28 Mai 2007
27 Mai 2007
Familiensache
Es fällt mir zusehends schwer, mich mit irgendeiner politischen Partei im Konsens zu fühlen, und Gesprächen in meinem Umfeld zufolge bin ich da kein Einzelfall. Besonders die aktuellen familienpolitischen Debatten lassen mich – nun ja – nicht orientierungslos werden, sondern vielmehr auf meinem – und ausschließlich meinem – Standpunkt beharren.
Ich bin sehr für den Ausbau von Kinderbetreuungsmöglichkeiten und froh, dass die Wichtigkeit und Notwendigkeit solcher Maßnahmen nun endlich in der Bundesrepublik erkannt worden ist. Aber die Bemühungen einer konservativen Partei, zusätzlich zu diesen Maßnahmen auch die Familien zu stärken, die in den ersten drei Lebensjahren ihre Kinder zu Hause erziehen möchten, finde ich sehr lobenswert und wäre auch gern bereit, als heute wieder berufstätige Mutter etwas zu deren Finanzierung beizutragen. Auch wenn ich nicht genau weiß, welche Motive wirklich hinter diesem Antrag stehen – ob es nicht doch in erster Linie darum geht, wenigstens einem Teil der Mütter eine solche Entscheidung schmackhaft zu machen und sie auf diese Weise vom Arbeitsmarkt fernzuhalten – dass eine längere Erziehungszeit fast zwangsläufig einen Karriereknick bedeutet und die Chance eines beruflichen Wiedereinstiegs mit jedem Jahr, das man zuhause ist, schlechter wird, weiß ich sehr genau – bin ich dafür, nicht nur Mütter zu stärken, die außer Haus arbeiten.
Ich habe zwei Kinder in Kinderkrippen betreuen lassen und zwei weitere Kinder bis zum Kindergartenalter zuhause erzogen, kenne also beides. Familienpolitische Themen sind immer hochemotional, und sie waren es schon früher. Immer schon schieden sich die Geister, und nicht nur in der Bundesrepublik. Auch in der DDR habe ich oft genug negative, sogar abfällige Meinungen über die Krippenerziehung gehört, von Kinderärzten, in der Mütterberatung und auch von Eltern im sehr bürgerlichen Milieu, in dem ich aufgewachsen bin. Viele Leute vertraten den eher nüchternen Standpunkt, dass Kinderkrippen nicht die ideale Lösung seien, dass es diese Möglichkeit der Betreuung aber geben müsse, und zwar im ausreichenden Maße. Das sehe ich auch so. Auch wenn sich in punkto Krippenerziehung wohl einiges verbessert hat, bin ich weit davon entfernt, diese Variante zu verklären oder sie gar als die einzig richtige hinzustellen. Ich erinnere mich noch sehr genau an den ersten Elternabend in der Kinderkrippe – mein Sohn war zehn Monate alt, als ich ihn dort tagsüber betreuen ließ. Die Erzieherinnen, die ja durchweg Fachkräfte waren, betonten, dass der Aufenthalt in der Krippe für die Kinder (größtenteils noch Babys) wie ein Arbeitstag sei und die Eltern sie abends zuhause nicht noch unnötig hinhalten sollten, wenn sie müde seien, obwohl es natürlich verständlich sei, dass man noch Zeit miteinander verbringen wolle. Es gibt kaum Mütter, die nicht hin und wieder Schuldgefühle haben, ein Kleinkind stundenlang, wenn nicht den ganzen Tag in fremde Hände zu geben. Ich habe oft genug die Erzieherinnen darum beneidet, dass sie mit meinen Kindern zusammen sein dürfen.
So etwas ist werdenden Eltern oft nicht in diesem Maße bewusst. Wenn sie nicht vielleicht selbst mit jüngeren Geschwistern aufgewachsen sind, wissen sie nicht, welch ein tiefer Einschnitt im Leben die Geburt eines Kindes ist – glücklicherweise – möchte ich fast sagen, denn wüsste man es vorher, wäre man möglicherweise völlig mutlos angesichts der Ausschließlichkeit und Unumkehrbarkeit dieses Weges, der, genaugenommen, einen Abschied vom selbstbestimmten Leben bedeutet.
