31 Januar 2009

Über das Schreiben: Krieg

Es gibt ein paar Dinge, die man im Leben getan haben sollte, im besseren Fall getan haben will. Ich wusste zu einem recht frühen Zeitpunkt, dass ich Bücher schreiben will – oder wenigstens ein Buch. Die Idee dazu hat sich mit den Jahren etwas verändert, sie ist, möchte ich sagen, erwachsener geworden. Ich habe mir diese Idee nicht gesucht oder gewünscht, sie ist mir im wahrsten Sinne des Wortes zugefallen. Und ich habe kaum bedacht, dass sie mich vor einige Probleme stellen würde.

In der Zeit, die mich interessiert, waren Kriege an der Tagesordnung. Ich habe damit Schwierigkeiten, denn Kriege interessieren mich überhaupt nicht. Weshalb suchst du dir keinen neuen Stoff, fragt so eine zweiflerische Stimme in mir drinnen. Antwort: Weil ich mir diesen Stoff auch nicht gesucht habe. Er war einfach da und will nicht gehen.

Ich habe keine persönlichen Erfahrungen mit diesem Thema - worüber ich unendlich froh bin –, aber ich schreibe am liebsten über Themen, die ich ein wenig kenne.

Ich kann mich nicht einfühlen. Krieg war in der fernen Vergangenheit immer eine Sache der Ehre, mit Begriffen wie Männlichkeit, Tapferkeit, Stärke, Ehrenhaftigkeit assoziierbar. Mir ist dieser Begriffskatalog so fremd wie das Wertesystem von Außerirdischen. Weder bin ich ein Mann, noch bin ich ein Mensch, der in irgendeiner Weise auf solche Urzeittugenden reagiert oder sich im Entferntesten zu ihnen hingezogen fühlt.

Selbstverständlich kann man über das Thema Krieg recherchieren. Solche Recherche finde ich sehr interessant. Sogar das sachlichste Sach- oder Fachbuch versucht hin und wieder, Motive, die den Kriegen zugrunde lagen, aufzuspüren. Diese Motive muss man nicht nachvollziehen können, schließlich geht es um längst vergangene Zeiten, aber interessant ist es allemal, darüber nachzudenken.
Aber was ist Krieg? Das, was ich mir darunter vorstelle, stammt aus Erzählungen, Romanen, Filmen; es ist nicht Krieg, sondern Darstellung von Krieg. Krieg ist oft, aber nicht immer Abfolge von dramatischen Ereignissen: Schlachten, Zweikämpfen, Entbehrungen, großen Gefühlen, traumatischen Erlebnissen.

Krieg ist, da bin ich mir sicher, auch eine Abfolge von alltäglichen Handlungen, scheinbar banalen Momenten. Ich schreibe gern über Dinge, die mich interessieren, vor allem dann, wenn ich, wie man so sagt, keinen Plan habe – und staune mitunter über das, was ich da in die Tasten haue. „Wir haben Krieg, verdammt noch mal“, sagt wieder eine Stimme in mir. „Da kannst du den General doch nicht in Seelenruhe mit dem Stallburschen plaudern lassen.“

Ich liebe diese scheinbar banalen Momente. Glücklicherweise wurden in Kriegen so oft die Zügel weitergereicht, die Pferde getränkt oder auf die Weide getrieben, wurde eingekauft, ausgeruht oder einfach nur nachgedacht, dass die dabei möglichen Begegnungen sogar historisch gewesen sein können.

29 Januar 2009

Aus dem Nähkästchen

Reklamationen beantworten – das mache ich in meinem Nebenjob – ist keine Arbeit, die in irgendeiner Weise zufrieden stellt. Nicht einmal dann, wenn ein Schwung erledigt und der Schreibtisch frei ist.

