29 Juni 2007

28 Juni 2007

Ende der Reklamationsflut?

Die Verkaufsleiterin der Firma, für die ich in den letzten vier Wochen gearbeitet habe, ist aus dem Urlaub zurück gekommen, und meine Aushilfstätigkeit ist seit letztem Freitag beendet. Ich hatte mir gewünscht, diese Firma und besonders sie würden erst einmal damit aufhören, ihre Krallen nach mir auszustrecken, heute aber rief sie mich an und wünschte ein Gespräch unter vier Augen.
Meine Teamleiterin, die mir gegenüber sitzt, wurde sofort hellhörig, und kurz darauf standen wir beide im Büro unserer Chefin, um uns Rat zu holen, denn wir ahnten, dass wieder mal eine Intrige im Gange ist, mit dem Ziel, mich abzuwerben oder hinüberzuholen oder wie auch immer.
Unsere Chefin rief nun bei M. (der Dame, die so begierig darauf ist, mich zu beschäftigen) an und erkundigte sich höflich, was das solle und welches Problem sie habe. M. schützte einen Vorwand vor. Ich erhielt die Erlaubnis, zu ihr zu gehen, mit der Anweisung, vorsichtig zu sein, was mir wiederum verdeutlichte, dass mich meine Vorgesetzten immer wieder unterschätzen, hatte ich doch längst mit diesem Anruf und weitergehenden Wünschen gerechnet und mir passende Argumente zurechtgelegt.
M. eröffnete mir, dass sie die Reklamationsbearbeitung abgeben wolle (was ich gut verstehen kann), aber keine halbe Stelle (für die sie mich vorgeschlagen hatte) bewilligt bekäme und demzufolge selbst jemanden pauschal beschäftigen müsse, und sie fragte, ob ich bereit wäre, das zu übernehmen. Meinen Anweisungen gemäß antwortete ich, die Entscheidung darüber liege nicht bei mir, und sie solle sich an meine Vorgesetzten wenden, ließ auch durchblicken, dass ich wenig Chancen sähe, eine derartige Tätigkeit dauerhaft mit meiner regulären Arbeit zu vereinbaren. Nun heißt es abwarten, was geschieht.
Da M. mich außerhalb meiner Arbeitszeit und auf ihre Kosten beschäftigen will, könnte die Entscheidung letztlich bei mir liegen, und das würde mich freuen. Meine Überlegungen über diese Arbeit stehen hier schwarz auf weiß, und sie können mir bei der Entscheidungsfindung behilflich sein.
Ich hatte ja ein Weilchen mit M. zusammengearbeitet, weiß ihre beruflichen Fähigkeiten zu schätzen und habe nebenbei erfahren, dass sie durchaus charakterliche Vorzüge besitzt, wenngleich sie sich viel Mühe gibt, diese nicht zum Vorschein kommen zu lassen. Aber ich müsste entweder völlig naiv oder sehr kaltblütig sein, mich freiwillig in den Bannkreis einer Frau zu begeben, die keinerlei Rücksicht und Skrupel kennt, wenn es um ihre Interessen geht, und die das auch noch auf aggressive und selbstgefällige Art zur Schau stellt. Den genüsslichen Tonfall, in dem sie mir ausmalte, wie sie ihre ehemalige Sachbearbeiterin aus der Firma gemobbt hat, werde ich nie vergessen.
Aus all diesem Gründen werde ich, wenn es an mir liegt, eine solche Nebentätigkeit ablehnen, nicht zuletzt, um M. klarzumachen, dass ich nicht unter jeder Bedingung käuflich bin – selbst, wenn ich für diese Entscheidung irgendwann Konsequenzen tragen muss. Und das Mitgefühl mit ihr, das sich hin und wieder zaghaft meldet, lasse ich nicht zum Vorschein kommen. Das habe ich schließlich von ihr lernen dürfen.

