19 April 2008

Utopie und Fischsuppe

Ich weiß nicht, woher ich plötzlich die Idee hatte, Fischsuppe zu kochen. Es muss unzählige Jahre her sein, dass ich mich an einer solchen Suppe versucht habe, nicht mit besonderem Erfolg, denn sonst hätte ich längst mal wieder eine gemacht. Es war jedenfalls der rettende Einfall vor einem zumindest in kochtechnischer Hinsicht ideenlosen Wochenende.

Und kaum hatte ich mich mit der Idee vertraut gemacht und mir ein Rezept aus dem Internet herausgesucht, fiel mir ein Kapitel aus einem Roman ein, das dem Kochen einer Fischsuppe gewidmet ist.

Vielleicht liegt meinem Einfall aber auch ein anderes Ereignis zu Grunde. Ich denke an die Familienfeier am vergangenen Wochenende zurück, eine Feier, zu der die ganze Verwandtschaft, auch Leute, zu denen wir so gut wie keinen Kontakt haben, geladen war. Wir saßen also zum Mittagessen beisammen, ein Cousin an meiner Seite. Mein Mann saß diesem Cousin gegenüber, und obwohl ich insgeheim gehofft hatte, dass politische Debatten unterbleiben würden, bahnte sich alsbald eine an. Mein Cousin ist Sohn eines Konzernchefs und hat nicht nur bürgerliche, sondern eher großbürgerliche, geradezu aristokratisch anmutende Ansichten. Er sprach von grenzenloser Freiheit, die in Amerika gewährleistet sei, von der Notwendigkeit, diese Freiheit nicht nur zu verteidigen, sondern aller Welt zu verordnen, ob sie nun willig ist oder nicht, womit mein Mann und ich nicht ganz einverstanden waren. Nachdem mein Cousin erst meine, dann die etwas schärfer formulierte Meinung meines Mannes gehört hatte, ging er zum Frontalangriff über und fragte ihn, was denn nun genau sein Ideal einer Gesellschaft, eines Wirtschaftssystems sei. Ich wurde misstrauisch. Wusste mein Cousin, dass ehemalige DDR-Bürger meist empfindlich werden, wenn es um Ideale geht? Meinte er, uns auf ein Terrain locken zu können, auf dem er sich überlegen fühlte? Möglicherweise war mein Misstrauen unbegründet, und er war einfach nur interessiert. Mein Mann fühlte sich aber offenbar gleichfalls in die Enge getrieben, denn er zögerte. An seiner Stelle antwortete ich und sagte meinem Cousin, dass Ideale Quatsch seien. Fast im gleichen Moment kamen die Kinder an den Tisch und zogen die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich, so dass uns die Debatte um Ideale erspart blieb. Insgeheim war ich zufrieden mit meiner Antwort. So ähnlich hätte es Seven of Nine wohl gesagt: „Ideale sind irrelevant“, hätte sich noch besser und cooler angehört, aber schließlich bin ich nicht Seven, und meine Familie ist nicht die Crew der Voyager.

Aber zurück zum besagten Roman und der Fischsuppe. Das Buch trägt den Titel „Herr Lucius und sein schwarzer Schwan“, die Autorin ist Waldtraut Lewin, und es ist in den siebziger Jahren in der DDR im Verlag Neues Leben erschienen. Die Romanhandlung spielt im alten Rom zur Zeit des Spartakusaufstandes, aber es ist, wie Waldtraut Lewin betont hat, kein historischer Roman. Der Sklave Auletes, zunächst Vorleser, Intellektueller und Geliebter seines Herrn, wird zu einem Anführer der Sklavenbewegung. Das Kapitel „Wunschhaftes Intermezzo“, dem noch weitere Kapitel folgen, nimmt die Zerschlagung des Aufstandes bereits vorweg. Waldtraut Lewin erzählt die Geschichte von einer Fischsuppe, die gemeinsam von den befreiten und entflohenen Sklaven gekocht worden wäre, falls diese es geschafft hätten, nach Sizilien überzusetzen. Beim Kochen der Suppe wäre es zu einem Streit über die Zubereitung gekommen, und dieser Streit hätte Auletes Gelegenheit gegeben, zu erzählen, wie er gelernt hatte, Fischsuppe zu kochen. Diese weitere Was-wäre-wenn- Geschichte in einer ebensolchen Geschichte berichtet nun, wie Auletes von einem seiner Herren verdonnert wird, eine Fischsuppe zu kochen, und wie er dies mit Hilfe einer Hure aus der Nachbarschaft tut. Dieses Kapitel ist fabelhaft erzählt, sehr komisch und sehr traurig zugleich. Nachdem ich die Fischsuppe für meine Familie gekocht hatte, habe ich mich in den Sessel gesetzt und darin gelesen. Ob es nun daran lag, dass ich mich Auletes und seinen Gefährten plötzlich näher fühlte als Seven of Nine, oder an der Tragikomik der Geschichte oder der Erzählkunst von Waldtraut Lewin, die es binnen weniger Sätze schafft, den Leser in eine Vision oder Utopie innerhalb einer fiktionalen Geschichte zu bannen – ich las es voller Genuss, obwohl ich dabei zu heulen anfing.

Die Frage, ob Ideale sinnvoll seien, möchte ich nach dem Lesen dieses Kapitels dennoch nicht beantworten, zumindest aber weiß ich, dass meine Antwort darauf heute weniger rigoros ausfallen würde als vor einigen Tagen.

Die Fischsuppe, die ich gekocht habe, war jedenfalls gelungen.