Als ich diese Arbeit nach einer gewissen Bedenkzeit übernommen hatte (und dies auch nur deswegen getan habe, weil ich bei einer Ablehnung auch meine reguläre Arbeit, die ich ja ganz gern tue, gefährdet hätte), schwor ich, mir keine Fragen nach dem Sinn dieser Tätigkeit zu stellen; vom ersten Tag an schaltete ich, sobald ich mich an die Reklamationsbearbeitung machte, Verstand und Gewissen aus und verbot mir jegliche Anteilnahme an diesen Vorgängen.

Heute habe ich den vierten Tag hintereinander Reklamationen beantwortet – vorgesehen, wenn auch nicht festgelegt, sind zwei bis drei Tage pro Woche – und der Tag ist für mich gelaufen. Ich möchte mich am liebsten selbst irgendwo hin verbannen, um niemanden an meiner Laune teilhaben zu lassen. Aber um nicht völlig von Stumpfsinn und Widerwillen vergiftet zu werden, muss ich darüber schreiben.
Manchmal amüsiere ich mich über die Antworten, die vom Zustelldienst kommen und die ich für meine Arbeit zumindest teilweise verwende. Sie sind nicht lustig, nur manchmal etwas unbeholfen und eher unfreiwillig komisch. Wenn unfreiwillige Komik aber stapelweise eintrifft, vergehen einem früher oder später sogar Ironie und Sarkasmus.

Kurioserweise wünsche ich mir fast, ich könnte unter dieser Arbeit noch leiden, wie ich früher darunter gelitten habe, als ich sie hin und wieder vertretungsweise ausgeübt habe. Ich habe mich damals für die Vorgänge verantwortlich gefühlt. Es ist unsinnig und selbstzerstörerisch, dies zu tun, vom moralischen Standpunkt aber richtig, und ich glaube, man kann nicht ungestraft unmoralisch sein, selbst wenn die unmoralische Handlung vom Standpunkt der Vernunft aus die einzig richtige ist.

Beim Ausräumen habe ich kürzlich eine alte Stellungnahme auf eine Reklamation gefunden, die ich mir aufgehoben hatte, weil die unfreiwillige Komik darin für mich Kultstatus hat. Sie zeugt aber auch von Genauigkeit und Authentizität, die in heutigen Arbeitsprozessen nicht mehr anzutreffen sind und auch nicht mehr möglich wären:

„Betrifft: XXX-Reklamationen

Nach Rücksprache mit dem Zusteller in XXX , versichert uns der Zusteller die Handzettel lückenlos zuzustellen.
Aber er räumt ein, das bei manchen Adressen die Reklamationen berechtigt ist.
Dies wäre leider Aufgrund der noch fehlenden Ortskenntnisse des Zustellers verbunden.
Die Gründe dafür sind die großen unbebauten Lücken (hier handelt es sich um die XXX- und XXX-Straße).
Er versprach uns, seine Ortskenntnisse in diesem Gebiet noch weiter zu verbessern, um auch die letzten Reklamationen auszuschließen.
Bei Herrn XXX auf der XXX-Straße ist der Briefkasten im Haus und somit nicht zugänglich (Tür verschlossen).
Die Mehrfachreklamationen bei Fam. XXX XXX-Straße wird sicherlich damit zusammenhängen, da er vorher für uns die Handzettel verteilt hat.
Die restlichen Reklamationen sind aus seiner Sicht unberechtigt, weil er bei sämtlichen Haushalten 100%-ig Handzettel zugestellt worden sind.
Aus unserer Sicht sind die Reklamationen noch darauf zurückzuführen, das wir den vorhergehenden Zustellern gekündigt haben.

Mit freundlichen Grüßen
XXX“

19 Januar 2009

Winter

Der Winter stellt uns auf mehrere Geduldsproben. Die erste beginnt im November, es ist die leichtere, weil die Vorweihnachtszeit in Aussicht steht, die man, um den November zu überlisten, ein wenig vorverlegen kann. Lichter anzünden, Pfefferkuchen naschen und Glühwein trinken kann man immer schon ein wenig früher, und es lässt sich sogar besser genießen, wenn man, anders als im Dezember, Zeit zu haben glaubt.

