12 Mai 2008

Großteich (Moritzburg), Pfingstsonntag, 8.00 Uhr morgens

06 Mai 2008

Bombenalarm und Erinnerung

Gestern wurde bei Bauarbeiten eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg in der Dresdner Innenstadt gefunden. Das Verlagsgebäude, in dem ich arbeite, musste trotz unmittelbarer Nähe zum Fundort nicht geräumt werden. Sogar unser Fitnessstudio, das dem Fundort noch ein Stückchen näher war, stand uns zur Verfügung, und die Kurse fanden wie gewohnt statt.

Nach dem Yogakurs wollte ich wie gewohnt das Firmengelände Richtung Marienbrücke verlassen, wurde aber nach wenigen Metern von einem Polizisten angehalten, der mich anwies, schnellstens nach links abzubiegen und die Straße zu verlassen. Die Brücke, teilte er mir mit, bliebe gesperrt, bis die Bombe entschärft sei. An der Augustusbrücke ging es mir ähnlich – auch diese war gesperrt worden. Deshalb machte ich einen kleinen Abstecher zur Carolabrücke, um endlich die Elbe zu überqueren, was für mich als Radfahrerin weniger umständlicher war als für die Autofahrer, die sich in den wenigen befahrbaren Straßen der Innenstadt stauten.

Es ist immer etwas beunruhigend, wenn so ein Munitionsstück, welches Jahrzehnte lang in der Erde gelegen hat, plötzlich ausgegraben wird und ganze Stadtbezirke in Alarmbereitschaft versetzt.

Nachdem ich als Kind einmal eine Reportage über die Arbeit eines Sprengmeisters im Fernsehen gesehen hatte, war „Bombe entschärfen“ für eine ganze Weile mein Lieblingsspiel. Ein unter die Teppichkante geschobener Wecker musste als Zünder herhalten; später ersetzte ich ihn durch ein in Bewegung gesetztes und unter einen Aluminiumtopf geschobenes Schwungradauto, weil das viel mehr Krach machte und irgendwie gefährlicher klang. Ein Hüpfball war die Bombe: Im Armeemuseum war mir aufgefallen, dass der unsrige einer Seemine verblüffend ähnlich sah. Während des Spiels wurden Teile des Kinderzimmers abgesperrt, Spielsachen in Sicherheit gebracht und der Kipper zum Abtransport bereitgestellt. Als das erledigt war, konnte ich den Zünder entfernen und „ausschalten“.

Ich bewunderte die Arbeit des Sprengmeisters, der, während ganze Häuser, Straßen, Stadtteile geräumt wurden, nur von einem Mitarbeiter begleitet mit diesem Konstrukt menschlichen Zerstörungswillens allein blieb und auf seine genauen Kenntnisse, seine Nervenstärke, seine ruhigen Hände sowie seine Präzisionsarbeit vertrauen musste, um dieses Ding unter Einsatz seines Lebens unschädlich zu machen.

Ein Sprengmeister, so unscheinbar er meist aussah, war für mich ein wahrer Held – kein Drachentöter und kein Indianerhäuptling konnte da mithalten.

Mein kindlicher Wunsch, eines Tages Sprengmeister zu werden, ist nur mit Naivität zu erklären.

Aber etwas von dieser Verehrung und diesem Vertrauen ist mir wohl geblieben. Denn wird – glücklicherweise selten – so ein Fund gemeldet, hält mich das Wissen darum, dass da längst ein Experte am Werk ist und sein Bestes tut, davon ab, in Angst oder Panik zu verfallen.

Die Entschärfung der Bombe gestern Abend war, wie heute gemeldet wurde, ziemlich kompliziert gewesen. Die Erwähnung und Abbildung in der Zeitung hat sich der Held des Tages wirklich verdient.

http://www.sz-online.de/nachrichten/artikel.asp?id=1819547

Verblödungsfernsehen

Neulich abends rief mich meine Tochter von meiner Lektüre weg und vor den Fernseher: Chakuza, mein Lieblingsrapper, trat bei der Bravo-Supershow auf, unterstützt von Bushido, Nyze, Kay One und DJ Stickle.

