31 Oktober 2007

Vom Pluto

Es gibt mir zu denken, was diesem Himmelskörper widerfahren ist. Jahre, Jahrzehnte lang galt er als Planet, als kleinster dieses Sonnensystems, und dann, per Definition, ist ihm dieser Status aberkannt worden.
Auf der Strandpromenade von Warnemünde kann man ein Modell unseres Sonnensystems betrachten und die Entfernungen zwischen den Himmelskörpern „begehen“. Viele Planeten sind gut zu erreichen und in Sichtweite, aber um zum Pluto zu gelangen, muss man ein Stück wandern, und dafür muss man Zeit haben. Als wir dort im Urlaub waren – ich war noch ein Kind – hatten wir keine.
Ich sagte immer: „Wenn ich groß bin, laufe ich da hin“, um meinen Protest kundzutun. Meine Eltern sagten dann, das könne ich gern tun. Ich bin aber nicht wieder nach Warnemünde gekommen. Vielleicht ist der Pluto inzwischen auch entfernt worden, weil nicht mehr zeitgemäß.

Diese Seite gibt es nun seit etwa einem Jahr. Ich weiß, dass der alte Blog besser war, aber er existierte nur wenige Monate. Es ist mir im Nachhinein geradezu unheimlich, unter welchem Zwang ich daran gearbeitet habe. Ich bin mit den Textchen, die ich aufgehoben habe, immer noch einverstanden, und das hat Seltenheitswert, habe aber diese meine Ansprüche nicht durchhalten können.
Vor ein paar Wochen las ich einen Textausschnitt durch, den ich mal in einem Literaturforum vorgestellt habe. Damals schrieb eine Person, deren Meinung ich sehr schätze, man merke dem Text an, dass er mit einiger Mühe entstanden ist. Das war höflich ausgedrückt, denn so gut wie alles an diesem Text war, wie ich heute weiß, Krampf, nichts als Krampf.
Ich dachte, um besser zu werden – und ich wollte besser werden – müsse ich mich sehr anstrengen. Deswegen die vielen Bücher, die ich in den letzten Jahren gelesen habe, deswegen meine Anwesenheit in einem Forum, in das ich mit meinen Texten nicht hinein passe.
Das Problem liegt, das weiß ich natürlich, weder in der guten Literatur, noch bei diesem Forum. Insofern freue ich mich darüber, dass diese Seite, so mittelmäßig, so belanglos sie sein mag, noch existiert. Und was die Netzliteratur betrifft, geht die Tendenz ja schon lange weg von den Foren und hin zum Blog, wo man wie ein Planet mehr oder weniger um sich selbst kreist.

Den Pluto dürfte es kaum kümmern, in welche Kategorie ihn die Wissenschaftler einordnen, und er würde auch nicht auf die Idee kommen, sich besonders anzustrengen, um irgendwann wieder ein Planet genannt zu werden. Vielleicht komme ich ja doch irgendwann da hin - ohne nach Warnemünde zu fahren.

