26 November 2007

Novemberblues

Montage sind ja allgemein keine Gute-Laune-Tage, aber der heutige Tag war kein gewöhnlicher, von latenter Unlust bestimmter Wochenanfang, ich war in ausnehmend mieser Stimmung und hätte mich am liebsten für etliche Tage unter der Bettdecke verkrochen.
Das Wochenende war nasskalt und ungemütlich, ich bin nicht so lange wie sonst im Freien gewesen, habe dagegen viel Hausarbeit erledigt und längere Zeit am Computer gesessen, und derartige, wenn auch kleine Tagesablauf-Sünden schlagen mir sofort aufs Gemüt. Möglicherweise hat mich auch einfach nur das einholen müssen, was ich durch Fahrradtouren und sonstige Wohlfühlaktionen unbedingt zu vermeiden suchte. Außerdem hatte ich gestern Abend – es war ja Totensonntag - in den Briefen meiner Großeltern gelesen, und einige, wenn auch uralte Krisengespräche rückten wieder ins Bewusstsein.
Mein Großvater hätte heute morgen trotzdem seine Freude an mir gehabt, denn selbstverständlich blieb ich nicht im Bett, sondern ging wie gewohnt zur Arbeit, stellte mich also den täglichen Herausforderungen – Tüchtigkeit und Pflichterfüllung waren immer sehr wichtig für ihn, und deshalb hat er, wenn auch in freundlich – nachsichtiger Form, immer wieder daran appelliert, wenn er an mich schrieb.
Ich hatte heute nicht einmal Lust, zum Friseur zu gehen, hatte den Termin aber einmal ausgemacht, da ein Haarschnitt dringend nötig war. Der Schnitt, selbst die Haarlänge waren mir völlig gleichgültig, ich musste nur wieder etwas zivilisierter aussehen.
Als ich dann im Salon vor dem Spiegel saß, entschied ich mich für denselben Schnitt wie vor ein paar Wochen, weil es mir peinlich war, zu sagen, dass es mir im Grunde egal sei.
Der Friseurbesuch hat mich aber doch aufgemuntert, die Friseurin ist sehr freundlich und taktvoll und kann auch was. Ich fand es richtig aufbauend, mit anzusehen, wie sie meine Mähne in Form brachte, und als ich dann nach Hause ging, fühlte ich mich auch allgemein wieder besser in Form.
Fazit: Sie funktioniert doch, diese typisch weibliche Schiene, Einkaufen oder Friseurbesuch gegen das Stimmungstief, wobei ich eher für Letzteres bin, denn Einkaufen ist eine Routineangelegenheit und als solche wenig erbaulich. Für das neue Jahr könnte ich mir einen anderen Haarschnitt und vielleicht auch ein paar getönte Strähnchen vorstellen. Und wenn die Tage wieder etwas länger sind, stehen die Chancen ganz gut, dass ich dabei bleibe.

24 November 2007

Ausblick

Der Sophienteich bei Moritzburg liegt etwas versteckt im Wald, und nur ein kleiner Uferabschnitt ist Spaziergängern zugänglich. Hier kann man innehalten, durchatmen, die Stille genießen, und ab und an kann man einen Reiher oder sogar einen Seeadler beobachten. Dies ist einer meiner Lieblingsplätze, immer wieder aufgesucht, fotografiert und gemalt.