Die weitaus schwierigere Geduldsprobe legt uns der Januar auf. Der Winter ist hartnäckiger als zuvor, der Frühling noch fern. Die Nächte sind lang und dunkel, die Augen wollen sich nicht gewöhnen: je länger und tiefer man in die Dunkelheit blickt, desto finsterer scheint es zu werden. Manchmal sieht man eher zufällig eine Mondsichel, aber ihr Licht ist schwach und vermag sich nicht über den Himmel zu breiten.

Man ist immerfort müde, weil die Nächte nicht erholsam sind, man liegt wach und sieht in die Dunkelheit, man steht auf in der Dunkelheit, verbringt trübe Tage und lange Abende in der Dunkelheit. Tagsüber auszuruhen, hätte nur zur Folge, dass man nachts noch länger wachliegt.

Nie ist es wirklich warm, nicht im geheizten Zimmer, nicht in Bewegung, man mag erhitzt sein und friert doch innerlich. In der Saunakabine kann man sich aufwärmen, bis man schläfrig wird, aber kaum hat man sie verlassen, friert man wieder. Glühwein mag man längst nicht mehr trinken, der süße Geschmack ist ekelerregend, aber er wärmt, wenn auch nur kurzfristig.

Im Januar bleibt für gewöhnlich der Appetit aus, Weihnachten mit seinem üppigen Essen ist noch zu gut in Erinnerung, man scheint für Jahre gesättigt. Das Zubereiten phantasievoller Gerichte macht keine Freude mehr, niemand hat Appetit, schon gar keinen Hunger, schon das Nachdenken über das Essen macht trübsinnig.

Am schlimmsten wird es, wenn über Mittag der Himmel aufreißt und die Sonne scheint. Für einen kurzen Moment spürt man den Frühling nahen, man möchte sich Wintermantel, Jacke und Schal vom Leib reißen und sich in Sonne, Wärme, Vogelgezwitscher und den Geruch von Erde einwickeln, aber der Winter schickt wie zur Strafe eisige Windstöße, Wolken und Niederschläge.

Man ist bedrückt im Januar, ohne traurig zu sein, es fühlt sich ein wenig wie schlechtes Wetter an, und wie schlechtes Wetter wird es auch vorüber gehen. Man lebt weiter wie bisher, steht auf in der Dunkelheit, verbringt trübe Tage und lange Abende in der Dunkelheit, und wenn man zu beschäftigt ist, um den Trübsinn anzusehen, ist er dennoch da.

18 Januar 2009

Über das Schreiben: suum cuique

Eine der nachhaltigsten Lektionen über das Geschichtenerzählen hat mir meine Tochter erteilt.

Zwei junge Burschen hatten sie und ihre Freundin in einem Trabant auf einem Parkplatz herumkutschiert. Der Fahrer verlor die Kontrolle über das Fahrzeug, der Trabant überschlug sich und blieb mit dem Dach zuunterst liegen. Die jungen Leute konnten sich selbst aus dem Auto befreien und sind mit dem Schrecken davongekommen.
Zu Hause angekommen, erzählte meine Tochter, was passiert war. Ich hörte fasziniert zu. Es war nicht irgendeine Geschichte, die sie erzählte, sondern ihre, und sie war die Hauptperson. Sie erzählte mir, was genau sie während des Unfalls und danach empfunden, gedacht und was sie sich gewünscht hat. Es waren zum Teil ganz merkwürdig anmutende, simple Wünsche wie der, sich die Lippen eincremen zu können, die ihrer Erzählung einen besonderen Charakter verliehen und die mir sehr eindringlich vermittelten, was für eine bemerkenswerte Person sie ist.