28 Oktober 2007

Moritzburger Fischzug

Ich hatte wenig Lust, in diesem Jahr zum Fischzug nach Moritzburg zu fahren. Zu deutlich war noch die Erinnerung an über Transportbänder rutschende, zappelnde Fischleiber und das Schlachten und Ausnehmen vorm Verkauf, dazu Gedränge und ausnehmend schlechtes Wetter im vergangenen Jahr.
Aber Kind wollte hin, und da ich bei jeder unserer alljährlichen Unternehmungen denke, es könnte doch das letzte Mal sein, dass unsere Jüngste sich dafür interessiert, gab ich nach. Und da Kind unbedingt mit der Bimmelbahn fahren wollte, nahmen wir auch das in Kauf. Die Schmalspurbahn http://www.oberelbetours.de/de/historische_fahrzeuge/loessnitzgrundbahn/index.html, die von Radebeul http://www.radebeul.de/G%C3%A4steservice.html nach Moritzburg http://www.moritzburg.de/ fährt, ist heute in erster Linie Touristenattraktion und ihre Benutzung dementsprechend teuer.
Während wir sie früher öfter genutzt haben, schrecken uns heute die Preise, weswegen unsere Ausflüge in Richtung Moritzburg seltener geworden sind. Aber sitzt man einmal in einem der kleinen Waggons und erfreut sich an der Nostalgie der Beförderung und der gemächlich vorbeiziehenden Landschaft, kann man gar nicht anders, als der Idylle zu verfallen. Und das Anheimelnde hat, wie wir heute wiederholt festgestellt haben, viel mit Erinnerungen zu tun.
Der Bahnhof von Moritzburg ist renoviert worden, verfügt jetzt über einen geschützten Verkaufsraum, einen Imbiss und öffentliche Toiletten. In der nach wie vor kalten Wartehalle findet man ausreichend Informationsmaterial. Überhaupt hat sich der Ort gemausert, auffallend sind die vielen neugebauten Häuser, und die Schlossallee ist mit ihren neuen Geschäften und Gaststätten richtig fein geworden, aber kleinstädtisch gemütlich geblieben.
Der Fischzug ist ein stinknormales Volksfest mit Händlern, Marktschreiern, Glühwein- und Würstchenbuden, ein wenig Folklore und natürlich – Fisch in allen erdenklichen Zubereitungen. Normalerweise meiden wir solche Feste, weder C., noch ich mögen diese Bierzeltatmosphäre, er sieht sich aber immer ganz gern bei den Händlern um. Auch dieses Jahr wurde der ultimative Alleskleber angepriesen, wurden Bürsten in allen Größen präsentiert, das meiste Interesse aber riefen die Anbieter von Hightech-Gemüsehobeln hervor, die ihr Publikum davon zu überzeugen versuchten, wie wichtig es sei, Porree nicht nur zentimeterdick, sondern auch mikroskopisch fein schneiden zu können. Neu waren die vielen Stände, an denen Gewürze verkauft wurden. Offenbar gibt es Bedarf daran, der vermutlich auch durch die vielen Kochsendungen im Fernsehen geweckt wurde – nicht der schlechteste Trend, wie ich finde. An einem Verkaufsstand, an dem verschiedenste Sachen auslagen, gerieten wir plötzlich ins Schwärmen. Es gab große Adventskerzen mit aufgedruckter Skala, die jeden Tag im Dezember markiert, so dass man die Kerze immer ein Stückchen herunterbrennen lassen kann; wir kannten diese Kerzen aus unserer Kindheit und waren gleichermaßen davon angetan, und deshalb kauften wir eine. Das ist auch so ein DDR-typisches Stück, überhaupt wundert es mich, rückblickend, dass Weihnachten in der DDR kaum anders gefeiert wurde als heute im vereinten Deutschland, vom Warenangebot in den Kaufhäusern einmal abgesehen.
Kurz vor 15 Uhr wurde noch einmal abgefischt, wir waren aber schon wieder auf dem Rückweg und sahen nur aus der Ferne, wie die Männer mit ihren Gummihosen in den fast gänzlich abgelassenen Schlossteich wateten. Obwohl die frisch gefangenen Karpfen und Forellen sehr lecker sind, haben wir dieses Jahr keine mitgenommen.
In den Wäldern um Moritzburg gibt es sehr stille und einsame Flecken, die ich besonders mag, aber ein Wochenende wie dieses ist nicht der richtige Zeitpunkt, um sie aufzusuchen. Ein wenig hoffe ich schon, vor Wintereinbruch noch mal mit dem Fahrrad hinzukommen. Ein schönes Foto vom Schlossteich ist mir aber gelungen.

27 Oktober 2007

21 Oktober 2007

Wald lehrt uns, dass Monotonie den Geist verdüstert und das Leben gefährdet: Nur der aus Laub- und Nadelbäumen gemischte, am selben Ort jung und alt gestufte Wald ist heiter und standhaft...

(Horst Stern)

Gefunden im Museum Schloss Lauenstein




13 Oktober 2007

Sphärenklänge (4)

Am vergangenen Mittwoch gab der Domorganist Hansjürgen Scholze http://www.bistum-dresden-meissen.de/Detailed/1469.html ein Konzert in der Frauenkirche. Vor drei Wochen habe ich ein Konzert mit ihm und dem Dresdner Barockorchester in der Hofkirche erlebt und war angenehm überrascht, wie leicht und harmonisch die Orgel im Zusammenspiel klingt – was sicher in hohem Maße ein Verdienst der Musiker ist -; allerdings, ich muss es gestehen, steigerte dieses Konzert wieder meine Vorfreude auf Orgelmusik, und nichts als Orgelmusik.
Deshalb, und weil ich mir den 10.10.07 schon lange als Konzerttermin vorgemerkt hatte, freute ich mich besonders auf diesen Abend. Zuvor war, wie jeden Mittwoch, Yogakurs, in dem ich – konditionell - meine Mühe hatte. Nach dem Yoga habe ich immer noch etwas Zeit für einen kurzen Stadtbummel, aber dieses Mal fühlte ich mich müde und abgeschlagen und wäre, hätte ich mir nicht schon die Konzertkarte im Vorverkauf besorgt, möglicherweise nach Hause gefahren. Aber ich hatte die Karte und einen sehr guten Platz dazu, und deshalb brachte ich den Bummel hinter mich und ging dann wie geplant ins Konzert.
Die Konzerte in der Frauenkirche sind vergleichsweise gut besucht, viele Touristen möchten die Kirche ansehen und Musik hören und verbinden beides auf diese Weise. Für mich ungewöhnlich ist immer wieder die in Barockkirchen übliche Anordnung der Orgel über dem Altar. Ich saß mitten im Mittelschiff mit Blick auf den musikalischen Olymp und gleichsam mitten im Strahl der Töne. (In der Kreuzkirche und in der Hofkirche ist es weniger wichtig, wo man sitzt, dort ist die Akustik einfach besser).)
Organisten sind, so das unangemessene Urteil eines musikalischen Laien, ein wenig wie Halbgötter. Unangemessen deswegen, weil es das Können, die Arbeit und Disziplin außer Acht lassen, Fähigkeiten, die zweifellos, bei aller gewiss vorhandenen Begabung, vonnöten sind, um ein so „königliches“ Instrument zu beherrschen.
Der Organist war zehn Minuten vor Konzertbeginn auf der Orgelempore, ging auf und ab, zur Orgel hin, um noch einmal zur Seite zu treten und abzuwarten. Sollte dieser gestandene Musiker gar nervös sein?
Wahrscheinlich musste er es sein. Alles, was er an diesem Abend spielte, war so wunderschön wie anspruchsvoll, und es gab sogar eine Uraufführung. Dieses Stück von Rainer Lischka, gestorben 1942, klang durchaus interessant. Neben mir saßen Touristen mit ihrer Reiseleiterin. Diese eleganten, weltläufigen Leute flüsterten sich leise zu, was sie davon hielten. In solchen Situationen merkt man immer wieder, dass auch gutsituierte, gebildete Leute ziemlich beschränkt sein können.
Dieses Konzert war – ich wusste es im Grunde schon vorher – ein Hochgenuss. Die Stücke waren recht verschieden, sehr hörenswert, sehr bereichernd und brillant gespielt. Ich fühlte mich belebt und beschenkt wie immer, wenn einer „unserer“ Dresdner Organisten spielt.
Hansjürgen Scholze ist, wie mir scheint, ein ebenso professioneller wie bescheidener Künstler: am Ende des Konzerts, wenn das Publikum applaudiert, weist er auf die Orgel, als hätte sie ohne sein Zutun Musik gemacht. Auch das finde ich bewundernswert und ausgesprochen sympathisch.

