15 August 2007
14 August 2007
11 August 2007
10 August 2007
Traumurlaub
Wir wollten nach vielen Jahren ohne jegliche Ortsveränderung endlich ans Meer, in den Süden. Im Spätherbst des Jahres 1996 brachte C. einen ganzen Stapel Kataloge mit nach Hause, die wir gemeinsam mit den Kindern durchsahen. Überraschend schnell einigten wir uns auf ein Wunschziel: eine Ferienhausanlage bei Armacao de Pera, Algarve, Portugal.
Ein Urlaub an der Südküste Portugals ist teurer als ein Urlaub am Mittelmeer, das gilt für eine sechsköpfige Familie noch mehr als für andere Erholungssuchende. Es war ein Luxus, den wir uns eigentlich nicht leisten konnten, aber wir buchten die Reise, weil es unser aller Wunsch war und wir diese Ferien sehr nötig hatten. Wir hätten uns von den dazu notwendigen Mitteln ein Auto kaufen können – das wir bis heute nicht haben und mittlerweile auch gar nicht mehr wollen -, aber wir waren entschieden maßlos und unvernünftig. Dieser Unvernunft verdanken wir unser schönstes gemeinsames Erlebnis.
Reiseprospekte bewerben die Algarve als die schönste Küste Europas. Ich bin vorsichtig mit Superlativen, außerdem müsste ich mehr Küsten kennen, um so etwas beurteilen zu können; Fakt ist aber, dass die Algarve vor unserem Urlaub dort eine der schönsten Küsten war, die ich mir vorstellen konnte, und dass sich dieser Eindruck durch den Urlaub noch verstärkte. Bizarre, malerisch geformte Felsformationen, kleine, intime Badebuchten, goldgelber Sand, türkisfarbener Atlantik – genau so ist sie.
Armacao de Pera ist keine besonders schöne, aber überschaubare Stadt. Der breite Sandstrand dort ist ebenso beliebt wie übervölkert. Unsere Unterkunft befand sich nordwestlich vom Ort, oberhalb mehrerer kleiner Badebuchten. Den kleineren Ferienhausanlagen vorgelagert waren zwei Luxushotels, ausnahmsweise geschmackvolle Anlagen, aber es gab keine Privatstrände. Wir hatten wirklich eine gute Wahl getroffen. Natürlich lief der Urlaub nicht ohne Zwischenfälle ab. Kurz vor dem Abflug verschluckte sich Josefine, damals vier Jahre alt, an einem großen Bonbon, aber die Sanitäter, die sie untersuchten, gaben Entwarnung – sie hatte das Ding schon hinuntergeschluckt, und wir konnten ohne Bedenken ins Flugzeug steigen. Kurz bevor wir unser Ferienhaus erreichten, lief Lucas, damals 5 ½, beinahe in ein Motorrad. Als wir uns eingelebt hatten, ließen wir Daniel und Marcus, damals 12 und 10, auch mal allein in die Stadt gehen. Und ich brach eines Mittags ohne Begleitung zu einer Wanderung auf, in Sandalen, kurzem Rock und Bluse, mit einer Dose Cola in der Handtasche. Bei dieser Wanderung kam mir anfangs ein Pärchen entgegen, dann traf ich stundenlang niemanden mehr. Die Küste wurde immer einsamer. Ich kletterte durch ein tief eingeschnittenes Tal, wo es keinen festen Weg gab. Ich lief noch weiter an der Küste entlang, genau so lange, bis ich das Gefühl hatte, besser umzukehren. Nachträglich las ich im Reiseführer, dass der Weg durch das gewisse Tal als besonders schwierig gilt. Wenn wir am Strand entlang gingen, fanden wir oft Überreste von Fischen mit großen Bissspuren vor. Ein Bootsunternehmer, der für Hochseeangeln warb, verkündete, dass an der Algarve alle Haiarten ausreichend vertreten wären. Natürlich gingen wir trotzdem in den Atlantik baden. Das Wasser ist kühl und ein bisschen trüb; ich werde nie vergessen, wie es aussieht und sich anfühlt.
