29 Dezember 2007

Jahresendbetrachtung (vom Elberadweg aus)

Ich bin kein großer Weihnachtsfan mehr, obwohl ich dieses Fest auch zelebriere und niemals ausfallen lassen würde, es ist aber für mich vor allem mit viel Arbeit verbunden, während mir die Zeit für Dinge fehlt, an denen mir gerade zu Weihnachten viel liegt. Und weil meine Kollegin so ein absoluter Weihnachtsfan ist, hüte ich vor und nach Weihnachten das Büro und nehme dann kurz vor Silvester frei. Da kurz vor Weihnachten auch im Büro viel zu tun ist, fehlt mir oft die Muße für ein stimmungsvolles Fest, aber dafür kann ich den Jahreswechsel etwas besinnlicher verleben, zumal dann auch der ganze Trubel und die Verwandtenbesuche abflauen.
Gestern war für mich arbeitsfrei, und nachdem ich die Einkäufe erledigt hatte, fuhr ich noch ein Stück mit dem Fahrrad auf dem Elberadweg. Es war bereits Nachmittag, und mir blieben noch 1 ½ Stunden bis zur Dunkelheit. Das genügte für eine Fahrt nach Niederwartha – kurz vor der neuen, noch im Bau befindlichen Brücke kehrte ich um – und wieder zurück. Es war grau und trüb, aber mein Bedürfnis nach frischer Luft und Weite war so groß, dass ich diese Zeit nutzen musste. Richtig zufrieden stellte mich diese Tour nicht, zumal hinter Niederwartha einer der schönsten Abschnitte der Elbauen beginnt.
Heute machte ich mich noch einmal auf den Weg. Es war klar, sonnig, frostig und windig. Der Wind wäre ein Grund gewesen, etwas anderes zu unternehmen, aber Sonne und blauer Himmel waren unwiderstehlich, und deshalb zog ich mich sehr warm an und fuhr los. Als ich auf dem Elberadweg angekommen war, hatte der Wind nachgelassen. Die Fernsicht war überwältigend, nur aus den Tälern stieg ganz feiner Nebel auf. Es war zu kalt, um irgendwo länger anzuhalten, aber einen kurzen Stopp an meinen Lieblingsplätzen genehmigte ich mir trotzdem. Als ich an meinem bevorzugten Rastplatz mitten im Elbtal bei Neusörnewitz ankam, war es Mittag und ein wenig milder als am Morgen. Ich konnte die Mütze abnehmen und dem Wind lauschen – es ist ein sehr stiller, friedlicher Ort. Dann sah ich zwei Graureiher über den Feldern kreisen, und einer von ihnen kam herunter und blieb auf dem Acker stehen. Auch gestern hatte ich einen Reiher beobachtet, der nach einem Rundflug über das Tal fast regungslos auf dem Acker verharrte. Graureiher gehören zu meinen Lieblingsvögeln, sie sind sehr majestätisch und fragil, aber scheu. Auch etliche Raubvögel – Bussarde und Falken – konnte ich während der Fahrt beobachten, man sieht sie häufig auf dieser Strecke. Da ich so gut vorwärts gekommen war, die Sicht so phantastisch und der Himmel so blau waren, entschied ich mich, weiter bis Meißen zu fahren. Auch dieser Abschnitt des Elbtals ist sehr idyllisch. Gegen 12.30 Uhr kam ich an und fotografierte Altstadt und Dom, machte mich aber gleich wieder auf den Rückweg.
Nun musste ich wegen des Gegenwindes etwas langsamer fahren, was mir aber nichts ausmachte, da ich noch genügend Zeit hatte und mich im Freien sehr wohl fühlte. Mir ging dann Verschiedenes durch den Kopf – auch deswegen brauche ich meine Radtouren. Am Vorabend hatte ich „The Hours“ gesehen, einen Film, der zum längeren und intensiven Nachdenken anregt. Es war eine sehr kompromisslose Sicht auf die Dinge, zu der die Protagonisten gelangten, und die kompromissloseste Entscheidung war der Freitod als eine Möglichkeit. Ohne dieses Thema bagatellisieren zu wollen – ich bin mir seiner Schwere und Ernsthaftigkeit sehr bewusst –, musste ich - ich fuhr an der Elbe entlang – mich davon distanzieren. Es war vielleicht das erste Mal, dass ich so klar feststellte: Der Freitod ist keine Möglichkeit für mich, denn ich hänge ja viel zu sehr am Leben. Weil ich das Leben liebe, bin ich nicht mutig, weil ich das Leben liebe, gehe ich Kompromisse ein, und weil ich das Leben liebe, gebe ich auf mich selber acht. Ich brauchte vielleicht nicht zwangsläufig diese Landschaft, diese Weite und dieses Licht, um versöhnlich auf das Jahr zurückzublicken, aber dieser meiner Lieblingswege machte es deutlicher und leichter. Ich sage Danke für dieses Jahr, für Tage wie diesen, für alles.