Der Himmel über Mickten (2-4)

05 Oktober 2007

Der Herbst...

ist mir die liebste Jahreszeit, gewiss – aber nicht nur – deswegen, weil ich im Herbst das Licht der Welt erblickt habe.
Ich mag das intensive und milde Leuchten der Natur, die warmen Farbtöne, die morgendliche Frische, die oft schon die Kälte mancher Wintertage und -nächte erahnen lässt und doch immer wieder von der Sonne überwältigt wird. Ich mag Herbstblumen und Heidepflanzen – mein Heidegärtchen ist das Einzige, was ich von unserem großen Gemüsegarten, den ich auf eigenen Wunsch hin abgegeben habe, vermisse. (Naja, um die Spargelbeete war es auch schade. Die Entscheidung gegen diesen Garten war aber trotzdem richtig.)
Ich mag sogar die leichte Melancholie, die sich im Herbst bemerkbar macht und mich dazu bewegt, an manchen Abenden bis zum letzten Lichtschimmer draußen zu bleiben.
Aber die kühle Jahreszeit, die an Regentagen schon ihre Schatten vorauswirft, hat auch ihr Gutes: Man darf etwas mehr faulenzen als sonst. Zwar verwildert unser Gartenteich von Jahr zu Jahr mehr, sind die Koniferen noch immer nicht verschnitten, die Bäume noch immer nicht ausgeästet, und sowohl am als auch im Haus wäre ebenfalls diese oder jene Arbeit zu erledigen gewesen, woraus insgesamt ersichtlich ist, dass ich mittlerweile ganz gut mit aufgeschobenen Dingen leben kann (mein Mann konnte das schon immer gut), aber, ganz ehrlich, wenn die Jahreszeit und die Witterungsverhältnisse gewisse Arbeiten von vornherein ausschließen, lebt es sich noch angenehmer.
Weil ich es so gar nicht mag, unter Zeitdruck zu stehen, habe ich in diesem Jahr etwas früher begonnen, die Zimmerpflanzen ins Haus zu holen, schön langsam, nach und nach – bloß keine Hau-Ruck-Aktion. Was dann im Garten bleibt, wird den Winter überdauern.
Aber auch in anderer Hinsicht steht, denke ich, eine längere Pause auf dem Plan. Es müsste mir eigentlich Sorgen machen, ein Großprojekt in den Winterschlaf zu entlassen, der möglicherweise noch weitere Winter – und dazwischenliegende Jahreszeiten – andauern könnte. Aber es macht mir keine Sorgen, eher fühlt es sich seltsam an, einige Personen, die ich ganz oder zumindest teilweise erfunden habe, für längere Zeit zu verlassen, als wären sie lebendig. Passenderweise steht in der Handlung tatsächlich eine Winterpause bevor – Kriege wurden vor 1.900 Jahren nur von Frühjahr bis Herbst geführt.
Ich lasse das Projekt in erster Linie deshalb ruhen, weil andere Dinge Vorrang haben, aber auch, weil es sich bisher in dieser Sache bewährt hat, manches offen zu lassen, damit es sich entwickeln kann. Ich glaube, die Pause wird für mich und das Projekt gut sein – und auch für die Herren und Damen, die für längere Zeit im alten Rom und in Dakien ausharren müssen, bis ich mich wieder ihrer annehme.