardspruch bei Reklamationen lautete: „Wo gehobelt wird, da fallen Späne, und nur, wer nicht arbeitet, kann keine Fehler machen – dabei denken wir doch gern an unsere Vorgesetzten.“
Auf Grund solcher Reden hatte sie ihre Gesprächspartner am Telefon – meist ebenfalls Sachbearbeiter – schnell auf ihrer Seite, und deren Verständnis war ihr sicher.
Sie hatte Familie, Mann und drei Kinder, aber die Verhältnisse waren kompliziert, und da sie viel davon preisgab, wurde ihr auch vieles angekreidet. Ihr Mann, an dem sie sehr hing, war Alkoholiker und hielt sich mehr in Kneipen als zuhause auf. Sie hielt es für selbstverständlich, ihn immer wieder abends nach Hause zu holen und sich um ihn zu kümmern. Mit ihren Kindern hatte sie Probleme, weil sie in vielerlei Hinsicht nach dem Vater kamen, sie schwänzten Schule und Lehre, das jüngste Kind war oft krank. Ina versuchte, trotz aller Schwierigkeiten die Familie zusammenzuhalten. Dank dafür bekam sie nicht. Ihr Mann hat mir gegenüber zwar zugegeben, dass sie ganz in Ordnung sei, aber beklagt, sie altere zu schnell.
Ina hat neben dem Beruf ihre Leidenschaft fürs Reisen entdeckt, und irgendwann schaffte sie es, ihr Hobby zum Beruf zu machen und Reiseleiterin zu werden. Von Kollegen habe ich gehört, dass sie in dieser Tätigkeit keine gute Figur macht – übergewichtig und mit verbittertem Gesichtsausdruck, sei sie nicht gerade die Erscheinung, die eine Reiseleiterin sein müsse. Ich hoffe und vermute, die Reisenden, meist ältere Jahrgänge, akzeptieren und mögen es, dass sie, genau wie früher, die Dinge auf ihre Art tut.
23 März 2007
Im Vorbeigehen
Meist denke ich im Vorbeigehen an Karin. Wenn ich mein Fahrrad vor der Firma anschließe und die Stelle am Boden sehe, wo sie sich aus dem Fenster hinuntergestürzt hat und wo noch lange Zeit Blumen lagen. Aber auch, wenn ich Kaffee kaufe oder nur am Regal mit den Kaffeepäckchen vorbeigehe. Karin hat sich immer ums Kaffeekochen gekümmert und sehr penibel – sie war so hundertprozentig – darüber gewacht, dass die Kaffeebüchse keinen Moment zu lange offen stand, denn dadurch hätte ja viel von dem wertvollen Aroma entweichen können. Sie hat manchmal furchtbar genervt, aber dass sie in den Tod getrieben wurde, ist unfassbar, und ich werde mich nie daran gewöhnen und es niemals gutheißen, dass die Gesellschaft immer mehr Menschen den Boden unter den Füßen wegzieht.
18 März 2007
M. (1)
Meine Schwiegermutter hat ihre Kindheitserinnerungen aufgeschrieben, 42 handbeschriebene Seiten. Als sie uns daraus vorlas, war ich ganz gefesselt von ihren lebendigen Schilderungen, so dass ich es kaum erwarten konnte, das uns zugedachte Exemplar in den Händen zu halten und bis zum Schluss lesen zu können. Ein Leben, das uns sehr fremd und rückständig vorkommt, in den letzten Kriegsjahren und in der Nachkriegszeit und in einem sehr abgelegenen kleinen Dorf im Osterzgebirge. Meine Schwiegermutter war das zweitälteste von fünf Kindern. Sie beschreibt eine sehr arbeitsreiche und – nach meinen Vorstellungen – harte Kindheit, die sie aber auch als schön bezeichnet. Sie hatte einen drei Kilometer langen Schulweg über den Erzgebirgskamm, der bei jedem Wetter gegangen werden musste. Entschuldigungen oder Ausflüchte ließ die Mutter nicht zu, und parierten die Kinder mal nicht, gab es Schläge. Es war ein aufopferungsvolles Leben, welches die Erwachsenen damals führten, Freizeit gab es so gut wie keine, Kultur, Literatur, Vergnügungen wie Kino oder Theater kannten sie nicht. Die Bauern und Familienangehörigen hielten zusammen und halfen einander, aber es gab auch Feindseligkeiten, Dummheit und Fälle von sexuellem Missbrauch. Der Vater meiner Schwiegermutter litt eine Weile an einer Nervenkrankheit, und nachdem ihm der Arzt körperliche Gesundheit attestiert hatte, übernahm es die Familie, ihn durch Nichtbeachtung seiner psychosomatischen Beschwerden auszukurieren. Bei Krankheiten wurde gelegentlich eine Homöopathin konsultiert, die ihre Diagnose nach einem Blick in die Augen des Patienten stellte. Lebensklugheit und Bauernschläue, Sturheit und Ignoranz, Heimatverbundenheit, Traditionspflege, Hinterwäldlerei, vor allem aber harte Arbeit von früh bis spät machten das damalige Leben aus. Meine Schwiegermutter erzählt von den seltenen Augenblicken, da sie mit Kultur in Berührung kam – sie besaß, als sie kleiner war, zwei Bücher. Auch als sie und ihre Geschwister älter waren, sahen die Eltern es nicht gern, dass sie lasen, das galt als Müßiggang und Zeitverschwendung.