Völlig daneben, geradezu diskriminierend finde ich die Meinungen, die zu dieser geplanten Unterstützung der Familienerziehung laut werden, und in denen vor allem sozial schwache Familien in der Kritik stehen, deren Kinder man, abgesehen davon, dass sie man sie eigentlich gar nicht haben will, wie öffentliche Diskussionen in jüngster Vergangenheit verlauten ließen, am liebsten in Kindertagesstätten zwangseinweisen würde, weil sie dort besser aufgehoben seien als zuhause. Sicher gibt es Negativbeispiele, bei denen das zutrifft, man sollte aber nicht vergessen, dass Verwahrlosung nicht auf einkommensschwache Familien beschränkt ist, nicht umsonst wurde der Begriff Wohlstandsverwahrlosung geprägt, und dass es sehr viele sozial schwache Familien gibt, in denen Eltern alles in ihrer Macht stehende tun, um ihren Kindern einen guten Start ins Leben zu ermöglichen, wozu ja nicht nur materieller Wohlstand gehört. Nun ist schon von Gutscheinen die Rede, die sicherstellen sollen, dass Eltern ihre Babys gefälligst vom ersten Tag an zur musikalischen Früherziehung, zum Fremdsprachenunterricht, in Gymnastikkurse, Frühförderung karren, damit sich die Kinder beizeiten an einen vollen Terminkalender gewöhnen. Der nächste Schritt wären dann Sanktionen gegen die Eltern, wenn sich ihre Kinder nicht in der gewünschten Zeitspanne zu kleinen Genies und Alpha-Typen entwickeln – denkbar wäre eine rückwirkende Entziehung der Unterstützung, beispielsweise. Man kann eigentlich kaum ermessen, zu welch perfiden Schlüssen unsere gewählten Vertreter noch kommen – oder vielleicht doch?
25 Mai 2007
Ein verhinderter Text
Eigentlich wollte ich über Freitags-, Feiertagswochenend- und Brückentagsfrust schreiben.
An Tagen wie diesem darf ich meist das Büro hüten. Normalerweise ist mir das ganz recht, denn solche Arbeitstage sind eher ruhig, das Telefon klingelt selten, man wird kaum unterbrochen und die Arbeit ist überschaubar. Nun hatte ich aber bereits vor Ostern und nach Himmelfahrt das Vergnügen, und heute hatte ich es von Anfang an gründlich satt. Wenn ich es gründlich satt habe, hilft nur eins: mich sofort an die Arbeit zu machen und Pausen zu vermeiden, in denen ich nur Trübsal blasen würde. Das funktioniert fast immer gut, hat aber den Nachteil, dass die Melancholie nach der Arbeit dann so richtig zuschlägt. Freitag Abend bin ich meist nicht zu gebrauchen, und heute war wirklich der absolute Tiefpunkt seit Wochen. Und weil ich gerade wieder anfange, solch alltägliche Ergüsse zu produzieren, wollte ich genau darüber schreiben: den Tiefpunkt. Frust bei der Arbeit, Frust nach der Arbeit, Frust über das Wetter, Frust über den Frust. Es kam aber nicht dazu, denn ich konnte mich zu meinen abendlichen Yoga-Übungen aufraffen (eigentlich wollte ich das bleiben lassen – und vermutlich wäre ich auch darüber frustriert gewesen), aber die Sturheit siegte. Schon, als ich die Treppe zu meinem Zimmer hinunterging, begann ich mich darauf zu freuen. Es ist ja noch nicht einmal zwei Monate her, dass ich an dem Yoga-Kurs teilnehme, der im Fitnessstudio unserer Firma stattfindet, mir kommt es aber schon wie eine Ewigkeit vor. Wahrscheinlich, weil mir Yoga innerhalb kürzester Zeit so wichtig geworden ist. Dazu gekommen bin ich, wie so oft, auf Umwegen, denn ich sah Yoga als Quälerei mit akrobatischen Verrenkungen an und bin selbst eher unsportlich. Zufällig las ich mal, dass man dabei ganz gut entspannen lernt, und in dieser Richtung sollte und wollte ich ja längst etwas tun. Von den Kursen im Fitnessstudio hat mich Aerobic am meisten interessiert, aber da passte die Zeit nicht, also blieb Yoga als zweite Wahl. Der Kurs ist gut besucht, und wir werden von unserer sehr jungen Kursleiterin, die noch dazu Leistungssportlerin ist, ziemlich gefordert. Für mich ist es genau das Richtige, obwohl dieser Kurs den Schwerpunkt auf das Sportliche legt (Yoga ist ja viel mehr als nur Sport) – auch dafür hätte ich mich normalerweise nicht entschieden, aber das Angebot in der Firma ist sehr günstig, vom Preis her und auch, weil man Zeit und Wege spart.
Ich versuche, morgens und abends zuhause eine kleine Figurenfolge zu üben, und wie gut und wichtig das ist, merke ich immer dann, wenn ich mal nicht dazu komme.
Heute also passierte der komplette Sinnesumschwung: schon nach der Anfangsentspannung war ich frisch und voller Vorfreude, am Ende vollkommen erholt und zutiefst von Frieden und Leichtigkeit erfüllt (ein Gefühl, das mir neu ist und immer noch den Anschein des Unwirklichen hat), dass ich mir gar nichts weiter vorgenommen habe, als das alles aufzuschreiben, um noch ein Weilchen in dieser Stimmung zu verbleiben.
