31 August 2008

Die Sammelsaison hat begonnen

Wer etwas von Pilzen versteht, kann das ganze Jahr hindurch sammeln. Da wir uns aber auf die bekannten Röhrenpilze beschränken, ist für uns lediglich im Spätsommer und Herbst Saison, was aber den Vorteil hat, dass das Pilzesuchen etwas Besonderes bleibt. Ostereier werden ja auch nicht das ganze Jahr hindurch gesucht. Möglicherweise kommt da ein Jäger- und Sammlergen zum Tragen, wenn wir durch den Wald streifen, denn wir lieben es geradezu, die Pilze auf dem Waldboden zu entdecken und zu pflücken. Das Streifen durch die Heide in den frühen Morgenstunden ist an sich schon ein Erlebnis. Ich kann mich gar nicht daran satt sehen, wie die Morgensonne durch die Bäume hindurch scheint und die Blätter zum Leuchten bringt, wie der Tau auf den Gräsern glitzert und der Frühnebel vom Silbersee aufsteigt.

Als mein Mann kürzlich auf die Idee kam, Pilze suchen zu gehen, war es leider Sonntag Abend, so dass wir nicht sofort losgehen konnten. Heute war es nun so weit: ich stellte den Wecker, und gegen dreiviertel Sechs gingen wir aus dem Haus. Als wir in den Wald hinein kamen, fanden wir zunächst nichts. Seit ein paar Jahren gehen wir immer dieselbe Strecke, die auch im Falle, dass man nichts findet, eine schöne Rundwanderung ist. Wir haben, wie die meisten Pilzsammler, unsere Stellen, die natürlich nicht nur uns allein gehören. Wenn an den ersten Stellen rein gar nichts zu sehen ist, nicht einmal abgeschnittene Stiele – Spuren von Sammlern, die vor uns dagewesen waren - , beginnt man sich zu fragen, ob es noch zu sommer-zeitig oder zu trocken im Wald ist, auch besinnt man sich auf den Mond, und der war in den letzten Tagen abnehmend und nicht zunehmend, wie er zum Pilzesammeln idealerweise sein sollte.

An unserer Butterpilzstelle fand ich dann drei Butterpilze. Mein Mann stürmte danach aber so schnell durch den Wald, dass ich nicht mehr zum Suchen kam –ich schaue mich gern gründlich um – und mich aufs Fotografieren verlegte, um wenigstens Bilder mit nach Hause zu bringen. Er war unruhig, weil er befürchtete, dass schon andere Sammler über unsere Stellen gegangen waren. Tatsächlich war der erste Streckenabschnitt, der noch ziemlich dicht am Waldrand entlang führt, komplett abgesucht worden. Kurz hinter der zweiten Butterpilzstelle, wo wir keine Butterpilze, aber zwei Sandpilze fanden, entdeckte ich einen Steinpilz unter einem Blatt. Ringsum sahen wir dann jede Menge abgeschnittener Steilpilzstiele – und beeilten uns, tiefer in den Wald hinein zu kommen. Unser erstes größeres Maronenwäldchen war ebenfalls abgesucht worden, wir fanden dort rein gar nichts. Hinter der Hofewiese kamen wir dann zum Steinpilzwald. Wir teilen uns dort immer auf, mein Mann geht rechts vom Weg in den Wald, ich gehe links hinein. Es ist ein dunkler Fichtenwald, wo man nur sehr gebückt gehen kann. Dort nahm ich mir Zeit zum Suchen, hatte auch weniger Schwierigkeiten beim Sehen – wahrscheinlich war ich nun munterer und konzentrierter (meine Omi hätte gesagt, ich hätte nun die Pilzaugen) - und fand sieben kleine, feste Steinpilze, die alle etwas versteckt standen. Auch in diesem Waldstück waren schon Sammler vor uns gewesen, aber so ist es meistens – man kann noch so zeitig in den Wald gehen, irgendwer war immer schon vorher da gewesen. Ich freute mich sehr über die hübschen Steinpilze, zumal ihre Anzahl eine Glückszahl war. Normalerweise bin ich nicht abergläubisch, beim Pilzesammeln aber schon, ein bisschen zumindest. Einen winzigen Steinpilz, dessen Hutdurchmesser weniger als einen Zentimeter betrug, ließ ich stehen. Dass ich ihn gesehen hatte, war mir Erfolgserlebnis genug. Als ich dann auf die Maronenwiese ging, wo wir uns immer treffen, wenn wir den Steinpilzwald durchsucht haben, war ich in positiver Erwartung, und tatsächlich fand ich gleich zwei sehr schöne Maronen. Die Maronenwiese, die gar keine Wiese mehr, sondern ein Wäldchen ist, suchte ich nun systematisch ab. Besonders erwartungsvoll war ich an den etwas unzugänglichen, dicht bewachsenen Stellen, und dort wurde ich richtig fündig. Irgendwie ahnt man es, wenn man an einem richtig guten Pilzfleck ist: man fühlt sich beobachtet, als ob die noch unentdeckten Pilze einen anschauen und warten, ob sie gefunden werden. Mir wurde auch schnell klar, aus welcher Richtung die „Blicke“ kamen – nur wenige Zentimeter rechts von mir standen drei Maronen. Es sind meine Lieblingspilze; sie sehen mit ihren braunen Hüten so hübsch auf dem Waldboden aus, dass ich sie am liebsten stehen lassen würde, wenn die Sammlerleidenschaft das zuließe. Im Umkreis waren dann noch mehr davon, so dass ich einen Beutel hervorholen musste, weil mein Mann, der den Korb hatte, noch im Steinpilzwald war. Ich begann mich dann zu fragen, ob es ein gutes oder ein schlechtes Zeichen ist, dass er so lange dort bleibt, denn entweder heißt das, er findet viel, oder er findet wenig bis gar nichts und kann sich nicht damit abfinden und das Wäldchen verlassen. Als ich den Beutel etwa zur Hälfte mit Pilzen gefüllt hatte, kam er dann: er hatte dreizehn Steinpilze gefunden. Da das unsere letzte „richtige“ Stelle war, suchten wir gründlich weiter und fanden noch einige Maronen und Sandpilze. In diesem Waldstück finden wir eigentlich immer Pilze, sogar, wenn dort schon viele Leute durchgegangen sind. Schließlich gingen wir durch das Prießnitztal zurück und waren ganz zufrieden mit der Ausbeute unserer ersten diesjährigen Pilzwanderung.