Meine Schwiegermutter ist vielseitig interessiert und begeisterungsfähig, geht heute oft und gern in die Oper und ins Theater, verreist auch sehr viel. Sie hat fünf Kinder weitgehend allein großgezogen und trotz dieser Lebensleistung und ihrer Erfahrungen kann sie die Einflüsse ihrer Kindheit nicht völlig abschütteln. Als ich mal mit ihr telefonierte und es ihr schlecht ging – sie hatte jahrelang Herzbeschwerden und heute einen Herzschrittmacher, erzählte sie, dass sie trotz ihrer gesundheitlichen Beschwerden einen längeren Spaziergang gemacht hätte. Als ich ihr das vorhielt und meinte, sie müsse so etwas doch nicht erzwingen, erwiderte sie, sie könne nicht anders, ihre Mutter hätte ihr beigebracht, dass man immer tätig sein müsse. So etwas macht mich wütend, zeigt es doch, dass Erziehung ein Gefängnis sein kann, aus dem sich manche Menschen ihr Leben lang nicht wirklich befreien können. Deshalb ist es auch meine Überzeugung, dass Kinder, um sich gesund zu entwickeln, unbedingt andere Bezugspersonen – neben ihren Eltern – benötigen.
Meine Schwiegermutter hatte sich im Sommer letzten Jahres den Fuß gebrochen und nur dieser Zwangspause ist es zu verdanken, dass sie sich die Zeit genommen hat, ihre Erinnerungen aufzuschreiben. Ich habe großen Respekt vor all denen, die sich dem autobiografischen Schreiben widmen; diese wahren Geschichten sind sehr viel interessanter als jede noch so effektvoll bemühte Fiktion.
Meine Schwiegermutter ist vielseitig interessiert und begeisterungsfähig, geht heute oft und gern in die Oper und ins Theater, verreist auch sehr viel. Sie hat fünf Kinder weitgehend allein großgezogen und trotz dieser Lebensleistung und ihrer Erfahrungen kann sie die Einflüsse ihrer Kindheit nicht völlig abschütteln. Als ich mal mit ihr telefonierte und es ihr schlecht ging – sie hatte jahrelang Herzbeschwerden und heute einen Herzschrittmacher, erzählte sie, dass sie trotz ihrer gesundheitlichen Beschwerden einen längeren Spaziergang gemacht hätte. Als ich ihr das vorhielt und meinte, sie müsse so etwas doch nicht erzwingen, erwiderte sie, sie könne nicht anders, ihre Mutter hätte ihr beigebracht, dass man immer tätig sein müsse. So etwas macht mich wütend, zeigt es doch, dass Erziehung ein Gefängnis sein kann, aus dem sich manche Menschen ihr Leben lang nicht wirklich befreien können. Deshalb ist es auch meine Überzeugung, dass Kinder, um sich gesund zu entwickeln, unbedingt andere Bezugspersonen – neben ihren Eltern – benötigen.
Meine Schwiegermutter hatte sich im Sommer letzten Jahres den Fuß gebrochen und nur dieser Zwangspause ist es zu verdanken, dass sie sich die Zeit genommen hat, ihre Erinnerungen aufzuschreiben. Ich habe großen Respekt vor all denen, die sich dem autobiografischen Schreiben widmen; diese wahren Geschichten sind sehr viel interessanter als jede noch so effektvoll bemühte Fiktion.


