27 Juli 2008

Manfred von Richthofen oder der Stoff, aus dem Geschichten sind

Mein Interesse an Geschichte ist in erster Linie Interesse an Persönlichkeiten. Und manchmal springt mich so ein geschichtlicher Stoff an, ohne dass ich danach verlangt oder gesucht hätte.

Zum ersten Mal passierte es, als ich zwölf, dreizehn Jahre alt war. Als meine Mitschüler Rockstars und Sternchen an ihre Zimmerwände pinnten, dekorierte ich die meinigen mit Porträts römischer Kaiser. Und zum ersten Mal begann ich, Bücher über ein bestimmtes Sachgebiet zu lesen und zu sammeln. Traurig bei all dem fand ich, dass die Informationen und Eindrücke nie ausreichten, um meine Neugier zu stillen. Und irgendwann beschloss ich, das Buch, das ich gern lesen wollte, selbst zu schreiben.

Die unsägliche Neuverfilmung des Richthofen-Stoffes, welche in diesem Jahr ins Kino kam, http://www.filmstarts.de/kritiken/41326-Der-rote-Baron.html konnte zumindest mein Interesse für diese Persönlichkeit und ihre Zeit wecken. Gelegen kam mir das nicht, denn gerade habe ich mein römisches Projekt auf unbestimmte Zeit vertagt. Allerdings ging ich davon aus, dass die Beschäftigung mit Richthofens Persönlichkeit mir auch bei der Beschäftigung mit anderen Personen der Geschichte von Nutzen sein würde, was ich jetzt, nach Lektüre der Richthofen-Biografie von Joachim Castan: "Der rote Baron, die ganze Geschichte des Manfred von Richthofen" (Klett-Cotta), bekräftigen kann.

Ganz großer, faszinierender Stoff bietet sich da an. Was für ein Buch, was für einen Film hätte man daraus machen können! Richthofen war kein strahlender, sondern ein gebrochener Held, eine komplizierte, ambivalente Persönlichkeit. Wegen dieser Ambivalenz ist er mir wie ein Protagonist ans Herz gewachsen. Ich muss mich immer wieder fragen, was ein Mensch mit solchen Anlagen Positives hätte bewirken können, hätte er sein Leben einer weniger sinnlosen, weniger zerstörerischen Tätigkeit gewidmet. Seine negativen Charakterzüge, die Falschheit und Hohlheit des Heldenkultes um seine Person aber bedürften einer deutlichen Schilderung und Differenzierung. Vielleicht könnte ein solches Differenzieren manchen Zeitgenossen, die den Richthofen-Mythos neu beleben wollen, deutlich machen, in welch bedenklicher Tradition sie sich bewegen. Welcher Stoff aber wäre besser geeignet gewesen, die Sinnlosigkeit der Weltkriege vor Augen zu führen?

Die Chance ist vertan worden. Das Publikum hat seinen Helden zurück, dem es die nur zu verständlichen Brüche nicht zugesteht; Differenzieren ist unerwünscht und zur Erfolgs- und damit Bedeutungslosigkeit verdammt.

Mir bleibt ein neues Interessengebiet, verlockende Lektüre - und eine Idee für die Schreibtischschublade.

19 Juli 2008

Elbtal bei Radebeul West

06 Juli 2008

Erinnerung an Brieske

In diesem Ortsteil http://www.senftenberg.de/

von Senftenberg ist mein Vater aufgewachsen. Später haben wir gelegentlich meine Omi, seine Mutter, dort besucht, zeitweise war ich als kleines Kind auch allein dort. Mein Opi ist gestorben, als ich zwei Jahre alt war, ich kenne ihn nur aus Erzählungen meiner Omi und meiner Eltern. Er war charakterstark und beliebt, und alle betrauerten seinen frühen Tod.

Meine Omi liebte ich sehr, sie war sensibel, eigenwillig, sehr liebevoll, auf ihre eigene Art stark, aber auch sehr phantasievoll. In Brieske ist sie oft mit mir spazieren gegangen und hat mir meist vom Opi erzählt. Aber auch mein Vater ging mit mir dort spazieren – mein Bruder war damals noch sehr klein. Ein Spaziergang mit ihm ist mir in besonderer Erinnerung geblieben.

Wie so oft, liefen wir an der Elster http://de.wikipedia.org/wiki/Schwarze_Elster entlang, es gab (und gibt) dort schöne, langgezogene Uferböschungen, auf denen Feldblumen blühten. (Der Senftenberger See, heute ein bekanntes Erholungsgebiet, existierte damals nur in kühnen Plänen.) An jenem Tag liefen wir weiter als sonst, bis zu einer Brücke, die wir sonst nur aus einiger Entfernung gesehen hatten. Diese Brücke war, wie sich herausstellte, teilweise beschädigt; einige Bretter und Bohlen waren herausgebrochen. Mein Vater ging dennoch mit mir hinüber. Ich weiß nicht, warum er das tun wollte, vielleicht wollte er mir auf der anderen Uferseite etwas zeigen, vielleicht wollte er selbst diesen Weg gehen – ich habe es nicht herausbekommen, und mittlerweile kann er sich an den Spaziergang nicht mehr erinnern. Ich war damals drei, maximal vier Jahre alt und fand die ganze Sache sehr aufregend. Ich weiß noch genau, wie mein Vater mich mit seiner ruhigen, sachlichen Art auf jeden Schritt über so eine kaputte Stelle vorbereitete. Er analysierte, schätzte ab, plante und erklärte. Natürlich hat er mich beim Hinübergehen festgehalten, es konnte wohl nicht viel passieren. Diese Art, die Dinge anzugehen, hat er immer beibehalten, und später habe ich mich manchmal über sein planvolles Vorgehen amüsiert. Trotzdem blieb Sachlichkeit auch für mich eine sichere Basis für alles Mögliche.

Die Elster, die ich von damals als großen, reißenden Strom in Erinnerung hatte, ist ein recht idyllisches Flüsschen, und die Brücke, die mir endlos erschien, ist von eher bescheidener Größe. Dennoch war die Überquerung für mich das erste richtige Abenteuer, und ich habe heute den Verdacht, dass mich mein Vater, der kaum etwas tut, ohne es zuvor durchdacht zu haben, ein wenig trainieren wollte, denn ich war schon immer sehr ängstlich.

Vor ein paar Jahren war ich mit meiner Familie dort im Urlaub, und natürlich sind wir auch zur Elster gelaufen und auf das Wehr gegangen, das ich mit meinem Vater überquert hatte. Mit den eigenen Kindern an diesen Ort zurückzukommen, war besonders schön und eindrucksvoll für mich, obwohl sie nicht so klein waren wie ich damals und die Brücke längst repariert war.