05 Dezember 2007

Verlust der Mitte und Laienspiel

Beim Yoga wurden wir einmal ermutigt, ausgehend von der Bergstellung http://www.yoga-kurs.com/Yoga-News-7.html zu probieren, wie weit wir uns nach vorn, rückwärts und seitwärts neigen können, ohne die Position der gleichmäßig auf dem Boden aufliegenden Füße zu verändern. Wir konnten uns tatsächlich ziemlich weit von unserer Mitte entfernen, ohne – und das finde ich, rückblickend, entscheidend – unseren Stand-Punkt zu verlassen.
Der Verlust der Mitte wird ja in der Öffentlichkeit immer wieder heraufbeschworen und beklagt, und denen, die mit Rezepten werben, wie denn die Mitte wieder gefunden oder erhalten werden könne, winkt beinahe ein Heiligenschein. Unsere Bundeskanzlerin wirkte, als sie verkündete, ihre Partei und keine andere verkörpere die gesellschaftliche Mitte, ein wenig wie eine Predigerin oder eher noch wie ein Liturg, der seine Arme ausbreitet, wenn er den Segen spricht.
Ich bin momentan gut in Balance und kaum neben mir. Das Bloggen klappt auch – nicht wirklich regelmäßig, nicht wirklich gut – aber es klappt. Anders mein Großprojekt. Um es wieder aufzunehmen und fortzuführen, müsste ich zunächst einmal wissen, wo ich damit hin will.
Heute habe ich ein wenig aufgeräumt und alte Notizen gefunden, Überlegungen, die in erster Linie meiner Orientierung in dieser Sache dienen sollten. Und was las ich: Fragen über Fragen. Und dann Antworten, ziemlich bestimmte sogar. Heute dagegen weiß ich nicht wohin, ich weiß nicht wie, und ich weiß auch nicht warum.
Vielleicht sollte ich es nach postmoderner Manier handhaben und genau dies zum Thema machen. Ein monumentaler Stoff, eine Menge faszinierender Typen, die mit ihrer Orientierungslosigkeit unglaublich beschäftigt sind, und jemand, der mit schauspielerischem Ansinnen die Mitte heraufbeschwört. Ich selbst würde mich immer mal lautstark einmischen und feststellen, dass ich nicht weiß, warum ich diese Geschichte überhaupt erzähle. Das wäre doch so kurios, dass ich es ernsthaft in Erwägung ziehen könnte.