Wir wippten auf Sessel und Sofa zu „Unter der Sonne“ http://de.youtube.com/watch?v=1JfAt81Jgvw

und blieben nach dem Abgang der Rapper etwas enttäuscht zurück. Die „No Angels“, die danach auftraten, waren wirklich kein Grund, beim Programm zu verweilen. Zu meinem Buch wollte ich nicht zurück, ins Bett aber auch noch nicht. Meine Tochter zappte durchs Programm, und wir landeten bei Kanal Telemedial. Das, was sich uns dort bot, hielt ich auf ersten Blick für eine Parodie und Thomas Hornauer http://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Hornauer für Oliver Kalkofe in Maske und Kostüm, eine Vermutung, die sich aber ziemlich schnell als falsch erwies. Als ich versuchte, einen Sinn oder eine Linie in dieser Sendung zu erkennen, verwandelte sich meine Verwirrung in Ratlosigkeit. Aus der Studioeinrichtung, der eingeblendeten Eigenwerbung des Senders und dem pseudo-tiefsinnigen Gestammel Hornauers reimte ich mir schließlich zusammen, dass wir bei einem Esoterik-Kanal gelandet sein mussten.

Anlässlich einer Gärtnerei-Eröffnung trommelte Hornauer von einem Balkon. Das Trommeln, das muss ich ihm fairerweise zugestehen, kann er ganz gut. Das war es dann aber auch schon: Er ist nicht in der Lage, seinen Anrufern auch nur einigermaßen angemessene Antworten zu geben. Sein selbstgefälliges Guru-Gehabe ließ mich an den Heyooh-Guru-Song von Udo Lindenberg denken: „Er hat uns klar gemacht, hell ist der Tag, und dunkel die Nacht…“ Hornauer aber macht überhaupt nichts klar, er tut, was er will, ohne nur im mindesten auf die Leute einzugehen, die ihn – gegen Telefongebühren – konsultieren.

Sein nächstes Gespräch führte er über eine zunächst nicht funktionierende Fernleitung mit einer Dame, die leicht desorientiert auf einem Sofa saß. Es gab, wie sich schnell herausstellte, nicht nur mit der Verbindung Probleme – die Frau hatte offensichtlich Schwierigkeiten, vollständige Sätze zu sprechen. Schließlich las sie eine ganz dämliche Lobhudelei auf Hornauer von einem Blatt Papier ab, aber auch das Ablesen fiel ihr nicht leicht. Allerdings war sie nicht die einzige, die bekifft wirkte: Hornauer selbst schien auch irgendwas genommen zu haben.

Der nächste Anrufer sprach von seinem Problem, einer Art Angststörung. Hornauer tat nichts anderes, als die Sätze des Anrufers zu zerpflücken, hin und her zu drehen und neu zusammen zu setzen. Als er sich dann doch genötigt sah, selbst etwas einzubringen, dachte er – wie es schien - mit außerordentlich debilem Gesichtsausdruck angestrengt nach und sagte dann, ganz wichtig in dieser Jahreszeit sei Lebensfreude. Freude zu leben, führte er weiter aus, sei, dass wir uns freuen. Meine Tochter und ich lagen inzwischen flach vor Lachen, und unsere Lachkrämpfe wurden nur durch Pausen gemildert, in denen wir einfach nur fassungslos über dieses unbeschreiblich hohle Gesülze waren. Wenn er gerade mal nicht an den Leuten vorbeiredet, starrt er blöd vor sich hin, um hin und wieder zu nicken und Floskeln wie „Das ist wichtig“ von sich zu geben.

Mein Sohn kam ins Zimmer und stellte, nachdem er eine Weile entgeistert zugesehen hatte, die Frage, worum es denn überhaupt ginge. Wir waren uns darüber einig, dass Hornauer einfach zu mies sei, um von Oliver Kalkofe parodiert zu werden: „Was soll man da noch heruntermachen“, sagte mein Sohn sehr treffend.

Hornauer pries eine Reise nach Thailand an, die man buchen könne, um mit ihm zu meditieren. Ich möchte ihn mir wirklich nicht meditierend vorstellen, weil ich nicht weiß, ob ich mich dann totlachen oder nur übergeben muss. Aber es ärgert mich, dass alternative und fernöstliche Methoden durch Leute wie Hornauer in Verruf geraten.

Vor lauter Entsetzen, dass so etwas gesendet werden kann und darf, recherchierte ich noch ein bisschen im Internet und stellte fest, dass man Thomas Hornauer keinesfalls unterschätzen darf: Er ist offensichtlich sehr geschäftstüchtig und nicht ungefährlich.

