Manfred von Richthofen oder der Stoff, aus dem Geschichten sind
Mein Interesse an Geschichte ist in erster Linie Interesse an Persönlichkeiten. Und manchmal springt mich so ein geschichtlicher Stoff an, ohne dass ich danach verlangt oder gesucht hätte.
Zum ersten Mal passierte es, als ich zwölf, dreizehn Jahre alt war. Als meine Mitschüler Rockstars und Sternchen an ihre Zimmerwände pinnten, dekorierte ich die meinigen mit Porträts römischer Kaiser. Und zum ersten Mal begann ich, Bücher über ein bestimmtes Sachgebiet zu lesen und zu sammeln. Traurig bei all dem fand ich, dass die Informationen und Eindrücke nie ausreichten, um meine Neugier zu stillen. Und irgendwann beschloss ich, das Buch, das ich gern lesen wollte, selbst zu schreiben.
Die unsägliche Neuverfilmung des Richthofen-Stoffes, welche in diesem Jahr ins Kino kam, http://www.filmstarts.de/kritiken/41326-Der-rote-Baron.html konnte zumindest mein Interesse für diese Persönlichkeit und ihre Zeit wecken. Gelegen kam mir das nicht, denn gerade habe ich mein römisches Projekt auf unbestimmte Zeit vertagt. Allerdings ging ich davon aus, dass die Beschäftigung mit Richthofens Persönlichkeit mir auch bei der Beschäftigung mit anderen Personen der Geschichte von Nutzen sein würde, was ich jetzt, nach Lektüre der Richthofen-Biografie von Joachim Castan: "Der rote Baron, die ganze Geschichte des Manfred von Richthofen" (Klett-Cotta), bekräftigen kann.
Ganz großer, faszinierender Stoff bietet sich da an. Was für ein Buch, was für einen Film hätte man daraus machen können! Richthofen war kein strahlender, sondern ein gebrochener Held, eine komplizierte, ambivalente Persönlichkeit. Wegen dieser Ambivalenz ist er mir wie ein Protagonist ans Herz gewachsen. Ich muss mich immer wieder fragen, was ein Mensch mit solchen Anlagen Positives hätte bewirken können, hätte er sein Leben einer weniger sinnlosen, weniger zerstörerischen Tätigkeit gewidmet. Seine negativen Charakterzüge, die Falschheit und Hohlheit des Heldenkultes um seine Person aber bedürften einer deutlichen Schilderung und Differenzierung. Vielleicht könnte ein solches Differenzieren manchen Zeitgenossen, die den Richthofen-Mythos neu beleben wollen, deutlich machen, in welch bedenklicher Tradition sie sich bewegen. Welcher Stoff aber wäre besser geeignet gewesen, die Sinnlosigkeit der Weltkriege vor Augen zu führen?
Die Chance ist vertan worden. Das Publikum hat seinen Helden zurück, dem es die nur zu verständlichen Brüche nicht zugesteht; Differenzieren ist unerwünscht und zur Erfolgs- und damit Bedeutungslosigkeit verdammt.
Mir bleibt ein neues Interessengebiet, verlockende Lektüre - und eine Idee für die Schreibtischschublade.