17 Juni 2007

Ein besonderes Konzert

Gestern waren wir im Bushido-Konzert. Ich war gespannt auf den Charakter und die Zusammensetzung des Publikums und auch ein wenig verunsichert. Tatsächlich waren nur sehr wenige Leute meines Alters vertreten, vereinzelte Mütter und auch zwei oder drei Väter, die mit ihren halbwüchsigen Kindern gekommen waren wie ich. Die Masse der Zuhörer waren Jugendliche und junge Erwachsene, die, wie ich vermute, schon über eigene Einnahmequellen verfügen, denn die wenigsten Eltern sind bereit, ihrem Nachwuchs die Karte für ein derartiges Konzert zu spendieren. Wutausbrüche, Beschimpfungen, Verbote oder Vernichtung der entsprechenden Tonträger sind die Regel. Für meine vierzehnjährige Tochter war es das erste nicht-klassische Konzert überhaupt, und wir hatten vorsorglich recherchiert, ob sie überhaupt hineingelassen würde, trotz erwachsener Begleitung. Ausweise wurden nicht kontrolliert, dafür gab es genaue Einlasskontrollen bezüglich mitgebrachter Gegenstände, was ich auch in Ordnung finde.
Bushido erwies sich nicht nur – erwartungsgemäß – als kraftvoller Musiker, der den Life-Auftritt zu genießen scheint, sondern auch als mitreißender und für mein Empfinden cleverer Entertainer, der die Kommunikation mit dem Publikum perfekt beherrscht. Deshalb halte ich es für eine gute Idee, ihn Events wie den „Dome“ moderieren zu lassen; ihn zu verbieten oder auszugrenzen, ist für mich der falsche Weg. Irgendwann fragte er ins Publikum hinein, ob Eltern ihren Kindern zuliebe mitgekommen wären, und auf die vereinzelten Meldungen hin gab es – von ihm unterstützt – Beifall. Offenbar zog er nicht in Erwägung, dass Eltern auch wegen seiner Musik ins Konzert kommen, und das enttäuschte mich ein wenig. Ich kann nicht anders: ich finde diese Musik einfach geil, und auch die Texte, so obszön und brutal sie oft sind, was aber dem Genre entspricht, haben etwas. Natürlich pflegen die Rapper wie andere Künstler ein Image, das dem Charakter dieses Genres entspricht, und auch die sprachgewalttätigen Auseinandersetzungen mit den Aggro-Rappern, welche die meisten Bushido-Texte durchziehen, sind Inszenierungen.
Am liebsten mag ich die Stücke, in denen sich Bushido und Co. gefühlvoll und verletzlich geben, und darin zeigt sich für mich wirklicher Stil: mit dem eigenen Image kunstvoll zu brechen.
Chakuza, der Newcomer aus dem Bushido-Team, war trotz Ankündigung nicht gekommen, weil er dringende familiäre Angelegenheiten zu regeln hatte. Auf seinen Auftritt hatte ich mich besonders gefreut und war dann doch ein wenig traurig, aber so etwas kann immer mal passieren, und natürlich wünsche ich meinem Lieblingsrapper das Beste und verstehe, dass es Wichtigeres geben kann, als auf der Bühne zu stehen.
Es war nicht nur für mich, sondern auch für die beiden Teenager, die mit mir gekommen waren, ein richtig schönes Konzerterlebnis mit Freilichtbühnen-Stimmung, Nebelschwaden, viel Gekreische und, was das Wichtigste ist, lauter, mitreißender Musik. Gewalttätigkeiten oder Ausschreitungen haben wir nicht beobachtet.
Musik, die von jungen Leuten bevorzugt wird, hat schon immer provoziert und polarisiert, schon immer wurde indiziert und verurteilt, und deshalb hoffe ich, dass die Ankündigungen und Versuche, die deutschsprachigen Rapper wie Bushido zu verbieten, keinen Erfolg haben werden.


Mein Lieblings-Chakuza-Stück:

