29 Februar 2008

Sphärenklänge 2008 (2)

Man sollte die Augen schließen, wenn Hansjürgen Scholze spielt.

Ich bin oft nicht konzentriert genug, schaue mich – wie am Mittwoch Abend – gern in der Kirche um, während die Musik erklingt.

Ein Konzert in einer Kirche ist immer etwas Besonderes: weniger Event, mehr Besinnung, das gilt für die Hofkirche noch mehr als für Frauenkirche und Kreuzkirche, sind doch ein kurzes geistliches Wort und ein Gebet Bestandteil des Konzertes. Mir ist das lieb so; ich fühle mich an solchen Abenden persönlich angesprochen und aufgenommen.

Es war das erste Orgelkonzert in diesem Jahr in der Hofkirche, für mich das erste Konzert in dieser Kirche seit vielen Wochen, und deshalb war es umso schöner, den Domorganisten persönlich die Silbermannorgel spielen zu hören.

Hansjürgen Scholze hatte verschiedene harmonische und melodiöse Stücke ausgewählt, teilweise mit strahlendem, fulminanten Finale, aber es war nicht so sehr die Musik, mit der ein Organist die Zuhörer beeindrucken möchte.

Ich – das betone ich – lasse mich gern beeindrucken, mein Begleiter aber wird misstrauisch, wenn er spürt, dass der Organist das Publikum mitreißen möchte. Für ihn war der gestrige Abend besonders schön und gelungen.

Hansjürgen Scholze wird dieses Jahr in den Ruhestand gehen. Es schien mir, als wollte er mit diesen weniger spektakulären Musikstücken seine Zuhörer zur Besinnung bringen und zum genauen Lauschen ermutigen. Es gab einige Momente, in denen ich mich und alles um mich herum vergaß und gleichsam in einer Welt von Tönen aufging.

Man sollte, nein, man darf die Augen schließen.

14 Februar 2008

Fasten - ein Versuch

Fasten – nicht ich, habe ich immer gesagt. Wozu sich mit so etwas foltern? Wegen der Figur schon gar nicht, in dieser Hinsicht bin ich nicht nur ein hoffnungsloser Fall, sondern auch ausgesprochen starrsinnig. Einen Mann, der von mir verlangt hat, ich solle abnehmen, habe ich auf der Stelle zum Teufel geschickt – wobei diese Reaktion noch viel zu gutmütig war: Heute halte ich diverse mittelalterliche Strafen oder Foltermethoden für passender!
Der einzige Mensch, der von mir verlangen kann, ein paar Kilo zu verlieren, bin ich selbst.
Weshalb ich vor einigen Tagen plötzlich mit einer Fastenkur geliebäugelt habe, kann ich mir eigentlich kaum erklären. Ich tippe ja darauf, dass es mit Yoga zu tun hat. Yoga verbessert allgemein das Körpergefühl. Und unsere Kursleiterin hat erwähnt, dass um diese Jahreszeit der Körper entgiftet. Entgiften will, wenn man ihn lässt, war meine Ergänzung, die ich natürlich für mich behielt.
Ich informierte mich – und resignierte. Was einen beim Heilfasten erwartet, ist nichts für eine berufstätige Mutter mit einer Großfamilie im Anhang und einem ausgefüllten Wochenplan.
Frühestens in zwei Jahren, wenn das jüngste Kind aus der Schule kommt, ist so etwas denkbar. Und das Aufschieben in eine ferne Zukunft ließ mich, offen gestanden, ein bisschen aufatmen.
Ich hatte aber nicht mit dem Zufall gerechnet, und dieser Zufall überfiel mich in der vergangenen Woche in Form einer Anweisung meiner Chefin, mein Überstundenkonto abzubauen. Den Anweisungen von Vorgesetzten ist umgehend Folge zu leisten, und dieser Anweisung gehorchte ich besonders gern.
Für diese geschenkte oder besser: erarbeitete Woche nahm ich mir einige Dinge vor, die man sich so vornimmt: Ausschlafen, Entspannen, ein Buch zu Ende lesen, an einem Manuskript weiterschreiben, eine Geschichte überarbeiten, den Garten auf Vordermann bringen – und dem Körper etwas Gutes tun. Spontane Entschlüsse sind manchmal die besten, und so entschied ich mich, ohne noch irgendwelche Fasten- oder Diätpläne zu studieren, das Ganze nach eigenem Ermessen zu gestalten: Fasten light, sozusagen.
Seit dem vergangenen Sonntag praktiziere ich also diese deutlich leichtere Lebensweise. Die Umstellung ist spürbar, kommt aber meinen Plänen durchaus entgegen. Mit der leichten Müdigkeit komme ich klar, das kenne ich schon, seit ich mich entschlossen habe, weitgehend auf Kaffee zu verzichten. Dass ich nicht sonderlich unternehmungslustig bin, kommt unserem Garten zugute.
Und so ziehe ich meine Kreise zwischen Computer, Haus und Garten und bin so ruhig und ausgeglichen wie lange nicht. Es ist erstaunlich, wie wenig man benötigt, um glücklich und zufrieden zu sein. Im Alltag läuft es so, dass alle (meist einseitigen) Belastungen durch andere Aktivitäten kompensiert werden müssen. Kein Wunder, dass fast jeder überreizt und überfordert ist.
Jedenfalls genieße ich die verbleibenden Tage. Dieser Eintrag soll mich daran erinnern, dass so etwas wie diese Woche überhaupt möglich ist.

