22 Februar 2009

Landregen

Der Baum vor meinem Fenster ist ein Gitter, das den Tag fernhält. Der Regen hat sich über Nacht herangeschlichen, und nun bleibt er, tröpfelt wie der Sand in einer Uhr, die nicht aufhört, sich zu drehen. Weit und breit rinnt er hernieder, will nicht strömen, um nicht zu versiegen. Manchmal fährt ein Windstoß in die Äste und harkt Streifen in den dicht verhangenen Himmel.

06 Februar 2009

W.

W. ist eine Kleinstadt westlich von Dresden. Ich arbeitete heute an einem Angebot für einen Kunden und stellte dabei fest, dass diese Stadt doch recht bedeutend ist und unter den Kleinstädten herausragt. Erst später fiel mir ein, dass ich einmal dort gewesen bin. Das kleine Krankenhaus, in dem ich damals für kurze Zeit lag, gibt es wohl nicht mehr. Ich weiß nicht, ob ich das bedauere – es ist sehr lange her, und ich erinnere mich nur bruchstückhaft.

Dem Aufenthalt in W. ging einiges voraus. Ich erinnere mich an einen Nachmittag in einem Dresdner Krankenhaus und an ein großes Wartezimmer voller Frauen. Jung, sehr jung, mittleres Alter, reifes Alter – fast jeder Frauentyp war dort vertreten. Ich war eine von vielen und wartete wie die anderen, bis ich meinen Operationstermin und mit ihm die Information bekam, wo und wann ich mich zu melden hatte.

Ich war auf diese Prozedur vorbereitet, eine Kollegin hatte mir davon erzählt. Sie hatte gemeint, zu dieser Art von Eingriff werde man irgendwo ins Umland geschickt. Es sei Methode, meinte sie, eine Art Schikane. Aber ich glaube, dass die Patientinnen einfach den Kapazitäten entsprechend verteilt wurden, denn schließlich gab es eine Frist, die eingehalten werden musste.

Ich musste mich im Krankenhaus Freital melden und war ganz froh darüber, denn Freital ist von Dresden aus gut zu erreichen. Ich kann mich erinnern, dass ich mit einem Linienbus dorthin fuhr. Und ich erinnere mich an ein Mehrbettzimmer und meine Nachbarin in diesem Zimmer. Sie war jung, hübsch und nett. Ich war ebenfalls jung.
Ich weiß nicht, ob Krankenhauspatientinnen heute anders miteinander umgehen - damals redeten wir sofort und ohne Umschweife Klartext. Sie war wegen einer Risikoschwangerschaft in der Klinik. Meine Kollegin hatte mich davor gewarnt, dass Patientinnen wie meine Nachbarin und ich oft zusammen in ein Zimmer gesteckt würden, und auch dies hielt sie für wohldurchdachte Absicht.

Ich war – warum auch immer – davon überzeugt, triftige Gründe für meine Entscheidung zu haben. Und meine Nachbarin akzeptierte diese Gründe.
Sie lag schon ein paar Wochen in der Klinik, kannte die Vorgehensweise und bereitete mich darauf vor, dass ich nach dem Eingriff sobald wie möglich verlegt würde - nach W., wo sich eine Außenstelle des Krankenhauses Freital befand. Alle leichten Fälle, meinte sie, würden verlegt, und Patientinnen wie ich sowieso.

Ich weiß, dass sie mich aufforderte, zu schlafen, als ich nach der Operation wieder ins Zimmer gebracht wurde. Später versuchte sie, mich aufzubauen. Ob ich Gewissenskonflikte zu erkennen gab, weiß ich nicht mehr. Sie sagte, dass zwei Kinder genau richtig seien, dass meine beiden in einigen Jahren aus dem Gröbsten raus seien und wir ein schönes Leben haben würden.
Dann erzählte sie mir von einer jungen Frau, die vor mir ihre Zimmernachbarin gewesen war und nun schon in W. sein musste. Sie beschrieb sie als eine anmaßende, überhebliche Person im schwarzen Negligé, die sich gegen ihr erstes Kind entschieden hatte. Meine Zimmernachbarin hatte sie nicht ausstehen können. Bei mir, fügte sie hinzu, sei es ja anders.

Ich kam wie vorgesehen nach W., wo ich noch zwei, drei Tage verbrachte. Mein Zimmer teilte ich mit der jungen Frau im schwarzen Negligé, und wir verstanden uns sehr gut. Noch ehe ich sie danach fragen konnte, erzählte sie mir, dass sie noch nicht reif für ein Kind sei. Ja, man redete damals sofort Klartext. Sie hatte nach dem Eingriff erhöhte Temperatur, ich dagegen nicht, und ich wurde noch vor ihr entlassen.
Ich kann mich gut daran erinnern, wie ich an einem dunklen Morgen über den Marktplatz von W. zum Bus ging, der mich nach Dresden zurück brachte.

Ich bekam später noch zwei Kinder. Vor meiner vierten Geburt nahm die Hebamme die Vorgeschichte auf, und nachdem ich ihr alles erzählt hatte, meinte sie, das Kind, das ich damals nicht bekommen hätte, würde ich nun kriegen. Ich wusste diese Geste zu schätzen, aber natürlich hatte sie Unrecht.

Und dennoch bin ich froh. Froh darüber, vier Kinder geboren zu haben, und ein Kind nicht geboren zu haben. Dieser Makel in meinem Leben ist mir wichtig. Am liebsten würde ich jedem, der mich nach der Anzahl meiner Kinder fragt, davon erzählen. Ich würde gern jeder Frau, die sich gegen eine Schwangerschaft entscheidet, signalisieren, dass ich das Gleiche getan habe.