http://www.youtube.com/watch?v=L7ByGR8kjA8

Sphärenklänge 3

Der Kirchenmusiker und Journalist Robert Leicht hat geschrieben, Musik – er meinte vor allem Orgelmusik – sei für ihn wie Yoga mit Geräusch. Er bezog sich dabei auf das Selbstspielen.
Ich hatte, offen gestanden, darauf gehofft, eine Äußerung in dieser Richtung aus berufener Feder zu lesen. Es trifft sich gut, dass ich Mittwochs direkt vom Yoga ins Orgelkonzert gehe, und beides ist für mich sowohl mit Genuss als auch mit Arbeit an mir selbst verbunden, obwohl ich nicht selbst Musik mache und auch in dieser Richtung wenig Kenntnisse besitze. Es sind vor allem die Erklärungen in den Programmheften, die zu allen Veranstaltungen des Dresdner Orgelzyklus ausgegeben werden, welche mir verdeutlichen, wie wenig ich doch von dem verstehe, was ich mir da anhöre. Darüber könnte ich sehr betrübt sein, wenn ich nicht vom Yoga wüsste, wie wichtig es ist, die eigenen Grenzen zu respektieren, was ja nicht bedeutet, sie als endgültig anzusehen.
Am vergangenen Mittwoch spielte Samuel Kummer, der Organist der Frauenkirche, an „seiner“ Orgel. Ich hatte ihn vor einigen Wochen in der Kreuzkirche erlebt, und seitdem sind die Konzerte, die er hier in Dresden gibt, Pflichtprogramm für mich, wobei ich gestehen muss, das Wort Pflicht außer in diesem Zusammenhang nie mit höchstem Genuss zu assoziieren. Samuel Kummer versteht es – das ist mein laienhafter Eindruck – mit seinem Spiel gleichermaßen Freude an der Kunst wie Respekt vor ihr zu wecken. Diejenigen, welche mit der Kunst des Beherrschens und Vermittelns und der Freude daran gleichermaßen gesegnet sind, haben meine tiefe Sympathie und Wertschätzung.
Das Konzert am 13. Juni war den französischen Komponisten Charles-Marie Widor und Louis Vierne gewidmet, deren 70. Todestag in diesem Jahr begangen wird. Zusätzlich zu den wunderschönen Stücken gab der Organist eine Zugabe, die mit stürmischem Beifall bedacht wurde.
Samuel Kummer gehört zu den Mitinitiatoren des Dresdner Orgelzyklus, und es ist nur zu wünschen, dass diese Konzertreihe der Stadt noch lange erhalten bleibt.