24 August 2008

Bühlau (2)

Unser Häuschen stand etwas zurückgesetzt. Im Sommer sah man es kaum hinter Obstbäumen und Beerensträuchern. Die lange, schmale Einfahrt war mit Rabatten eingefasst. Daneben befand sich ein kleines Stück Wiese. Dass sich der Garten im hinteren Teil des Grundstücks noch verbreiterte, konnte man von der Straße aus nicht sehen. Hinten befand sich eine große Wiese mit einem Birnen- und einem Apfelbaum, nach Westen hin, neben dem Sandkasten, waren Erdbeer- und Gemüsebeete, an der östlichen Grundstücksgrenze mündete der Einfahrweg in die Garage, neben der sich ein Schauer befand. Dort waren Wäscheleinen gespannt, und dahinter befanden sich unsere Holzvorräte. Zwischen Garage und Schauer und dem nördlich angrenzenden Grundstück lag noch ein schmaler, verwilderter Streifen Land. Dort standen alte, große Holzkisten herum, die wir als Buden nehmen durften. Aber wir spielten auch gern unter dem Schauer bei den Brennholzstößen. Hinter dem Holz konnte man sich gut verstecken. Ich kann mich gut daran erinnern, dass wir dort „Raumschiff“ spielten. Ein zwischen Holzstücke geklemmtes Radio diente uns als Funkgerät.

Die Blumenrabatten, die meine Mutter angelegt hatte, waren eine Zierde des Gartens. Wir hatten einen Steingarten mit Hauswurz und Silberdisteln, Farn, Maiglöckchen, Haselnusssträucher, und natürlich Blumen für jede Jahreszeit: die Frühblüher, Schneeglöckchen, Krokusse, Blausterne, Tulpen, viele blühende Polster, von denen ich die weißen Federnelken besonders mochte, die Sommerstauden, Rittersporn, Sonnenhut, Rosen, Phlox sowie Astern und Dahlien im Herbst. Immer wieder blieben Leute vor unserem Garten stehen und bestaunten die Blütenpracht und die Harmonie der Bepflanzung. Ich weiß noch genau, an welchen Flecken meine Lieblingsblumen standen. Auch giftige Pflanzen fehlten nicht; wir lernten sie frühzeitig kennen und kamen auch nicht auf die Idee, sie zu essen. Wir hatten einen Goldregenstrauch, an dem im Frühjahr die bemalten Ostereier hingen, Trollblumen und Eisenhut. Neben dem Goldregen, an einem Schuppen, war ein Vogelhaus angebracht. Von den gegenüberliegenden Kinderzimmerfenstern konnten wir im Winter die Vögel beobachten. Auch eine große Vogeltränke gab es im Garten. Dort lagen immer die von den Staren zertrümmerten Schneckenhäuser. Wir durften uns im Garten frei bewegen, der Rasen war nicht nur zum Ansehen da, und wir durften auch Blumen pflücken. Meine Mutter wies uns immer darauf hin, dass sie sich auf dem Beet länger halten als in der Vase. Ich habe dennoch gern Sträuße gepflückt und unsere Buden-Kisten damit geschmückt. Damals muss die Idee entstanden sein, die verwilderte Ecke zu verschönern. Die Kisten wurden gesäubert und eingerichtet, das Unkraut beseitigt, und schließlich brachte mein Vater eine Tafel an und baute uns eine Sitzbank. An der Tafel konnten wir mit Kreide malen und schreiben. Damit war die „Bar“ entstanden, wo fortan Kindergeburtstage und alle möglichen Spiele und Feierlichkeiten stattfanden.

