01 Juli 2009

Arbeit, Sinn und Preis

Ein bisschen mulmig war mir schon, als ich im vergangenen Jahr eine Vertretung im Büro eingearbeitet habe. Wer vorübergehend ersetzbar ist, kann auch dauerhaft ersetzt werden. In Krisenzeiten gilt dieser Satz noch mehr als sonst. Ich wurde in meinem privaten Umfeld mit den Worten kritisiert, heutzutage könne man sich das nicht erlauben, sondern müsse sich im Beruf so unentbehrlich wie möglich machen. Ducken müsse man sich, so jemand anderes, und hoffen, dass man noch ein Weilchen am Arbeitsplatz geduldet wird. Viele Jahre lang habe ich auch so gedacht und danach gehandelt.

Dort, wo angemessen bezahlte Arbeit rar ist – mittlerweile ist sie das fast überall – nimmt sie einen überaus hohen Stellenwert im Leben der Menschen ein. Ich verstehe das sehr gut. Es geht nicht nur um ein Einkommen, sondern um Teilhabe an der Gesellschaft und um Anerkennung.

Armut, durch Arbeitslosigkeit oder schlecht bezahlte Arbeit verursacht, ist nicht nur ein materielles Problem. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass wir viel zu verlieren und viel zu befürchten haben. Ein von permanentem Mangel jeglicher Art geprägter Alltag verändert Menschen nicht sofort. Depression, Zynismus, Verrohung, Hoffnungslosigkeit machen sich breit, sie sind Folgeerscheinungen des Mangels, der wie ein langsam wirkendes Gift den Menschen durchdringt. Da alles allmählich geschieht, bemerkt man es auch kaum. Eine derartige Depression ist ein wenig wie ein Winterschlaf: lässt man sie hinter sich, fühlt man sich wie aus Kältestarre erwachend.

Aber ich weigere mich, den Beruf als Sinn des Lebens zu betrachten. Erwerbsarbeit kann nicht das Maß aller Dinge sein, nur, weil einige Wenige so trefflich davon profitieren.
Diejenigen sind es dann auch, die Krisen als Chancen oder sportliche Herausforderungen verklären.
Ob sie ihr Publikum mit oder ohne Absicht verkennen, weiß ich nicht. Für mich jedenfalls gehört die Sorge um die Existenz nicht in die Sport- und Freizeitabteilung.

Bleibt abzuwarten, wie erfinderisch die Leute in ihrer Eigeninitiative werden. Kriminalität beispielsweise bot seit Menschengedenken verschiedene Erwerbsmöglichkeiten – vor allem dort, wo es an legalen Erwerbsmöglichkeiten mangelt. Und je flächendeckender Armut um sich greift, umso größer ist in der Regel die allgemeine Akzeptanz kriminellen Handelns.

Aber es gibt noch mehr Ideen. Gerade in der Krise, meinen ein paar Schlaue, sollen die Leute mehr Kinder gebären. Absurder geht es doch nicht! Kinder müssen ernährt werden, kosten viel Geld, und wie sehr der Lebensweg der Kinder vom Portemonnaie der Eltern abhängt, bezweifelt hierzulande niemand, abgesehen davon, dass Kinder aus unteren sozialen Schichten gar nicht mehr erwünscht sind.

Der Grund für die Forderung muss ein anderer sein. Höchstwahrscheinlich geht es weniger um die Kinder, sondern um die Eltern. Wer Verantwortung trägt, ist leichter auszubeuten, zu manipulieren und zu erpressen. Wer vielleicht meint, sich mit einem bescheideneren Lebensstandard abfinden zu können, möchte ihn wenigstens seinem Nachwuchs ersparen. Und so beginnt man, sich zu arrangieren, zu ducken, und schließlich beutet man sich selbst aus, in der Hoffnung, den Job behalten zu dürfen.

Arbeit ist, auch wenn das in Vergessenheit geraten ist, keine Gnade und keine Wohltat, die einem erwiesen wird. Arbeit ist vor allem Leistung, die man erbringt.

Ich bin die Demut leid und habe die Abhängigkeit satt. Die Krise hat jedoch auch etwas Gutes: sie macht mich richtig wütend. Wo Wut ist, ist kein Platz für Depression.