16 Juni 2007

Reklamationsflut 4 - Der Briefkasten als Mikrokosmos

Ich hatte in der Vergangenheit schon öfter mit der Übermittlung, Auswertung und Beantwortung von Reklamationen zu tun und habe einige Kuriositäten aufgehoben und in Erinnerung behalten. Immer wieder war und bin ich überrascht über die Vielfalt der Gründe, weswegen die Boten diesen oder jenen Fehler begangen haben.
„Zusteller hatte einen Verkehrsunfall. Prospekte befanden sich im Kofferraum, als der Wagen abgeschleppt wurde, und konnten deshalb erst später verteilt werden“ ist so ein detaillierter und – im Einzelfall – auch überzeugender Grund. Solche Details werden bei der Reklamationsbeantwortung möglichst sparsam verwendet, aber die Erfahrung lehrt, dass das Einbringen von Details mitunter auch sinnvoll ist, um – neben dem tatsächlichen Überzeugungswert der konkreten Antwort - den Eindruck einer Standardantwort zu vermeiden. Ein Argument mit besonderer Schlagkraft ist der Trauerfall, den der Zusteller plötzlich erlitten hat, weswegen er von einem des Gebietes weniger kundigen Kollegen vertreten werden musste. Gestern wurde mir so ein Grund telefonisch übermittelt, und ich bin zwangsläufig erschrocken und habe mich betroffen geäußert. Selten gebe ich so drastische Gründe an die Kunden weiter, denn der Trauerfall des Zustellers geht den Marktleiter X oder den Vertriebschef Y normalerweise nichts an. Ausnahmen bestätigen die Regel.
Es gab einmal eine Familie in einem Dorf, die sich regelmäßig bei den umliegenden Großmärkten über die Werbung beschwerte, mit der ihr Briefkasten vollgestopft wurde. Erkundigungen ergaben, dass die Familie asozial und im Dorf verhasst war. Das Vollstopfen ihres Briefkastens war einer von vielen kleinen Racheakten und Missgunst-Beweisen der Nachbarn. Diese Information haben wir den entsprechenden Märkten weitergegeben, um nicht immer wieder als Schuldige zu gelten.
Ein Reklamant wird mir immer in nachhaltiger Erinnerung bleiben. Er hatte einen langen und bösen Beschwerdebrief an die Zentrale eines Großkunden geschrieben und gedroht, die Werbung, die er gegen seinen Willen erhielt – er war ein sogenannter Werbeverweigerer – gesammelt vor dem nächsten Markt abzukippen. Diese Reklamation erhielt ich an einem Freitag kurz vor 16 Uhr mit der Anweisung, mich sofort mit diesem Mann in Verbindung zu setzen. Ich war damals noch unerfahren in solchen Dingen und überlegte mir zunächst eine Strategie, wie ich im Gespräch vorgehen würde. Ich war der Meinung, dass dieser Mensch zutiefst frustriert und verärgert sein musste und erst einmal jemanden zum Zuhören brauchte. Das erwies sich als wahr und gereichte mir sogar zum Vorteil, denn ich musste in diesem Gespräch nur sehr wenig sagen. Auch in diesem Fall verdichtete sich der Verdacht, dass das Verstopfen des Briefkastens ein Racheakt oder gezielter Vandalismus war. Nachdem sich der Mann ausgesprochen hatte, wurde er Argumenten zugänglicher und beschloss das Gespräch mit dem Entschluss, seine Nachbarn nun besonders aufmerksam zu beobachten. Er hatte sein Feindbild gewechselt und wir waren das Problem los.
Die Briefkästen dienen aber auch ihren Besitzern als Kommunikationsfläche. Verstärkt gibt es heute verschiedenste, oft sehr persönlich formulierte Werbeverbote, in denen die Leute beispielsweise wünschen, nur einen ganz bestimmten Prospekt erhalten zu wollen, was kaum realisiert werden kann. Aber auch richtige Pamphlete sind manchmal zu lesen:
„Keine kostenlosen Zeitungen oder Werbeprospekte einwerfen! Bei Zuwiderhandlung Ablage beim Staatsanwalt!“
Das für mich amüsanteste Werbeverbotsschild prangte an der Wohnungstür zweier alter Damen:
„Wir verbieten uns jegliche Belästigung von Werbern.“
Gemeint war etwas anderes, nämlich: „Wir verbitten uns jegliche Belästigung durch Werber.“
Solche Hintergrundinformationen über Adressen, die dazugehörigen Briefkästen und Schicksale sind heute, da die Reklamationsbearbeitung umfangreicher, bürokratischer und unpersönlicher geworden ist, rar geworden, und manchmal bedauere ich das.