21 November 2007

Makkaroni mit Tomatensoße

Obwohl in meinem Elternhaus die traditionelle Rollenteilung herrschte, hat sich mein Vater der Küche nicht völlig verweigert. Den abendlichen Abwasch hat er fast immer übernommen, Tischdecken und –Abräumen ebenfalls, und er hat auch öfter das Frühstück vorbereitet.
Eines Tages brachte er mir bei, wie man Kaffee aufbrüht – Kaffeemaschinen gab es damals noch nicht. Es ging, so lehrte er mich, nicht einfach darum, Wasser in den vorbereiteten Filter mit Kaffeepulver zu gießen; mein Vater hatte seine eigene Technik, damit sich das Aroma gut entfalten konnte und kein Pulver vergeudet wurde. Und er brachte mir bei, Nudeln mit Tomatensoße zuzubereiten. Dieses Allerweltsgericht wird vor allem von Kindern gemocht; und auch mein Vater hatte eine Vorliebe dafür, weswegen meine Mutter öfters die Bemerkung „Nudeln, immer nur Nudeln“ fallen ließ und abwertend den Kopf schüttelte.
Mein Vater erklärte mir, dass es nicht einfach darum ging, Nudeln und Soße zu kochen. Die gekochten Makkaroni wurden mit Zwiebeln und oft auch mit gewürfeltem gekochten Schinken in der Pfanne angebraten, gesalzen, und danach wurde die Soße dazugegeben. Am Schluss schlug mein Vater ein paar Eier in die Pfanne und hob sie unter die Nudeln mit Tomatensoße, bis das Ganze sämig war und das Ei flockig wurde. Damit war das Gericht so gut wie fertig, man brauchte nur noch geriebenen Käse darüber zu streuen. Immer, wenn meine Mutter nicht da war, gab es diese Nudeln, und ich habe sie auch oft gemacht, wenn Freunde zu mir kamen und etwas essen wollten. Für mich stand fest, dass dies die beste Art war, Nudeln zuzubereiten.
In meinem eigenen Haushalt habe ich es dann jahrelang anders gehandhabt, Nudeln und Soße extra gekocht oder, wenn es die aufwändigere Variante sein sollte, einen Auflauf in der Backröhre gemacht – wobei dann auch Schinken und Ei verwendet wurden. Die erstere Variante ist die einfachste und besonders gut zum Vorkochen und wieder Aufwärmen geeignet, und solche Gerichte sind bei uns zumindest in der Woche an der Tagesordnung.
Kürzlich habe ich mich aber an das Lieblingsgericht meiner Kindheit erinnert und es mal wieder zubereitet, mit zwei kleinen Abweichungen: Ich gab noch frisches Basilikum mit in die Pfanne, und statt des geriebenen Emmentalers gab es geriebenen Pecorino. Das Gericht sah – wie früher auch – etwas pappig aus, schmeckte aber sehr gut und, was das Wichtigste war, nach Heimat.