07 Februar 2008

Sphärenklänge 2008 (1)

Es verkaufe sich schlecht, dieses Konzert, wurde mir letzte Woche gesagt, als ich mir eine Karte kaufen wollte und meinen Wunschplatz im Mittelschiff der Frauenkirche problemlos bekam.

Erwartungsgemäß war die Frauenkirche besser besucht als die beiden anderen Kirchen, in denen ebenfalls Konzerte stattfinden, aber gemessen an den Konzerten in der Weihnachtszeit musste die Besucherzahl ernüchternd wirken.

Holger Gehring, der Organist der Kreuzkirche, eröffnete die diesjährige Konzertreihe mit einem musikalischen Querschnitt durch die Gattungen des Werkes von Johann Sebastian Bach.

Der zweite Teil des Konzerts war Musik der französischen Romantik gewidmet. Der Höhepunkt des Abends waren Ausschnitte aus der Symphonie op. 42 Nr. V von Charles-Marie Widor mit der berühmten Tokkata. Ich bin mir ziemlich sicher, diese schon einmal in einem Konzert gehört zu haben, und mir fällt nur eine passende Bezeichnung dafür ein: Magie. Ich glaube, den meisten Leuten in der Kirche ging es wie mir: alle verharrten still und sahen gebannt zur Orgelempore hinauf. Holger Gehring gab noch eine Zugabe, die mit herzlichem Applaus aufgenommen wurde. Ich war leider nicht dazu gekommen, etwas über sein wunderschönes, sensationell gutes Silvester-Orgelkonzert zu schreiben, deshalb bin ich froh, ihm im neuen Jahr einen Beitrag widmen zu können. Er gehört zu den Organisten, deren Konzerte ich, wenn irgend möglich, nicht verpassen möchte.

Es ist etwa ein Jahr her, dass ich mir vorgenommen habe, so oft wie möglich diese Konzerte zu besuchen, und sie haben mein Leben schon so bereichert, dass ich mich im Überfluss beschenkt fühle und gar nicht weiß, wie und wem ich eigentlich dafür danken kann. Ich möchte eine CD von dieser Orgelsinfonie haben, obwohl ich ein schlechtes Gewissen dabei habe, mir etwas so Einzigartiges in den Alltag zu holen und einzuverleiben wie etwa ein Fertiggericht, aber ich kann einfach nicht widerstehen. Und es gibt einfach Tage, an denen es gut ist, die richtige Musik im Haus zu haben. Nichts kann so vollkommen aufbauen und trösten wie sie.