09 Juni 2007

Reklamationsflut (3) - Kafkaeskes

In den letzten Tagen hatte ich verstärkt mit Reklamationen zu tun, die „Problemadressen“ betreffen: Adressen, wo aus verschiedenen Gründen wiederholt keine Werbung zugestellt wurde. Die Leute sind an der Werbung interessiert und wenden sich, wenn sie ausbleibt, an die entsprechenden Verbrauchermärkte. In vielen Märkten liegen Formulare aus, in die sich die Leute eintragen können. Ausgefüllte Formulare landen bei den verantwortlichen Sachbearbeitern zur Weiterleitung an die Zusteller. Diese Aufgabe – das Weiterleiten der Reklamationen an den Zustelldienst und die Übermittlung der Antworten und Stellungnahmen an Kunden oder Reklamierende - obliegt mir zur Zeit.
Im Moment überwiegen die Dauerproblemfälle. Das sind zum einen Mitarbeiter der Märkte, die sehr genau darauf achten, ob sie die das eigene Unternehmen bewerbenden Prospekte erhalten, zum anderen Leute, die, wie ich annehme, Zeit haben, und das sind meistens Rentner. Die Reklamationen bekomme ich mit Anweisungen übermittelt, die etwa so klingen: „Sorgen Sie dafür, dass das Problem abgestellt wird, und setzten Sie sich umgehend mit der Kundin zur Klärung in Verbindung.“
Am Freitag hatte ich einen Fall auf dem Tisch, wo ich aufgefordert wurde, einer Kundin die Gründe zu erklären, weshalb wiederholt nicht zugestellt wurde, und das brachte mich etwas in Verlegenheit, da mir diese Gründe auch nach der schriftlichen Stellungnahme des Zustelldienstes nicht klar waren, was übrigens fast generell der Fall ist. Vor ein paar Jahren noch wurden diese Aufträge von einer Zustellfirma ausgeführt, die relativ gute Arbeit leistete und Stammzusteller beschäftigte, welche ihre Gebiete kannten und auch mit "ihren" Problemadressen vertraut waren. Qualität hat ihren Preis, und der Preisdruck auf dem hart umkämpften Markt führte dazu, dass eine andere, billigere Zustellfirma unter Vertrag genommen wurde, die viele Aufträge an Subunternehmen auslagert und Billigstarbeitskräfte – meist Schüler – beschäftigt, die öfter wechseln, weil die Arbeit bei relativ hohen Anforderungen miserabel bezahlt wird. Eine Folge der schlechten Bezahlung ist zwangsläufig eine schlechte Arbeitsmoral und mangelnde Qualität. Eine Verbesserung der Verhältnisse ist nicht in Sicht, im Gegenteil: die Preisspirale dreht sich weiter.
Zur Bearbeitung der Reklamationen beschäftigt die Zustellfirma Leute, die Nachbefragungen am Telefon durchführen, aber mit den Zustellgebieten und den Adressen selbst nicht vertraut sind. Für Rücksprachen mit den Zustellern fehlt oft die Zeit, und Kündigungen kann man sich auch kaum leisten, denn so viele nachrückende Bewerber gibt es nicht. So bekomme ich meist Antworten wie „kein Eintrag“ – d. h., der Reklamierende hat keinen Eintrag im Telefonbuch und konnte deshalb nicht befragt werden, oder „wurde nicht erreicht“ was meist auch dann als Entschuldigung angeführt wird, wenn der Reklamierende seine Telefonnummer angegeben hat, und drei oder vier Adressen auf der selben Straße, die befragt wurden und die Werbung erhalten haben. Dann muss ich mir etwas einfallen lassen, das ich dem Kunden antworte. Oft werden auf Reklamationen wie beispielsweise „Familie Schmidt in Brunnenstr. 7 erhält seit zwei Wochen keine Werbung mehr“ Antworten gegeben, die etwa lauten „Familie Schmidt konnten wir leider nicht befragen, aber Familie Müller aus Nr. 8 und Familie Lehmann aus Nr. 9 erhalten den Prospekt regelmäßig“, was genau genommen keine passende Antwort ist und auch nicht erklärt, weshalb Familie Schmidt nichts bekommen hat.
Als ich nun die Kundin anrief, die ich zu informieren hatte, kehrte ich aus Hilflosigkeit den Fall um und fragte sie höflich, ob sie uns nicht ein paar Tipps geben könnte, wie der Zusteller zukünftig ihren Briefkasten besser finden könne. Die Kundin war eine nette, ältere Frau, die geduldig Auskunft über Lage und Beschaffenheit ihres Briefkastens gab und mir versicherte, dass die Post ihn immer finde. All diese Angaben habe ich nun als interne Information in der entsprechenden Datei hinterlegt, damit sie griffbereit sind, wenn es wieder mal Probleme gibt. Außerdem hat die Frau nun meine Telefonnummer, und ein Männlein im Ohr sagt mir, dass ich besser daran getan hätte, sie ihr nicht zu geben.
Ich habe bei dieser Arbeit das Gefühl, mich in einem kafkaesken Szenarium zu befinden, wo Probleme nicht gelöst, sondern verwaltet, sprich: hin und hergeschoben werden, und zwar mit beträchtlichem Aufwand. Das einzige, was ich tun kann, ist, den Reklamierenden den Eindruck zu vermitteln, mich um ihr Problem zu kümmern und sie ernst zu nehmen. Einfluss auf die Qualität der Zustellung habe ich nicht. Ein Adressat, der an zwei aufeinanderfolgenden Tagen bei verschiedenen Märkten reklamierte und nicht allzu weit von mir entfernt wohnt, interessierte mich, und deshalb habe ich heute, am Sonnabend, eine kleine Radpartie zu seinem Briefkasten unternommen. Es ist, wie ich schon angenommen hatte, ein zurückgesetztes Haus, von der Straße aus nicht zugänglich und nur über einen Feldweg zu erreichen; der Briefkasten befindet sich an einer Garage, und die Hausnummer ist provisorisch darüber gepinselt. Ich habe die Adresse erst nach gezieltem Suchen gefunden, und es ist nicht verwunderlich, wenn Schüler oder sonstige Billigjobber sie übersehen. Nun kann ich diese Reklamation mit – meinem – Hintergrundwissen bearbeiten, aber diesen Aufwand, den mir ja niemand bezahlt, können wir normalerweise nicht betreiben, und so verwalte ich weiter vor mich hin, bis ich abgelöst werde.