Von dieser Reise haben wir lange gezehrt, und auf die Frage, ob es denn wirklich der Traumurlaub gewesen sei, ohne Zögern mit „Ja“ geantwortet. Uns hätte dort auch Schlimmes passieren können, aber selbst wir Erwachsenen flüchteten uns damals in den Kinderglauben, dass schon alles gut gehen werde. Wären wir dazu nicht imstande gewesen, hätten wir den Urlaub nicht genießen können.
Ich habe mir immer gewünscht, irgendwann wieder nach Portugal zu reisen. Mein Traumziel war ein kleiner, intimer Ort, sehr viel westlicher als Armacao de Pera gelegen: Praia da Luz, was – sehr treffend - so viel wie Strand des Lichts bedeutet.
Ein Stück Küste, in das ich mich auf ersten Blick verliebt habe, als ich ein Foto davon sah. Abgeschiedener und idyllischer als die Gegend, wo wir gewohnt hatten, in einer weiten Bucht mit feinem Sandstrand, blauem bis türkisblauem Meer, fernen, etwas schroffen Klippen, kleinen, hübschen Ferienhäusern. Es sollte für uns aber aus verschiedenen Gründen ein Wunsch bleiben, der nicht in die Realität umgesetzt wurde.
Der Ort Praia da Luz geriet vor ein paar Wochen in die Schlagzeilen, als ein kleines Mädchen dort aus einer Ferienwohnung verschwand. Immer wieder berichten die Medien von Hinweisen, Spuren und grausigen Vermutungen. Das ist alles unfassbar und schrecklich, und es erscheint, weil es in einem – offenbar nur scheinbaren – Paradies geschehen ist, noch schrecklicher. Und obwohl es nicht sehr erwachsen anmutet, scheint mir das Eingeständnis von Hilflosigkeit die einzig passende Reaktion zu sein.
Ich weiß nicht, ob ich noch einmal den Wunsch haben werde, an die Algarve zu reisen.
05 August 2007
Ein gutes Buch
Keine Zerstreuung, sondern das Gegenteil davon.
04 August 2007
Ein versehentlicher Klick
Seit geraumer Zeit vermeide ich es, während der Ferien in die Tageszeitung zu schauen, und zwar aus gutem Grund. Schaue ich nämlich hinein, geht es mir wie demjenigen, der den Ausspruch tat, man könne gar nicht so viel schlucken, wie man k…tzen möchte – und dieses Gefühl möchte ich mir doch wenigstens im Urlaub ersparen.
Neuerdings sehe ich mich veranlasst, meine Vorsichtsmaßnahmen auch auf das Internet auszudehnen und Seiten, die Nachrichten enthalten, gar nicht mehr aufzurufen.
Gestern, auf der Suche nach ein paar Filmkritiken, landete ich auf einer solchen Seite. Und sofort fiel mir dies ins Auge:
http://www.sz-online.de/nachrichten/artikel.asp?id=1565409
Schon die Überschrift ließ mich rot sehen. Es genügt also nicht, dass ohnehin schon der Job alles dominiert, einfach deswegen, weil Arbeitsplätze, die so entlohnt werden, dass Familien davon existieren können, so rar sind und entsprechendes Engagement erfordern: nun soll auch noch die verbleibende (Familien-)zeit , der Urlaub, wo der Alltag ausnahmsweise annähernd so abläuft, wie es viel öfter sein sollte, beschnitten werden.
In einem Buch, das ich derzeit lese, steht geschrieben, Aggressionen seien notwendig und wichtig, aber das Aggressionspotential, das sich in mir aufbaut, wenn ich so was lese, ist so gewaltig, dass es mir selbst Angst macht. Und wenn ich andererseits Aufrufe von Politikern lese, junge Leute sollten doch Mut zeigen und Kinder in die Welt setzen, geht mir mehr als nur ein Messer in der Tasche auf.