24 Mai 2007
Sphärenklänge 2
Das gestrige Konzert des Dresdner Orgelzyklus fand in der Frauenkirche statt, und es war das erste Konzert, das ich in dieser Kirche erlebt habe. An der Abendkasse gab es nur noch Plätze mit Sichtbehinderung, während in den anderen beiden Kirchen immer ein Großteil der Plätze frei bleibt. Die Frauenkirche war also gut gefüllt, offensichtlich gilt das Interesse der meisten Besucher, vermutlich Touristen, noch mehr dem Veranstaltungsort als der Musik.
Von unseren Plätzen aus konnten wir die Orgel, die sich über dem Altar befindet, nicht sehen, hatten aber einen schönen Blick in die Kuppel hinein. Das Innere der Frauenkirche erinnert mich immer ein wenig an eine Puppenstube, sie wirkt so strahlend und hübsch und in Wohlfühlfarben gehalten. Ob es nun die Farben waren oder die vielen Menschen, oder ob einfach das Lüftungssystem überfordert war - es war ziemlich warm da oben.
Ein Organist aus Stuttgart spielte, unter anderem Bach und Buxtehude, was immer ein Erlebnis ist. Die Frauenkirche hat - im Unterschied zur Kreuzkirche und Hofkirche - eine moderne Orgel bekommen, und das bekamen wir gestern zu spüren, als nämlich zum Ende des Konzertes ein Stück eines griechischen Komponisten namens Iannis Xenakis gespielt wurde. Es hieß „Gmeeoorh“ und klang, böse formuliert, etwa so, wie sich der Name schon anhört. Die Beschreibung im Programm, die ein „äußerst kraftvolles“ Stück ankündigte, das von „Farbextremen“ und Tonlagen „nahe der Hörgrenze“ geprägt ist, ließ einiges erahnen, was mir aber zunächst durchweg faszinierend erschien. Ich mag es ja, wenn die Orgel mal so richtig dröhnt, und mir gefallen auch die ganz leisen Töne, deshalb freute ich mich darauf, hören zu können, wozu das Instrument fähig ist. Es begann auch ganz interessant mit einem metallisch klingenden Summen und Flirren, steigerte sich aber zusehends in Disharmonien und einen immer schwerer zu ertragenden Lärm. Wir nahmen das nicht weiter tragisch, weil das Konzert ja ohnehin nur noch wenige Minuten andauerte. Ich versuchte aber doch, etwas mit dieser Musik zu verknüpfen, Vorstellungen, Phantasien oder Ahnungen, was der Komponist möglicherweise ausdrücken wollte. Was mir einfiel, waren Titel wie „Angriff der Killerinsekten“, „Hubschrauber im Windkanal“, „Fantasie für zehn Presslufthämmer und eine Kreissäge“; immer wieder hatte ich einen messerschwingenden Michael Myers aus dem Film „Halloween“ vor Augen, und zum Ende hin fürchtete ich ernsthaft, die Kuppel der Kirche könnte Schaden nehmen. Das alles erheiterte mich mehr, als dem Anlass angemessen war, aber ich sah keinen Grund, mich deswegen zu schämen, da immer mehr Leute von den Sitzen sprangen und fluchtartig die Kirche verließen, während andere tapfer ausharrten und sich mehr oder weniger dezent die Ohren zuhielten. Erleichtertes Aufatmen ringsum, als die letzten Töne verklungen waren, dann aber gab es – etwas überraschend – Beifall, und nicht zu knapp. C. wollte schnell nach draußen, er befürchtete, der Organist könnte sich zu einer Zugabe entschließen. An der Nachbarempore, von wo man die Orgel gut sehen konnte, blieben wir stehen. Der Altar, den ich etwas überladen finde, wirkte von dort oben wie eine riesige goldverbrämte Kleckerburg. Der Organist verbeugte sich mehrmals und setzte sich wieder an die Orgel, um noch ein Stückchen aus „Toccata und Fuge d-moll“ von Bach zu wiederholen. Er hatte offenbar Mitleid mit den Zuhörern und wollte ihnen zum Abschluss des Abends noch etwas Harmonisches gönnen.
In der Nacht hatte ich einen wirren Traum, der sich zwar ziemlich alltäglich, aber auch verstörend anfühlte: es war erster Schultag nach den Sommerferien, und ich musste noch sämtliche Bücher meiner Kinder mit Schutzumschlägen versehen, nebenbei meine Oma in einem Pflegeheim unterbringen, während im Küchenschrank irgendwelche Reinigungsmittel explodierten, und zwischendurch telefonierte ich und hing ständig in Warteschleifen fest. Dieser Traum spiegelte ein bisschen den gestrigen, etwas chaotischen Tag wider, und die Explosionen hatten, küchenpsychologisch betrachtet, bestimmt etwas mit dem Konzert zu tun.