05 Juni 2007

Reklamationsflut (2) - Höchst wichtig

Momentan erreichen mich weit weniger Reklamationen als während meiner Urlaubsvertretung im vergangenen Jahr. Dafür sind diese, wie mir die Übermittler schreiben, besonders dringend.
Heute morgen empfing ich gleich ein Dutzend von E-Mails, die alle sofort und umgehend bearbeitet werden wollten und der durchschlagenden Wirkung halber auch noch mit jeweils zwei oder drei Ausrufezeichen versehen waren. Und als hätte das nicht genügt, bekam ich noch eine Nachricht mit dem Zusatz „Was ist denn bei euch los!“ – natürlich war auch diese höchst wichtig und forderte eine umgehende Reaktion ein. Die Reklamationen waren eher Hinweise und aus meiner Sicht Bagatellen. Alltag eben, Routine (Urteil der Sachbearbeiterin), inbegriffen im Kleingedruckten der Geschäftsbedingungen, die offensichtlich selten gelesen und auch beim Verkauf, wie ich annehme, selten vorgelegt werden.
Manche Absender versehen ihre Mails prinzipiell mit dem Hinweis „Wichtigkeit Hoch“, und ich habe nun erstmals versucht, diese Option beim Weiterversenden zu benutzen – man kann das einstellen, aber ich habe Skrupel, das bei jeder oder fast jeder Mail zu tun. Wie soll denn der Empfänger überhaupt noch differenzieren und die unvermeidlichen Prioritäten setzen, wenn er ständig mit Imperativen und Ausrufezeichen überhäuft wird! Ich frage mich auch, welche Steigerungen es noch geben könnte:
RÜCKRUF BINNEN EINER MINUTE!
SUCHEN SIE UNVERZÜGLICH DEN KUNDEN AUF UND ENTSCHULDIGEN SIE SICH PERSÖNLICH!!!
WENN SIE NICHT AUF DER STELLE PERSÖNLICH ERSCHEINEN UND IN ALLER FORM NIEDERKNIEN, ÜBERGEBEN WIR DEN FALL AN DEN STAATSANWALT!!!!!
Dummerweise regt sich ab und an meine verständnisvolle Seite, die in den Absendern überlastete und von hysterischen Kunden und Verbrauchern genervte Menschen sieht. Da es aber in diesem Bereich unvermeidlich ist, eine gewisse Distanz zur Arbeit aufzubauen, verbiete ich mir Ansätze echten Einfühlens ganz schnell – oder besser: umgehend.

03 Juni 2007

Frau K.