Diese Lektion deckt sich auch mit dem Rat, den mir ein Lehrer erteilt hat. Ich habe auf diesen Lehrer mehr als auf jeden anderen Lehrer gehört, weil er mir glaubhaft vermitteln konnte, seine Ratschläge nicht an eine x-beliebige Schülerin, sondern an mich zu richten.

Es ist ein paar Jahre her, seit ich einen Text geschrieben habe, der intimer und persönlicher war als alle anderen Texte, die ich zuvor verfasst hatte. Ich hatte ein ungutes Gefühl beim Schreiben, weil ich so viel von mir preisgab. Tatsächlich werden sehr persönliche Texte von anderen Schreibenden oft mit Vorwürfen oder gar Häme bedacht, und man gerät leicht in den Verdacht, voyeuristisch oder narzisstisch zu sein. Aber dieser kleine Text wurde veröffentlicht, und ich erinnere mich noch gut daran, dass jemand aus meiner Verwandtschaft, der ihn gelesen hatte, sagte: Ja, das bist du.

Es gibt immer wieder Tage, an dem ich mir wünsche, anders zu sein: gebildet, weltläufig, freundlich, und ich schäme mich dieser kleinen Texte aus meiner kleinen Welt. Aber im Grunde weiß ich, dass ich nur das gut tun kann, was mir entspricht. Auch und ganz besonders beim Schreiben.

17 Januar 2009

Über das Schreiben: Wieder in Phantásien

Zweihundert Meter lang ist das Reliefband der Trajanssäule, das die Geschichte der Dakerkriege erzählt, welche Rom zu Beginn des zweiten Jahrhunderts geführt hat. Es ist mehr als eine Chronik der Ereignisse und gleichzeitig weniger als das, es ist Präsentation und Inszenierung.

Ein lange beiseite gelegtes Projekt wieder aufzunehmen, ist keine leichte Sache. Aber der Zeitpunkt war gekommen, und ich habe mich wieder an die Arbeit gemacht, ohne auf die Küsse mythologischer Wesen zu warten. Wenn man sich einer Arbeit entfremdet hat, hilft nur Wille und Disziplin, um wieder mit ihr vertraut zu werden. Erstaunlich, wenn auch nicht völlig neu war es für mich, zu erleben, dass man sich ohne irgendeinen Einfall an den Computer setzen kann und dann doch etwas entsteht.
Tatsächlich werde ich ganz allmählich wieder warm mit der Thematik und dem Stoff.

Ich musste dieser Tage an eine andere Geschichte denken, die ich nur in der Filmfassung kennen gelernt habe. Michael Endes „Unendliche Geschichte“ handelt vom Überwinden der Grenzen zwischen Phantasie und Wirklichkeit. Ich musste an diesen Jungen namens Bastian denken, der immer wieder die Unendliche Geschichte aufschlägt und buchstäblich in sie hineingezogen wird.

Und ich dachte daran, dass das Relief der Trajanssäule wahrscheinlich ein paar wichtige Momente des ersten Dakerkrieges nicht darstellt. Und wahrscheinlich wird Laberius Maximus, einer der bedeutendsten Heerführer dieses ersten Feldzuges, nicht unter den Begleitern des Kaisers gezeigt. Maximus wurde wegen Hochverrats auf eine Insel verbannt und verfiel der damnatio memoriae, der Tilgung seines Andenkens. Worin sein Verrat bestand, ist nicht überliefert.

Nein, ich fühle mich nicht dazu berufen, diesen römischen General zu rehabilitieren oder die Geschichte neu zu schreiben. Aber es sind Sätze, in denen ich über ihn schreibe, die mich besonders anrühren, weil mir klar wird, dass es meine Arbeit ist, an der ich sitze, dass es mein Projekt ist, in dem ausschließlich ich die Chefin bin. Das ist der Funken, der überspringt, und ich fühle mich ein wenig wie Bastian, der den Ruf der kindlichen Kaiserin hört.
Und schon bin ich angekommen: Zuhause in Phantásien.

10 Januar 2009