Die Sammelsaison hat begonnen
Wer etwas von Pilzen versteht, kann das ganze Jahr hindurch sammeln. Da wir uns aber auf die bekannten Röhrenpilze beschränken, ist für uns lediglich im Spätsommer und Herbst Saison, was aber den Vorteil hat, dass das Pilzesuchen etwas Besonderes bleibt. Ostereier werden ja auch nicht das ganze Jahr hindurch gesucht. Möglicherweise kommt da ein Jäger- und Sammlergen zum Tragen, wenn wir durch den Wald streifen, denn wir lieben es geradezu, die Pilze auf dem Waldboden zu entdecken und zu pflücken. Das Streifen durch die Heide in den frühen Morgenstunden ist an sich schon ein Erlebnis. Ich kann mich gar nicht daran satt sehen, wie die Morgensonne durch die Bäume hindurch scheint und die Blätter zum Leuchten bringt, wie der Tau auf den Gräsern glitzert und der Frühnebel vom Silbersee aufsteigt.
Als mein Mann kürzlich auf die Idee kam, Pilze suchen zu gehen, war es leider Sonntag Abend, so dass wir nicht sofort losgehen konnten. Heute war es nun so weit: ich stellte den Wecker, und gegen dreiviertel Sechs gingen wir aus dem Haus. Als wir in den Wald hinein kamen, fanden wir zunächst nichts. Seit ein paar Jahren gehen wir immer dieselbe Strecke, die auch im Falle, dass man nichts findet, eine schöne Rundwanderung ist. Wir haben, wie die meisten Pilzsammler, unsere Stellen, die natürlich nicht nur uns allein gehören. Wenn an den ersten Stellen rein gar nichts zu sehen ist, nicht einmal abgeschnittene Stiele – Spuren von Sammlern, die vor uns dagewesen waren - , beginnt man sich zu fragen, ob es noch zu sommer-zeitig oder zu trocken im Wald ist, auch besinnt man sich auf den Mond, und der war in den letzten Tagen abnehmend und nicht zunehmend, wie er zum Pilzesammeln idealerweise sein sollte.
An unserer Butterpilzstelle fand ich dann drei Butterpilze. Mein Mann stürmte danach aber so schnell durch den Wald, dass ich nicht mehr zum Suchen kam –ich schaue mich gern gründlich um – und mich aufs Fotografieren verlegte, um wenigstens Bilder mit nach Hause zu bringen. Er war unruhig, weil er befürchtete, dass schon andere Sammler über unsere Stellen gegangen waren. Tatsächlich war der erste Streckenabschnitt, der noch ziemlich dicht am Waldrand entlang führt, komplett abgesucht worden. Kurz hinter der zweiten Butterpilzstelle, wo wir keine Butterpilze, aber zwei Sandpilze fanden, entdeckte ich einen Steinpilz unter einem Blatt. Ringsum sahen wir dann jede Menge abgeschnittener Steilpilzstiele – und beeilten uns, tiefer in den Wald hinein zu kommen. Unser erstes größeres Maronenwäldchen war ebenfalls abgesucht worden, wir fanden dort rein gar nichts. Hinter der Hofewiese kamen wir dann zum Steinpilzwald. Wir teilen uns dort immer auf, mein Mann geht rechts vom Weg in den Wald, ich gehe links hinein. Es ist ein dunkler Fichtenwald, wo man nur sehr gebückt gehen kann. Dort nahm ich mir Zeit zum Suchen, hatte auch weniger Schwierigkeiten beim Sehen – wahrscheinlich war ich nun munterer und konzentrierter (meine Omi hätte gesagt, ich hätte nun die Pilzaugen) - und fand sieben kleine, feste Steinpilze, die alle etwas versteckt standen. Auch in diesem Waldstück waren schon Sammler vor uns gewesen, aber so ist es meistens – man kann noch so zeitig in den Wald gehen, irgendwer war immer schon vorher da gewesen. Ich freute mich sehr über die hübschen Steinpilze, zumal ihre Anzahl eine Glückszahl war. Normalerweise bin ich nicht abergläubisch, beim Pilzesammeln aber schon, ein bisschen zumindest. Einen winzigen Steinpilz, dessen Hutdurchmesser weniger als einen Zentimeter betrug, ließ ich stehen. Dass ich ihn gesehen hatte, war mir Erfolgserlebnis genug. Als ich dann auf die Maronenwiese ging, wo wir uns immer treffen, wenn wir den Steinpilzwald durchsucht haben, war ich in positiver Erwartung, und tatsächlich fand ich gleich zwei sehr schöne Maronen. Die Maronenwiese, die gar keine Wiese mehr, sondern ein Wäldchen ist, suchte ich nun systematisch ab. Besonders erwartungsvoll war ich an den etwas unzugänglichen, dicht bewachsenen Stellen, und dort wurde ich richtig fündig. Irgendwie ahnt man es, wenn man an einem richtig guten Pilzfleck ist: man fühlt sich beobachtet, als ob die noch unentdeckten Pilze einen anschauen und warten, ob sie gefunden werden. Mir wurde auch schnell klar, aus welcher Richtung die „Blicke“ kamen – nur wenige Zentimeter rechts von mir standen drei Maronen. Es sind meine Lieblingspilze; sie sehen mit ihren braunen Hüten so hübsch auf dem Waldboden aus, dass ich sie am liebsten stehen lassen würde, wenn die Sammlerleidenschaft das zuließe. Im Umkreis waren dann noch mehr davon, so dass ich einen Beutel hervorholen musste, weil mein Mann, der den Korb hatte, noch im Steinpilzwald war. Ich begann mich dann zu fragen, ob es ein gutes oder ein schlechtes Zeichen ist, dass er so lange dort bleibt, denn entweder heißt das, er findet viel, oder er findet wenig bis gar nichts und kann sich nicht damit abfinden und das Wäldchen verlassen. Als ich den Beutel etwa zur Hälfte mit Pilzen gefüllt hatte, kam er dann: er hatte dreizehn Steinpilze gefunden. Da das unsere letzte „richtige“ Stelle war, suchten wir gründlich weiter und fanden noch einige Maronen und Sandpilze. In diesem Waldstück finden wir eigentlich immer Pilze, sogar, wenn dort schon viele Leute durchgegangen sind. Schließlich gingen wir durch das Prießnitztal zurück und waren ganz zufrieden mit der Ausbeute unserer ersten diesjährigen Pilzwanderung.