Frau K. war viele Jahre Mieterin in unserem Haus, und sie wohnte schon lange vor uns darin. In der DDR waren Mietverhältnisse oft auf Lebenszeit angedacht, und da diese Mietverträge nach der Wende Bestandsschutz hatten, waren wir darauf eingestellt, dass sie bis an ihr – oder unser - Lebensende bei uns wohnen würde.
Frau K. war eine auffallende Erscheinung. Sie legte viel Wert auf ihr Äußeres, das – bei all dem auffälligen Make-up, den pechschwarz gefärbten Haaren und ihrer Kleidung, die damenhaft aussehen sollte, aber immer etwas billig, oft geradezu „nuttig“ wirkte, sehr maskenhaft blieb. Selbst bei klirrender Kälte trug sie körperbetonende Röcke mit Gehschlitz und hochhackige Schuhe. Am morgendlichen Knallen ihrer Absätze auf den Treppenstufen erkannten wir immer, dass sie gerade Frühschicht hatte. Wenn sie zuhause war, putzte sie meist – Putzen schien überhaupt sehr wichtig in ihrem Leben zu sein – und hörte laut Musik, am liebsten von Roland Kaiser. Ob es nun an ihrem Beruf lag – sie arbeitete in einer Textilreinigung - , oder ob es zu ihrer Art gehörte, sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren – sie zelebrierte regelmäßig das Aufhängen ihrer Wäsche im Hof. Schon an dem Geruch von Weichspüler, der dann durchs Haus zog und alles ringsum zu überlagern begann, wussten wir, dass sie wieder mal mit ihren paar Wäschestückchen zugange war.
Nun bekamen wir zu sehen, was normalerweise verborgen blieb: ihre Reizwäsche. Damals passierte es selten, dass Unterwäsche von der Leine gestohlen wurde, heute ist das anders, und vielleicht ist sie inzwischen vorsichtiger geworden.
Es war nur eine Frage der Zeit, dass es zwischen ihr und uns – einer kinderreichen Familie, bei der Ordnung nicht das ganze Leben ausmacht, ausmachen kann, zu Konflikten kam.
Irgendwann eskalierte es, und wir legten ihr nahe, sich eine andere Wohnung zu suchen, was sie nach anfänglichem Protest überraschend schnell tat.
Es war, bei allen, über Jahre dauernden Bemühungen, unmöglich geworden, miteinander auszukommen. Ich bedauere es nachträglich ein bisschen, weil ich im Grunde nichts gegen sie hatte und sie auf gewisse Art herrlich schräg fand.
Einmal bat sie mich, während ihrer Abwesenheit Lieferanten einzulassen, die ein Möbelstück abholen sollten. Der Anblick ihrer Wohnung, sie lebte in einer Dachwohnung mit schrägen Wänden und in Nischen eingelassenen Dachfenstern, verstärkte den Eindruck, den ich von ihr hatte. Offensichtlich war ihre Vorliebe für barocke Einrichtung; die ganze Wohnung war ausgefüllt mit Antiquitäten-Kopien, Putten, Gipsbüsten, mit viel Samt und Plüsch. Das alles war dort angehäuft, drapiert und hineingeklemmt und wurde von den Baumarkt- Stuckelementen, die sie – meist irgendwie schief – an die Zimmerdecken geklebt hatte, zusätzlich erdrückt. Der Hit war eine große Zeusbüste am Eingang zu ihrer Außentoilette. Als sie ausgezogen war, hatte ich ziemliche Mühe, den Stuck und die vielen Bordüren herunterzubekommen.
Ich habe Frau K. in einem verrückten Text verewigt, an dem ich aus Nostalgie hänge, den ich aber, weil er so ein skurriler Genre-Mix ist, wohl nirgendwo unterbringen werde. Es ist eine Dreiecksgeschichte zwischen einer Textilreinigungsfacharbeiterin aus der Stadt, einem arbeitslosen Busfahrer vom Dorf und einer Holzbildhauerin, der Nachbarin des Busfahrers, in der es um seltsame Zuneigungen, Eifersucht, Mord und Hexerei geht.
Gestern habe ich Frau K. auf der Straße gesehen. Sie trug keine hochhackigen Schuhe mehr und hatte Hosen an, die schlicht und bieder aussahen, ging auch ein bisschen schleppend, und ich hatte den Eindruck, dass sie sich ihre Beine nun endgültig kaputtgemacht hat. Aber Bluse, Haar und Make-up waren wie immer, und das fand ich irgendwie rührend und auch ein bisschen tröstlich.

02 Juni 2007

Josefine

Lieblingsstunden

Die Leiterin unseres Yoga-Kurses hat mich neulich ziemlich verblüfft, als sie erzählte, der menschliche Körper regeneriere sich alle zehn Jahre lang komplett, und es sei tatsächlich völlig unwichtig, wie alt man an Jahren sei – man könne auf Grund seines Willens und seiner Einstellung jung sein und irgendwann, wenn man wolle, glücklich sterben. Sie hat mich nicht so recht überzeugen können. Das klingt sehr esoterisch und vermittelt mir den Eindruck, dass sich der Westen mit seinem Jugendwahn – dem ich ja auch hin und wieder verfalle – die fernöstlichen Methoden sehr dienstbar gemacht hat. Dass Yoga einiges bewirken kann, merke ich schon, aber ich kann nicht anders, als die Äußerung der Kursleiterin als etwas blauäugig einzustufen.
Mir genügen eigentlich die kleinen Fortschritte. Wenn sich nebenbei noch ein langes Leben in ewiger Glückseligkeit ergibt, bin ich auch nicht böse. ;-)

