19 April 2009

Lauter schöne Sachen

Ausmisten, so heißt es alle Jahre wieder, ist wichtig und tut gut. Es ist wichtig, sich zu trennen und Platz zu schaffen für Neues. Und obwohl ich das wusste, hielt sich meine Lust darauf bisher in Grenzen. Warum Dinge wegwerfen, so lange man sie unterbringen kann?

Da aber unser ältester Sohn wieder, wenn auch vorübergehend, bei uns einziehen möchte, war eine Ausräum- und Umräumaktion notwendig geworden. Ausmisten ist, auch dies ist mir klar geworden, eine Frauendomäne. Man tut gut daran, Männer dabei so weit wie möglich außen vor zu lassen. Und, ich muss gestehen, ich habe Spaß am Aussortieren und Wegwerfen von Dingen entdeckt: je radikaler die Aktion, desto besser.

Den Löwenanteil der Entsorgungen habe ich reibungslos erledigt, als mein Mann nicht da war. Selbstverständlich waren es nicht seine Sachen, die in Mülltonnen und Altkleidersammlung gelandet sind. Dinge, die nur ihm gehören, habe ich nicht angerührt, dafür aber unter meinem Zeug für zwei ausgemistet. Hätte er um die Ausmaße des Ausmistens gewusst, wäre ich unmöglich innerhalb meiner freien Tage fertig geworden: ich hätte alles irgendwo hinlegen müssen, damit er noch mal nachsehen kann, ob er nicht irgendetwas davon aufheben möchte. Was ich weggeworfen habe, wird er, da bin ich mir sicher, gar nicht vermissen.

Es war tatsächlich eine Menge zusammengekommen. Wer Platz hat, wird gern mit allen möglichen Dingen beschenkt – Dingen, die andere längst weggeworfen hätten. Eine kinderreiche Familie in der Verwandtschaft spart den Gang zum Sperrmüll und zur Altkleidersammlung. Lange Zeit habe ich es nicht gewagt, solche Gaben abzulehnen. Erst, als mir meine Kollegin dazu riet, bin ich konsequenter geworden. Mittlerweile könnten wir ein zweites Haus mit Möbeln und sonstigen Sachen ausstatten, hätte ich mich nicht eines Tages dazu gezwungen, „nein“ zu sagen.

Aber dann war der Zeitpunkt gekommen, auch die Sachen meines Mannes vorübergehend auszuräumen, da ein paar Schränke umgesetzt werden mussten. Er begann, das Ausmaß dessen zu ahnen, was ich getan hatte und möglicherweise noch tun würde, und machte mir klar, was ich unbedingt aufheben müsse. Wie ich es geahnt hatte: nichts von dem, was er erworben oder geschenkt bekommen hatte, durfte aussortiert werden, und die Gründe, die er dafür anführte, waren so rührend, dass ich vorerst kapitulierte. Wegwerfen, so seine Devise, können wir all das immer noch. Hydrotöpfe, die einst zu DDR-Zeiten gekauft worden sind, wären gewiss noch einmal zu gebrauchen, falls man es doch noch mal mit Hydrokultur versucht. Ich bin mir ganz sicher, dass ich es damit nicht versuche, weil ich entschieden dagegen bin, Pflanzen so kurz zu halten. Aber die Töpfe sind noch da, die Wegwerfaktion unter den Blumentöpfen ist vertagt, hauptsächlich, weil die Mülltonne überfüllt ist.

Und dann noch all die Sachen, die allein ihrer „Schönheit“ wegen aufgehoben werden müssen: alte Glasfläschchen, bei Grabungen auf dem Grundstück ans Tageslicht befördert, Hobby- und Bastelzubehör, Spielsachen aus Überraschungseiern, Vasen, Bierkrüge und allerlei Nippes – Dinge, von denen man auf ersten Blick nicht denkt, dass Männer daran hängen. Aber Ausräumaktionen können auch dazu verhelfen, Klischees neu zu definieren.

Sogar ich war beim Ausräumen manchmal überrascht. Unter anderem fand ich acht hübsche und noch fast neue Eierwärmer zwischen meinen Tischdecken. Ich hatte dieses Jahr wegen der Wirtschaftskrise beschlossen, keine Eierwärmer zu kaufen, so sehr mir auch der Sinn danach stand, die Ostertafel zu schmücken. Und hatte dabei völlig vergessen, dass wir das Begehrte längst besitzen. Da es die Eierwärmer nur in Viererpackungen gab, wir aber sechs Personen sind, haben wir acht Stück davon. Ich fand es- daran kann ich mich noch erinnern – ganz sinnvoll, acht Stück zu kaufen, denn schließlich könnte ja irgendwann das eine oder andere Enkelkind genau so einen Eierwärmer haben wollen. Ich habe die Eierwärmer selbstverständlich aufgehoben und irgendwo hin geräumt, wo ich meiner Meinung nach beim nächsten Osterfest darauf stoßen müsste. Aber offen gestanden, weiß ich schon jetzt nicht mehr, wo sie sich befinden. Wie auch immer – wegwerfen kann ich sie eines Tages immer noch.