Unser Garten war ein wahres Kinderparadies, und wir hatten auch immer viele Kinder da – Freunde aus der Schule und aus der Nachbarschaft. Meine Mutter beklagte sich gelegentlich, dass sich alles bei uns abspielte, während andere Leute perfekte Wohnungen und einen makellosen Rasen hatten. Ich glaube, dass sie sich so perfekte Wohnverhältnisse nicht wirklich gewünscht hat – ein wenig davon aber hätte sie sicher gern gehabt. Das kann ich ihr heute gut nachfühlen.

Wir hatten auch ein kleines Klettergerüst, das aber, als wir größer wurden, zunehmend uninteressant wurde. Als wir wieder einmal unsere Verwandten in Potsdam besuchten, hatten sich meine Cousins – die Familie wohnte in einem abgezäunten Institutsgelände, wo sich Waldstücke und Baumgruppen befanden – ein kleines Kletterparadies eingerichtet. In einem Waldstück hinter ihrem Haus hatten sie alte, ausrangierte Stahlseile von Baum zu Baum gespannt. Es war ein bisschen wie in einem der heutigen Klettergärten, wo man sich für einen stattlichen Eintrittspreis von Baum zu Baum hangeln kann, natürlich nicht so groß, nicht so professionell und ohne jegliche Sicherheitsstandards. Aber es war sehr aufregend, und so lange das Kletterwäldchen genutzt wurden, ist nie etwas passiert. Meine Eltern ließen sich überreden, zwei solcher Seile mitzunehmen. Mein Vater hat sie mit der für ihn typischen Sorgfalt zwischen Birnenbaum und Apfelbaum gespannt und angebracht, und von da an hatten wir auch ein Kletterseil (es bestand aus einem Seil zum Laufen und einem darüber befindlichen Seil zum Festhalten). Kinder, die bei uns über das Seil gehen wollten, mussten eine schriftliche Erlaubnis ihrer Eltern mitbringen – mein Vater bestand immer auf solchen Absicherungen, über die wir manchmal lächelten, die aber nicht unberechtigt waren.

Nicht jedes Kind, das in unseren Garten kam, war gern von uns gesehen. Robert, ein Nachbarjunge, der einen unangenehmen Charakter hatte, verschaffte sich, als wir kleiner waren, immer wieder Zutritt. Es dauerte sehr lange, bis ich es wagte, mich ihm zu widersetzen. Eines Tages, als er unsere Geduld wieder einmal überstrapazierte, meinen Bruder ärgerte und partout nicht nach Hause gehen wollte, schubste ich ihn in das Beet mit Freilandkakteen, das meine Mutter ein Jahr zuvor angelegt hatte. Ich kann mich noch genau an sein bestürztes Gesicht erinnern. Er stand auf, lief davon und hat uns von da an nie wieder belästigt. Die Kakteen, die glücklicherweise ziemlich robust sind, haben den Vorfall gut überstanden.

02 August 2008

Bühlau (1)

Ich wollte in einigen Beiträgen über den Garten meiner Mutter schreiben, aber da mir das Thema zu eng gefasst erscheint, widme ich diese Beiträge meinem Elternhaus, den Garten inbegriffen.

Das Häuschen in Bühlau, einem Stadtteil von Dresden in unmittelbarer Nähe der Dresdner Heide, war klein und verwinkelt: verbaut, sagten meine Eltern rückblickend. Ein hoher Funktionär der damaligen Wohnungsgenossenschaft hatte es sich aus illegal abgezweigtem Material und von untergebenen Mitarbeitern schwarz – was ebenfalls unzulässig war – ausbauen lassen, bis er wegen seiner Umtriebe verurteilt wurde. Meinen Eltern fiel dieses verwilderte Grundstück mit dem verbauten Häuschen zu. Ausschlaggebend für ihre Wahl war nicht nur die ruhige Lage des Grundstücks, sondern vor allem die Größe des Gartens gewesen. Meine Mutter ist Gärtnerin von Beruf und, wie sich damals schon zeigte, eine wahre Künstlerin auf ihrem Gebiet.