Der moderne Turbokapitalismus ist kein Umfeld für Familien – dabei bleibe ich. Und manchmal hätte ich Lust, den Verfechtern solcher Forderungen meinen ganzen Alltagskram um die Ohren zu hauen. Mit dieser Sicht stehe ich nicht allein. Mein kinderloser Schwager will spätestens in zwei Jahren alles hinwerfen und Hartz-IV-Empfänger werden, schließlich, so meint er, stünden genügend 20-Jährige auf der Straße, die zur Abwechslung mal arbeiten könnten.
Vielleicht handelt es sich bei dem erwähnten Vorschlag aber auch um ein neuartiges Ausleseverfahren unter den Arbeitnehmern: ein Verfahren, das sich gezielter Demotivation bedient. Einen anderen Sinn kann ich darin jedenfalls nicht erkennen.
03 August 2007
Ferien
Doch anders zu leben als im Alltag, wenn auch nur für wenige Tage, bestenfalls Wochen, scheint mir das Wesentliche zu sein. Anders zu leben, heißt für uns zunächst länger schlafen, spät und in Ruhe frühstücken und dann etwas unternehmen. Und etwas unternehmen sollte man schon, schließlich möchte man ja, wenn man nach dem Urlaub gefragt wird, auch etwas vorweisen können! Aber man setzt sich auch selbst unter Quantitäts- und Rentabilitätsdruck: von einer Reise, die immer ein Ereignis und immer nicht ganz billig ist, möchte man so viele Eindrücke wie möglich mitnehmen. Der oft getätigte Ausspruch „wer weiß, wann wir wieder hierher kommen“ erweist sich meist als berechtigt: in Berlin waren wir zuletzt vor siebzehn Jahren - obwohl die Einladung meiner Tante seit langem stand.
In einer Illustrierten las ich, wie Menschen in Urlaubs-Typen unterteilt wurden: je nach Vorliebe für bestimmte Feriengegenden (Meer, Berge, Städte) gab es den Strand-Typ, den Gipfel-Typ und so weiter. Jedem dieser Typen waren bestimmte Persönlichkeitsmerkmale zugeordnet, als tiefenpsychologisches (oder doch eher küchenpsychologisches) Resultat eines tatsächlichen, eingebildeten oder durch die Medien herausgekitzelten Ferienverhaltens. Das Sich-Einordnen in bestimmte Schubladen scheint recht beliebt zu sein, sonst würde man nicht regelmäßig mit solcher Illustrierten-Typologie konfrontiert. Meine Einordnungsversuche bleiben immer uneindeutig und sagen mir, dass mehrere Seelen in meiner Brust schlagen, was mich immerhin etwas verwundert, da ich bisher von nur zwei Seelen ausging: einer erlebnishungrigen und einer ruhebedürftigen. Erstere liebt alles, was außerhalb des eigenen Horizontes liegt – von Glasbetonbauten, Industriegebieten (auch brachliegenden, verödenden) und Kaufhausdschungel einmal abgesehen. Letztere aber scheint sich mehr und mehr durchzusetzen und liebt es, in wahrem Luxus zu schwelgen: Zeit zu haben, betrachten zu können, Zeit zu haben, Dinge wahrzunehmen, die im Alltag untergehen, Zeit zu haben, in Tage hinein zu leben, nichts zu tun, nichts vorzuhaben, Zeit zu haben, nachzudenken, kreativ zu sein, Zeit zu haben, für Menschen da zu sein. Und für all das, was ich für wirklich wichtig halte, bleibt im Alltag kaum noch Raum.
Zehn Tage Großstadturlaub mit Besichtigungs-, Kultur-, Erlebnis-, Bildungs- und ein wenig Erholungsprogramm haben zur Folge, dass ich für den Rest der Ferien auf der Flucht bin: vor Erwartungen, Kompromissen, vor Menschen und ihren Bedürfnissen und vor Programmen schlechthin, und es kümmert mich immer weniger, wie das bewertet wird.