18 November 2007

Dresdner Heide

Wenn man dieser Tage aus dem Fenster sieht, wird man trübsinnig: es ist grau, nebelig, die Dämmerung scheint kaum zu weichen, und oft regnet es. Gestern Nachmittag habe ich mich aufs Fahrrad gesetzt, wollte zunächst auf dem Elberadweg nach Nordwesten fahren, habe es mir aber anders überlegt, die Richtung gewechselt und bin dorthin gefahren, wo ich früher gewohnt habe.
Kommt man aus dem Dresdner Norden, fährt man erst einmal an der Altstadt vorbei. Der Radweg ist sehr breit, so dass sich Fußgänger und Radfahrer gut nebeneinander bewegen können. Am etwas verwahrlosten Rosengarten vorbei geht es dann Richtung Waldschlösschen, wo man die Weite und Unberührtheit der Elbauen bestaunen und genießen kann, was aber, den neuesten Gerichtsbeschlüssen zufolge, bald nicht mehr möglich sein könnte, weil dort die neue Brücke – ein wahrhaftes Monstrum – gebaut werden soll.
Viele Leute gehen dort am Wochenende spazieren und führen ihre Hunde aus, was mir weniger gefällt; auch gestern waren wieder ganze Rudel von Vierbeinern unterwegs, aber glücklicherweise hatte keiner von ihnen irgendetwas Bedrohliches an sich. An der Saloppe bin ich dann hangaufwärts abgebogen, um die Bautzener Straße zu überqueren und in die Heide zu gelangen. Fährt man Richtung Radeberger Straße und wendet sich kurz hinter dem Fischhaus (wo man sehr schön essen kann) nach rechts, ist der Anstieg nicht ganz so steil wie an anderer Stelle, trotzdem geht es von da an stetig bergauf.
Es war kühl in der Heide, ich habe trotzdem mein Stirnband abgesetzt, so oft es ging, um die Stille besser wahrnehmen zu können. In diesen Novembertagen ist der Wald noch ruhiger als sonst. Spaziergänger traf ich nur in Waldrandnähe an, Radfahrer noch seltener. Auch am Nachmittag war der Nebel nicht gewichen, er lag über den Wegen, dem Waldboden und durchzog in feinen Schleiern die Kronen der höchsten Tannen und Fichten. Ich blieb immer mal stehen, um zu fotografieren und Geräuschen zu lauschen, den Wassertropfen, die von den Zweigen perlten und dem gelegentlichem Rascheln im Unterholz. Weil ich nicht in der Dunkelheit unterwegs sein wollte, sparte ich mir den Weg durch Bühlau und an meinem – inzwischen verkauften und wieder bewohnten – Elternhaus vorbei, sondern kürzte über bekannte Wege durch den Wald ab. Direkt neben einem Hauptweg befindet sich eine kleine Senke, wo ich als Kind eine Bude hatte. Diese Bude war aus einem Hohlraum unter einem entwurzelten Baum entstanden, nach Erweiterungsarbeiten passten dort mühelos drei bis vier Personen hinein. Wir waren damals gar nicht mehr so klein, schätzungsweise dreizehn, vierzehn, und es war die letzte Bude, die wir gebaut haben. Wir hatten die ganze Senke in Beschlag genommen, Beobachtungsposten auf den Bäumen und in den Büschen eingerichtet, von wo aus wir die Spaziergänger beobachten konnten. Dieses Sich-Einrichten im Wald hat auf mich immer einen besonderen Reiz ausgeübt.
Die besagte Senke ist nun fast völlig kahl geschlagen worden; das Abholzen ganzer Waldstriche hat mich schon früher geärgert, und nicht nur wegen der Buden, die plötzlich verschwunden waren. Ich fuhr dann über die Kastanienallee wieder nach Nordwesten zurück und gelangte über einen sehr geraden und gut befahrbaren Weg zurück zum Fischhaus.
Während der Fahrt kamen mir immer wieder Herbstgedichte in den Sinn, wegen des trüben Wetters vor allem dieses:

Hermann Hesse
Im Nebel

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.

Voll von Freunden war mir die Welt
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allen ihn trennt.

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.

Ich fühlte mich aber weder einsam, noch betrübt im Wald. Es war, bei aller Stille und Melancholie, eine sehr schöne, erholsame Fahrt. Am liebsten würde ich mich gleich wieder auf den Weg machen.