Mein Mitleid mit den Leuten, die für diese sogenannte Beratung auch noch Geld bezahlen, hält sich allerdings in Grenzen. Und erst recht ist mir schleierhaft, wie man als nur halbwegs vernunftbegabtes Wesen für einen angeblichen Energietransfer via Bildschirm zu zahlen bereit sein kann. Unverständlich ist mir aber auch, wie die Presse mit Hornauer umgeht. Die Artikel über ihn, die ich gelesen habe, vermitteln das Bild eines leicht verschrobenen, aber irgendwie charismatischen Außenseiters, dessen Geschäftssinn insgeheim bewundert wird.

Aber da ist nichts mit Charisma: Der Kerl ist einfach nur zum Kotzen und meiner Meinung nach ein Fall für die Psychiatrie. Der unter dem Youtube-Video gepostete Vorschlag, ihn für den Comedypreis zu nominieren, hat allerdings auch was.

Eine Kostprobe von „Telemedial“ mit Thomas Hornauer:

http://de.youtube.com/watch?v=-udER-Z5VQU

03 Mai 2008

Begriffliches

Seit einigen Monaten arbeiten meine Kollegin und ich mit einem Programm, welches auch von Mitarbeitern unserer Druckerei benutzt wird. Die Arbeitsteilung verläuft meist so, dass wir unsere Beilagenaufträge mit den ab Reservierung oder Auftragserteilung bekannten Angaben dort hineinbringen, und unsere Ansprechpartner in der Druckerei ergänzen technische Angaben, wenn die Beilagen geliefert worden sind.

Eine Kollegin in der Druckerei ist sehr penibel und ein bisschen umständlich, und da sie dienstliche Absprachen immer wortreich und mit etlichen Abschweifungen führt, wissen wir von ihr, dass der Fachbegriff für dieses Einbringen von Daten „Einpflegen“ ist. Sie verwendet dieses Wort als Einzige und dehnt und betont es immer so schön, als rede sie von einer Wellnessbehandlung, und folglich habe ich dann das Bild vor Augen, wie sie mit öligen Händen und von Aromaduft umgeben Beilagen einpflegt.

Meine Kollegin hat irgendwann statt dessen das Wort „reindingsen“ verwendet, welches zwar sprachlich unkorrekt, aber angenehm und lässig zu gebrauchen ist, und deshalb habe ich es aufgegriffen und verwende es fast täglich, obwohl es natürlich lustig klingt, zu sagen: „Ich dingse das mal rein, wenn du es nicht schon reingedingst hast“, oder so ähnlich. Kurzfristige Aufträge müssen natürlich sofort reingedingst werden, das Gleiche gilt für Großaufträge und für Kunden, die keine Ausweichtermine nehmen. Ich warte nur auf den Tag, an dem ich Kunden am Telefon ein umgehendes Reindingsen zusage!

In der Vergangenheit hatte ich schon einmal eine Kollegin, die ihre besonderen Begriffe pflegte (nicht einpflegte). Ihre Aufgabe war, Anzeigentexte zur Kontrolle gegenzulesen – diese Arbeit war nur im real existierenden Sozialismus denkbar. Meine Kolleginnen und ich hatten die Aufgabe, die Anzeigen, nachdem sie gelesen worden waren, auf der Zeitungsseite zu platzieren. Dafür fertigten wir einen „Spiegel“ http://de.wikipedia.org/wiki/Seitenspiegel von der künftigen Seite an: eine Art Zeichnung, die jeder Anzeige ihren künftigen Platz zuwies. Die anderen (für Inhalte) Verantwortlichen Mitarbeiter – VM’s genannt, sagten für gewöhnlich, dass sie fertig seien und wir die Anzeigen mitnehmen könnten, nur Vera, die ihre Arbeit sehr genau und sich selbst sehr wichtig nahm, meinte nur knapp, sie hätte noch nicht imprimiert. http://de.wikipedia.org/wiki/Imprimatur

Ich verstand anfangs immer „informiert“ statt imprimiert, wunderte mich, was für eine komische Redensart das sei, denn was sie zum Ausdruck bringen wollte, war mir ja klar. Also tat ich ihre Ausdrucksweise als Marotte ab und lag damit auch ziemlich richtig.

Beide Begriffe, das „Einpflegen“ sowie das „Imprimieren“, wirken auf mich unecht und ziemlich gespreizt. Das Wort „gespreizt“ war wiederum ein Lieblingsausdruck einer anderen Kollegin, Paula, die mir immer mit ihrer etwas poltrigen Art immer sympathisch war. Sie verwendete es in Bezug auf unseren damaligen Chef, und es war, auf ihn gemünzt, tatsächlich sehr zutreffend.