Morgens muss ich mich ja immer ein wenig zwingen, aber die Übungen sind bestens dazu geeignet, das Empfinden, neben sich zu stehen, aufzuheben, weil Körper und Geist koordiniert und verbunden werden. Die abendlichen Übungen betreibe ich ganz genüsslich, und deswegen bringe ich auch täglich länger damit zu. Es sind vor allem Übungen am Boden, die das für Yoga typische Verhandeln mit dem Körper und den eigenen Grenzen erfordern und fördern und die ich ganz besonders mag. Einiges aus dem Kurs übe ich zuhause, um mich weniger dumm anzustellen. Übung ist das Einzige, was da nützt. Andere Figuren kenne ich nur aus dem Großen Yoga-Buch von Anna Trökes, das wirklich hervorragend ist. Sie schreibt, dass die Übungen, die man am liebsten ausführt, auch am besten für das Wohlbefinden seien und man diese besonders brauche. Faszinierend finde ich, dass sich auch dabei Entwicklungen vollziehen. Momentan bevorzuge ich den typischen Meditationssitz, eine Vorstufe zum Lotossitz. Es ist die Haltung, in der ich zur Zeit am ehesten abschalten kann.

01 Juni 2007

Reklamationsflut

Die Urlaubszeit hat begonnen, und ich habe nun wieder vertretungsweise mit Reklamationen aus der Direktverteilung von Werbemitteln zu tun. Ich weiß, dass ich das im Grunde ganz gut kann, wir – meine Kolleginnen und ich – hatten auch gute Schulungen betreffs Umgangs mit Reklamationen und Reklamierenden, deren Lektionen mir immer wieder bei der Arbeit nützlich sind. Als ich noch neu in der Auftragsbearbeitung war – ich bin ja dort nur angelernt und komme eigentlich aus der Technik - und gleich mit einer dreiwöchigen Urlaubsvertretung beginnen durfte, musste ich Reklamationen, die bei meiner regulären Tätigkeit relativ selten anfallen, meiner damaligen Chefin übergeben. Wenn ich daran zurückdenke, macht es mich doch ganz stolz, Reklamationen, die nicht besonders schwerwiegend sind, längst selbst bearbeiten und beantworten zu dürfen. Etwas anderes ist es jedoch, wenn die Tätigkeit – wie in dem Bereich, wo ich momentan aushelfe – fast nur aus Reklamationsbearbeitung besteht.

Ich habe versucht, positiv an die Sache heranzugehen, weil diese Tätigkeit zusätzlich Geld bringt, weil ich der Kollegin, mit der ich mal längere Zeit zusammengearbeitet habe, ihren Urlaub wirklich gönne und auch, weil man bei anderer Arbeit mal wieder neue Einsichten gewinnt.
Ich mache es nun vier Tage und bemerke, dass mich der wenig konstruktive Charakter dieser Arbeit schon geprägt hat. Wenn ich mich daran mache, habe ich das Gefühl, mich im Schmutz zu bewegen. Noch bedenklicher ist es, dass ich beginne, dagegen abzustumpfen und mich dementsprechend zu verhalten. Allerdings bin ich in der glücklichen Lage, dass die Tätigkeit zeitlich befristet ist. Ich weiß genau, dass ich diese Arbeit auf Dauer nicht tun könnte, und würde man sie mir für ständig übertragen, müsste ich beizeiten kündigen, um nicht gesundheitlich Schaden zu nehmen – und auf diese Weise meiner Familie die Existenzgrundlage entziehen. Deshalb bewundere ich Leute, die permanent solche Arbeit erledigen müssen und es auch noch fertig bringen, gewissenhaft zu sein. Das ist, glaube ich, nur möglich, wenn man hinsichtlich seines Aufgabengebietes weniger verwöhnt ist. Meine reguläre Arbeit ist relativ vielseitig und verantwortungsvoll, und so was verwöhnt zweifellos.
Es ist aber auch ein Vorteil, bei solcher Gelegenheit zu spüren, wie gut man es normalerweise hat.