17 November 2007

November in Dresden

11 November 2007

04 November 2007

Elberadweg

Jetzt, da es kühler geworden ist, kann ich wieder auf dem Elberadweg fahren. In der warmen Jahreszeit ist er derart übervölkert, dass man ihn besser den Ausflüglern und Sonntagsfahrern überlässt.
C. hat mein Fahrrad winterfest gemacht, und so habe ich seit längerem wieder eine Tour unternommen, während er sich bereit halten musste, um seinem Bruder mit der Heizung zu helfen.
Es war wirklich eine Freude, mit neuem Profil, eingestellter Schaltung und geölter Kette aufzubrechen – das Rad fuhr beinahe von selbst und fast geräuschlos, weswegen ich mir in der herbstlich stillen Natur gar nicht wie ein Eindringling vorkam. Ich fahre gern allein, und Sonntags, gegen Mittag, bin ich am liebsten unterwegs. Am Elberadweg in Richtung Meißen ist die Natur sanft und zurückhaltend: Baumgruppen, durch die immer wieder das Wasser schimmert, kleine Hügelketten am anderen Ufer, mit Waldflecken besetzt; die Elbe strömt ruhig und in weiten Bögen dahin. Meine Kamera ist etwas eigen, sie bringt vor allem Kontraste zur Geltung, während meine Lieblingsplätze auf Fotos meist belanglos aussehen. Die sanften, fließenden Landschaften sind jedoch die, welche gut für die Seele sind.
Hinter Coswig, kurz vor Neusörnewitz, wird das Elbtal weit: Häuser und Straßen sind vom Fluss abgerückt, und man befindet sich in einer großen, freien, grasbedeckten Ebene, welche im Nordwesten von einem schroff abfallenden Bergrücken, der Bosel, begrenzt wird. Hinter der Bosel macht die Elbe einen Bogen. Hat man diesen Berg hinter sich gelassen, kann man die Domtürme von Meißen sehen. Heute hatte ich nicht die Absicht, dorthin zu fahren. Mein Ziel war ein Rastplatz mit Ausblick auf die Ebene und die Bosel.
Wenn dieser Rastplatz nicht zu belebt ist, bleibe ich gern eine Weile dort sitzen; heute hatte ich Glück und war völlig ungestört. Diesem Ort haftet auch etwas Tragisches an. Die Bosel ist auf traurige Weise berühmt geworden; es passiert immer wieder, dass sich Menschen, vor allem Jugendliche, dort hinunter stürzen.
Ich habe selten den Wunsch, in den Meißner Dom zu gehen, und vielleicht liegt es daran, dass die besagte Ebene wie eine riesige Kathedrale für mich ist. Sonntag Mittag hört man dort nichts als den Wind, der über das Gras streicht. Die Vögel sind auffallend still. Heute weidete eine Kuhherde in der Nähe, und selbst die Kühe gaben keinen Laut von sich. Es gibt keinen besseren Platz, um andächtig zu sein.
Auf dem Rückweg fand ich, dass es mal wieder an der Zeit wäre, einen ganz traditionellen Sonntagsbraten zu machen. So etwas gibt es bei uns nicht an jedem Wochenende, ganz einfach, weil ich nicht jeden Sonntag stundenlang in der Küche stehen will. Vermutlich werde ich am nächsten Wochenende weniger unterwegs und dafür häuslicher sein.

02 November 2007

Reformationstag und Sphärenklänge

Ich bin kein großer Freund dieser kirchlichen Feiertage. Sie mögen ihre Bedeutung und ihre Traditionen haben, welche mir jedoch als atheistisch erzogenem ( obgleich spirituell nicht uninteressiertem) Menschen weitgehend fremd geblieben sind.
Auch die Freude über den arbeitsfreien Tag hält sich in Grenzen, da die Arbeit ja nicht einfach wegfällt, sondern an anderen Tagen miterledigt werden muss, so dass uns nichts anderes übrig bleibt, als uns diese Mußestunden mühsam freizuschaufeln. Ein einzelner freier Tag, so empfinde ich meist, entschädigt kaum für Stress und Chaos an den Tagen davor und danach. So ein Tag mitten in der Woche wird auch zuhause meist mit Arbeit ausgefüllt, die liegen geblieben ist. Und Brückentage nützen nur denen, die frei nehmen können.
Wenn Allerseelen auf den Reformationstag folgt, sind bei uns in der Firma Missverständnisse bei Lieferungen und sonstige Verzögerungen vorprogrammiert, so dass ich mitunter dazu neige, denen zuzustimmen, die diese Feiertage wegen der Nachteile für die Wirtschaft abschaffen wollen. In solchen Momenten muss ich in mich gehen, damit mir wieder einfällt, dass ich mich sonst eher dagegen sträube, nur für die Arbeit zu leben und alle Dinge an ihrem wirtschaftlichen Nutzen zu messen.
Das Konzert des Dresdner Orgelzyklus, das an diesem Abend in der Frauenkirche stattfand, war dem Reformationstag gewidmet. Samuel Kummer spielte Variationen über protestantische Choräle, so von Johann Sebastian Bach und Max Reger. Max Regers Fantasie über den Choral „Eine feste Burg ist unser Gott“ op. 27, welche den Abschluss des Programms bildete, war dann auch beinahe das Glanzstück dieser Aufführung. Samuel Kummers Zugabe hat mir aber noch besser gefallen. Seine Begeisterung beim Spiel ist immer wieder ansteckend, und am Ende des Abends hatte ich dann doch das Gefühl, nicht nur die erarbeitete Zeit in Anspruch genommen, sondern auch etwas geschenkt bekommen zu haben. Wie schön, dass es solche Höhepunkte gibt.