Das Haus in seinem ursprünglichen Zustand war ein Paradies für uns Kinder. Seine vielen Nischen, Winkel, Balkone (drei an der Zahl) boten die herrlichsten Verstecke. Auf das relativ flache Dach konnte man gut klettern. Meine Eltern sahen nicht gern, wenn wir dort herumkletterten, tolerierten es aber meist. Mein Bruder liebte das Klettern schon, als er noch in Windeln steckte. Wenn er sich aus seinem Sportwagen, in dem er oft angegurtet saß, zu befreien versuchte, herrschte große Aufregung. Vielleicht, weil er oft krank war und ohnehin als Sorgenkind galt, vielleicht aber auch, weil Eltern bei Kleinkindern ständig Gefahren wittern. (Meine beiden jüngeren Söhne haben diese Kletterleidenschaft wohl geerbt. Besonders Marcus war sehr geschickt darin, sich aus dem Kinderwagengurt zu winden: ich wusste mir nicht anders zu helfen, als ihn doppelt anzugurten.)

Unser Häuschen hatte damals etwas Märchenhaftes an sich. Wir entdeckten immer wieder neue Verstecke, und meine Mutter hatte oft ihre Not, uns zu finden, wenn sie uns wegen irgend etwas suchte. Später, als wir die Bäume als Fluchtmöglichkeit entdeckten, wurde es noch schwieriger für sie. Rückblickend tut es mir sehr leid, dass dieses Häuschen umgebaut wurde. Der ursprüngliche Zustand hatte einen unwiederbringlichen Charme, der dem natürlichen Bedürfnis einer Familie nach etwas mehr Wohnfläche weichen musste.

Der wohl schönste Raum des Hauses war die Veranda mit einer Sitzecke und großer Fensterfläche, von wo aus man ins Grüne hinaus sehen konnte. Sie war nicht beheizbar und wurde – sicher auch wegen der schlechten Wärmeisolierung damals – nur in der warmen Jahreszeit benutzt. Wenn der Frühstückstisch in der Veranda gedeckt war, wussten wir, dass es Sommer wurde. Alles Schöne hat seine Schattenseite, und die der Veranda war, dass sie Spinnen jeglicher Art und Größe als Unterschlupf diente, so dass die Mahlzeiten dort für mich mit unterschwelligen Ängsten verbunden waren. Einmal, als ich besonders vernünftig sein wollte, brachte ich es fertig, stoisch sitzen zu bleiben, während mir ein Weberknecht über den Schoß krabbelte. Zu dieser Art von Stoizismus war ich aber nur äußerst selten fähig.

Im angrenzenden Kinderzimmer stand mein Bett. Durch das neben meinem Bett befindliche Fenster konnte ich in die Veranda blicken. Im Winter hing dort der große Herrnhuter Weihnachtsstern http://www.herrnhuter-sterne.de/ , und sein Leuchten, das die ganze Veranda erfüllte, konnte ich sogar durch die schwere Gardine hindurch sehen. Die Sitzbank in der Veranda ließ sich aufklappen und als Besucherbett verwenden. Gelegentlich wurde sie auch als Krankenlager benutzt, vermutlich, weil es im Haus sehr eng war und die Veranda für Ruhe und Isolierung gleichermaßen sorgte. Ich war selten krank und somit auch selten zum Liegen in diesem Spinnenquartier verdammt, aber einmal hatte ich einen Sonnenstich und wurde dort einquartiert. Ich fühlte mich so schlecht, dass ich an die Spinnen gar nicht mehr denken konnte. Irgendwann kam die Kinderbereitschaftsärztin, die ich hasste, zu mir herein, verordnete mir irgendeine scheußliche Medizin und verbot mir das Fernsehen. Dafür hasste ich sie noch mehr.

Wir waren schon etwas älter, als meine Eltern beschlossen, das Häuschen auszubauen. Wir Kinder wurden in diese Pläne mit einbezogen, und da jedem von uns ein eigenes Zimmer in Aussicht gestellt wurde, waren wir dafür. Die Bauarbeiten dauerten viele Jahre an. Das Haus wurde begradigt und einer effizienten Raumaufteilung zuliebe versachlicht. Die Zimmer haben wir dann mit Freude in Besitz genommen. Mein Zimmer war vielleicht das schönste von allen. Es befand sich unter dem großen Dachgiebel und hatte ein großes, dreiflügliges Fenster mit Blick auf den Garten. Direkt unter diesem Fenster stand mein Schreibtisch, das Herzstück meines Zimmers.