Eltern, heißt es in der Erziehungs-Kolumne unserer Tageszeitung, müssen wie ein Fels in der Brandung sein, damit ihre Kinder gesund heranwachsen.
Ein Fels bin ich beileibe nicht, und wenn schon die Brandung als (freilich nicht ganz originelle) Metapher bemüht wird, sehe ich mich eher als ein Stück Treibholz, das darin herumgewirbelt wird. C., der Kindesvater, ist vielleicht etwas kompakter, aber Treibholz wie ich, außerdem berufsbedingt meist abwesend.
Michel Houellebecq hat alles noch konkreter formuliert und macht den Mangel an aufopferwilligen Frauen für alles Leid der modernen Welt verantwortlich. Peter Hahne würde ihm bestimmt beipflichten, aber ihn frage ich lieber nicht – schließlich möchte ich mein Abendessen gern bei mir behalten.
L., 15, hat gestern Abend Freunde nach Hause begleitet. Es war 22 Uhr, J. und ich richteten uns im Büro – einem Mehrzweckraum im Erdgeschoss – zur Nacht ein, weil es dort etwas kühler als in der Wohnung ist. Ich hinterließ L. einen Zettel auf seiner Computertastatur (wo sonst!) mit der Mitteilung, wo wir seien, und der Bitte, er solle gleich schlafen gehen, schließlich sei Wochentag. Ich blieb noch ein Weilchen wach und hörte ihn die Treppe hinaufgehen. Am nächsten Morgen fand ich ihn nicht in seinem Bett vor. Telefonisch konnte ich ihn nicht erreichen, denn sein Handy lag hier zuhause auf seinem Kopfkissen. Nach dem ersten Schock zwang ich mich zur Ruhe und dachte mir, er könne ja nur bei einem Freund übernachtet haben. Ich war dennoch sehr beunruhigt und wurde auch zunehmend wütend, weil L. zwar sehr pubertär, phlegmatisch und nachlässig ist, sich in der Woche aber an gewisse Zeiten halten muss.
Die schlimmsten Schreckensvisionen (L. nachts in die Elbe gestürzt, vom Blitz erschlagen – tatsächlich gab es ein heftiges Gewitter -, irgendwo in einer dunklen Ecke überfallen und totgeschlagen) versuchte ich aus meinem Kopf zu verbannen, aber das funktionierte nur vorübergehend. Immerhin erhielt ich bei der Arbeit keinen Anruf von der Schule, dass er nicht angekommen sei. In der Schule anrufen wollte ich aber auch nicht: „Guten Tag, ist mein Sohn zum Unterricht gekommen...“ lässt ja schlimmste Abgründe erahnen.
Als ich von der Arbeit nach Hause fuhr, hoffte ich nichts mehr, als ihn in seinem Zimmer vorzufinden. Und tatsächlich – die Rollos waren heruntergelassen, der Computer also eingeschaltet – L. zuhause. Ich rief mir alle Wut vom Morgen ins Gedächtnis, um ihn ja nicht meine Erleichterung spüren zu lassen. Er sah mich schuldbewusst an, und ich ließ eine für mich wirklich untypische Schimpfkanonade, die nach und nach in eine Predigt überging, auf ihn los. Er erzählte mir, er sei wirklich 22.30 Uhr nach Hause gekommen, aber nur, um seine Schulsachen zu holen – eine Freundin hatte ihn gebeten, bei ihr zu übernachten. Das Handy habe er absichtlich liegen gelassen, damit ich ihn nicht anrufen könne. (Ich fasse es noch immer nicht!) Nun weiß ich zwar, dass die betreffende Freundin wirklich nur eine Freundin ist, aber das macht die Umstände nicht viel besser. Es ist eine von vielen Grenzüberschreitungen, in denen er sich seit einem reichlichen Jahr regelmäßig übt.
Ganz am Rande erwähnt, ist L. auch seit Monaten kontinuierlich damit beschäftigt, sich seine Zukunftschancen zu vermasseln – er kann von Glück reden, wenn er versetzt wird. Natürlich waren seine Brüder auch keine Engel, aber so lang anhaltend waren die schwierigen Phasen bei ihnen nicht – oder kann ich mich nur nicht mehr so genau daran erinnern?
Eine Kollegin hat mal gesagt, man könne froh sein, wenn das eigene Kind die Pubertät übersteht, ohne sich umzubringen. Ich wünschte oft, man könnte diese Phase einfach auslassen.
Gelassenheit, heißt es, müsse man pubertierenden Jugendlichen entgegenbringen. Und Sicherheit geben natürlich. Ein Fels in der Brandung, wie gesagt. Wenigstens habe ich mir die schlimmsten Sätze „Wenn mir noch einmal so was passiert, kannst du deinen Kram nehmen und unter einer Brücke schlafen“, „Noch so was, und ich geh mit dir zum Jugendamt“...verkniffen. L. hat, als die Aussprache vorbei war, mit einer seiner typischen Kasper-Nummern die Wogen geglättet, und ich konnte nicht anders, als mitzulachen. Deshalb wünsche ich mir, so einen Fels mal ausleihen zu können (vielleicht hat unsere Familienministerin eine Idee, wie das gehen soll!). Für ein paar Wochen, oder besser, bis die Pubertät vorbei ist – so bis zwanzig oder doch besser bis dreißig.