02 Dezember 2007

O du fröhlicher Kompromiss

Weihnachten wurde in meinem Elternhaus sehr festlich und traditionsreich begangen: Am ersten Advent – keinesfalls früher – wurde geschmückt, dann begann die Zeit der Heimlichkeiten, Überraschungen, der Bastelei und Bäckerei und der Vorbereitungen auf den Heiligen Abend.
Wir hatten schöne Schallplatten mit Weihnachtsliedern und –Musik, die wir immer wieder gern hörten, wir besaßen zwei oder drei Nussknacker, ein paar Räuchermännchen und eine Pyramide. Diese Pyramide liebte ich besonders. Sie war schlank und filigran, weiß und mit Gold verziert, die Figuren auf den verschiedenen Etagen stellten die Weihnachtsgeschichte dar. Die Pyramide ging besonders leicht, elegant und lautlos; sie hatte etwas Zauberhaftes an sich. Als ich kleiner war und noch kein eigenes Zimmer besaß, stand mein Bett im Esszimmer, das sich in der unteren Etage unseres Hauses befand. Von meinem Bett aus konnte ich die Kommode sehen, auf der während der Weihnachtszeit die Pyramide stand. In manchen Nächten, bei Mondschein, sah ich sie dort stehen, und da mir die Kostbarkeit dieser Momente schon bewusst war – nach Weihnachten wurde ja aller Schmuck auf dem Boden verstaut - , fühlte ich mich sehr glücklich und beschenkt.
Irgendwann war die Pyramide nicht mehr da, meine Mutter hatte sie an ihre Schwester weiter verschenkt. Auf meine Proteste hin antwortete sie, sie hätte dieser Schwester jahrelang nichts schenken können, ohnehin sei es ganz schwierig, die Verwandten im Westen zu beschenken, auch käme es zu Weihnachten vor allem darauf an, zu geben und zu verzichten.
All diese Argumente von Nächstenliebe und Selbstbescheidung, die gewiss gut und berechtigt sind und die ich damals auch teilweise anerkannte, richteten im Grunde nichts aus – ich war sauer und bin es auch heute noch. Wie konnte meine Mutter über die Pyramide verfügen, als gehöre sie ihr allein? Sie hat ihren Entschluss wohl nachträglich auch bedauert, denn eines Tages brachte sie eine neue, größere Pyramide nach Hause, ein besonderes Stück, wie sie uns versicherte, denn sie hatte mehrere Stunden dafür angestanden. Die Pyramide war, wie auch die vorherige, ein Originalstück aus dem Erzgebirge, und sie war mit kleinen hölzernen Bergmännern besetzt, die eine Parade vollführten. Ich fand die neue Pyramide mitsamt den Bergmännern hässlich, so original und wertvoll sie sein mochte, und wollte die alte zurück. Natürlich hat meine Tante die Pyramide nicht zurückgeben müssen, ebenso wenig wurde mein Vorschlag eines Tausches in Betracht gezogen.
Wir verlebten fortan jedes Weihnachten mit der Bergmännerpyramide, sie stand im Wohnzimmer, nicht im Esszimmer, denn dort, gegenüber meines Bettes, wollte ich sie nicht haben. Mit den Jahren habe ich sie akzeptiert, aber gefallen hat sie mir nie.
Kurioserweise ist mir diese Pyramide aus dem Haushalt meiner Eltern als Erbstück zugefallen. Mein Vater hatte sie nach der Scheidung bekommen, aber nie Verwendung für sie gehabt, sie passt nicht zum Weihnachtsschmuck seiner Lebensgefährtin, und mein Bruder kann sie auch nicht gebrauchen. Als mein Vater mich fragte, ob ich sie haben möchte, habe ich ein Weilchen überlegt und dann zugesagt, denn ich fand, dass sie zu schade sei, ewig im Karton auf dem Boden zu verbleiben.
Wie mit der Pyramide, muss man sich mit manchen Dingen arrangieren, und irgendwann gehören sie einfach dazu. Heute habe ich sie wieder aufgebaut, sie hat etwas gelitten mit den Jahren, ein paar Bergmännern sind Arme und diverse Utensilien abhanden gekommen. Sie zu verschenken, kommt nun nicht mehr in Frage.