Langbeiniges: Wenn Albträume wahr werden
Schon als Kind habe ich mich vor ihnen gefürchtet: den langbeinigen Spinnen, Weberknechte genannt. Im Grundstück meiner Eltern saßen sie unter Schuppendächern und an Wänden in Kolonien, und war einer von ihnen in Bewegung geraten, geriet die ganze Gruppe in Schwingungen. Ich fand den Anblick dieser langbeinigen, wippenden Tiere widerlich, und oft genug brachte mich der Anblick eines Weberknechtes zum Schreien. Da sie auch gern an der Außenwand zum Badezimmer saßen, passierte es häufig, dass ich morgens, wenn das Fenster über Nacht offen geblieben war, einen Weberknecht in der Badewanne vorfand. Ich machte immer kurzen Prozess und spülte ihn in den Ausguss. Alle Argumente meiner Eltern, wie harmlos diese Tiere doch seien, halfen nichts, für mich waren sie ein Inbegriff alltäglichen Schreckens. Andere, dickbeinige Spinnen mochte ich zwar auch nicht, fand sie jedoch weniger eklig. Mit einer Ausnahme: Eines Abends, als ich schon im Bett lag, aber noch nicht eingeschlafen war, sah ich einen Schatten, der sich über die gegenüberliegende Wand bewegte. Ich war starr vor Schreck, und als ich das Licht einschaltete, erkannte ich eine dickbeinige, behaarte Spinne von der Größe einer Erwachsenenhand, die an der Wand entlang krabbelte. Mein Vater beseitigte die Spinne vorschriftsmäßig, indem er sie mit einem Glas und einem darüber geschobenen Blatt Papier einfing und nach draußen brachte. Weberknechte hat er zu meinem Entsetzen immer an einem Bein angefasst und weggebracht, aber diese Spinne mochte selbst er nicht anfassen.
Vielleicht mögen Weberknechte das Stadtklima nicht so, in meinem Grundstück sind sie jedenfalls selten zu finden, und die ganz großen Exemplare, welche wir in Bühlau reichlich hatten, finden sich noch seltener. Trotzdem kommen sie noch manchmal in meinen Träumen vor, und da erreichen sie dann auch stattliche Größen, die alles, was ich bisher an Spinnen gesehen habe, übertreffen. Im Traum tue ich das, was ich gelegentlich auch tagsüber mit Spinnen tue – ich erschlage sie. Ich habe ein schlechtes Gewissen deswegen, und beruhigt bin ich doch. Monsterspinnen haben in meiner Wohnung, und sei es im Traum, nichts verloren.
Dass Träume auch immer ein wenig Wahrheit enthalten, manchmal sogar wahr werden können, fand ich heute beim Blick in die Zeitung bestätigt. Ich hoffe inständig, dass die Riesenweberknechte einen Riesenbogen um Dresden-Mickten machen.
http://www.sz-online.de/nachrichten/artikel.asp?id=1842884
