Von Frau zu Frau
Meine Tochter Josefine machte mich auf diesen Film aufmerksam. Sie fand, die Mutter, dargestellt von Diane Keaton, würde mich an die Oma – meine Mutter - erinnern. Wir haben uns den Film angesehen, er war recht amüsant, und ich erkannte mich in dieser nervigen Mutter auch ein wenig selbst wieder. Als wir aus dem Kino kamen, sagte ich das meiner Tochter, worauf sie antwortete: „Nein, du doch nicht.“
Sie hat mich nicht ganz überzeugen können. Ich bat sie, mir sofort zu sagen, wenn ich mich dahingehend verändere, und hatte dabei gar nicht so sehr Diane Keaton im Sinn.
Einige Zeit war ich wütend auf meine Mutter. Dann begann ich dieser Wut auf den Grund zu gehen. Was ich mir zusammengereimt habe, ist kompliziert und hat nicht nur mit ihr allein zu tun. Allmählich aber denke ich, ihr Verhalten, das mich immer so wütend gemacht hat und nach wie vor nervt: ihre Einmischungen, Übergriffe, ihre Verbalattacken gegen meine Familie, vor allem gegen C. und die Kinder, könnte man auch als Zuneigung interpretieren, die sie eben nur auf diese Weise äußern kann, was womöglich nicht einmal absichtlich oder bewusst geschieht.
Meine Mutter hat es nicht leicht gehabt. Ihre Schwestern haben mir erzählt, dass ihre Mutter – meine Oma – sehr streng war. Als Enkelin habe ich sie natürlich ganz anders erlebt. Meine Mutter war die Älteste von fünf Mädchen und wurde in den harten Nachkriegsjahren gewiss sehr rau und unsensibel behandelt, was nicht verwunderlich ist. In Zeiten von Not, Elend und tiefer Verunsicherung können Eltern nicht unbedingt das nötige Feingefühl in Erziehungsfragen haben, da haben andere existentielle Dinge Vorrang.
Als meine Mutter meinen Vater kennen lernte und ihm in die DDR folgte, wurde ihr zugesichert, sie könne wieder ausreisen, wenn es ihr nicht gefiele, was sich als Lüge erwies. Die Ehe meiner Eltern war unter diesen Umständen von vornherein zum Scheitern verurteilt. Meinem Bruder und mir zuliebe blieben sie zusammen, bis wir selbständig waren, und dafür bin ich ihnen sehr dankbar, auch wenn andere das als Fehler ansehen. Heute sagt meine Mutter, sie habe sich die Welt von zwei Seiten angesehen. Dieses positive Resümee ehrt sie. Sie besitzt sehr viele positive Charaktereigenschaften, um die ich sie beneiden könnte. Aber mehr als Respekt, Mitgefühl und Verständnis kann ich nicht für sie aufbringen. Ich habe ja selbst Kinder und eigentlich erst ab dem dritten Kind begriffen, dass man es vom ersten Augenblick an mit einem Individuum zu tun hat, dem man nicht die schwere Hypothek mit auf den Weg geben sollte, den eigenen Wunschvorstellungen entsprechen zu müssen, um akzeptiert oder gar geliebt zu werden. Solche Verhaltensmuster zu durchschauen, ist aber alles andere als einfach. Meine Mutter weiß heute darum und macht sich Vorwürfe. Auch das kenne ich gut.
Wenn sie nun aber doch so etwas wie Zuneigung für ihre Angehörigen empfindet – ich war immer der Meinung, sie sei dazu nicht imstande - , freut mich das für sie.
Es ist oft kompliziert mit Müttern und Töchtern. Deshalb ist es ab und an schön, über die ganze Problematik mal lachen zu können. Insofern hatte der Film schon etwas Befreiendes. Meine Mutter hat ihn leider nicht gesehen.