03 Februar 2008

Vorfreude, nicht ganz ungetrübt

Was für ein frühlingshafter Tag, und das Anfang Februar! Ich habe heute so schnell wie möglich das Haus verlassen, um Natur und freien Himmel zu finden, und gelangte, wie konnte es anders sein, auf den Elberadweg.
Dort waren jede Menge Radfahrer unterwegs, aber auch Spaziergänger; fast hätte man meinen können, Osterspaziergänger, aber welches Osterfest konnte bisher mit so blauem Himmel und so strahlendem Sonnenschein aufwarten! Viele Kinder machten ihre ersten Fahrversuche auf Fahrrädern, die wahrscheinlich der Weihnachtsmann gebracht hat, alle etwas waghalsig und ungelenk, immer kommentiert von warnenden Rufen der Eltern. Manche hatten Faschingsschminke in den Gesichtern, und auch das war hübsch, denn Fasching ist bei schlechtem Wetter oder klirrender Kälte nicht unbedingt ein Vergnügen.
Ich hatte die Kamera mitgenommen, denn wenn ich sie nicht dabei habe, ärgere ich mich zwangsläufig, weil ich dann doch den Wunsch habe, das eine oder andere Foto zu machen, hielt mich aber zurück, da ich weniger nach Motiven Ausschau halten, sondern vielmehr die Natur beobachten und genießen wollte: das helle und doch sehr milde Licht, das ruhig dahinströmende Wasser, in dem sich Uferböschung, Bäume und Himmelblau spiegelten, die Vögel, die in den noch kahlen Sträuchern sangen und zwitscherten, die Enten, die sich in kleinen Buchten und an anderen geschützten Stellen versammelten und lebhaft nach Futter suchten und die Möwen, die hoch über dem Wasser kreisten, um dann übermütig, fast taumelnd, herabzustürzen.
Auch an meinem Lieblingsplatz bei Brockwitz war es mild, fast warm, ich hätte ewig dort sitzen können. Der Wind, dem ich so gern lausche, war kaum zu hören, nur zu sehen, wie er das Weidegras, dessen Halme in der Sonne blinkten, leicht bewegte. Und als ich versuchte, den Himmel über diesem Tal in all seiner Schönheit und Weite zu erfassen, kamen mir ganz plötzlich die Tränen. Glücklicherweise fuhren nur ein paar Radrennfahrer vorbei, die nicht nach rechts und nicht nach links zu sehen pflegen, denn es musste doch befremdlich wirken, wenn jemand an einem solchen Tag mitten in idyllischer Landschaft zu heulen anfängt, und dass es zum großen Teil Freudentränen waren, hätte auf Anhieb wohl niemand vermutet. Es lag wohl daran, dass in meiner Umgebung das Thema Vergänglichkeit seit einiger Zeit schon sehr präsent ist, und heute spürte ich mehr als zuvor, wie dicht Glück und Leid, Leben und Tod beieinander sind. Da ich zunehmend melancholisch wurde, brach ich bald wieder auf. Während des Heimwegs traf ich nicht mehr ganz so viele Leute an, da es inzwischen Mittag geworden war. Kurz vor Kaditz wurde der Gegenwind stärker, aber von dort aus hatte ich es nicht mehr weit nach Hause.
Daheim angekommen, ging ich in den Garten und begann, Blätter aufzulesen und vertrocknete Stauden abzuschneiden. Sonst bin ich ja eher faul und erledige diese Sachen erst, wenn schon die Tulpen durch das Laub vom Vorjahr stoßen, aber heute war mir nach frischer Luft und Erdung zumute, und ich habe die Arbeit gern getan. Nebenher habe ich über manches nachgedacht, und auch das war wichtig. Insgesamt war das ein ganz gelungener Sonntag.

02 Februar 2008