28 März 2009

Sphärenklänge 2009 (1): Warum Elias Alder leben sollte

Es ist meine Lieblingsszene aus dem Film „Schlafes Bruder“: Elias, bisher nur Gehilfe des Dorflehrers und Organisten, darf nach dessen Tod zum ersten Mal beim Gottesdienst die Orgel spielen. Schon während er die ersten Töne anschlägt, blicken die Dorfbewohner wie gebannt zu ihm hinauf. Solche Musik, wie er sie zu spielen vermag, haben sie noch nie gehört. Er berührt die vom Alltag gezeichneten und abgestumpften Leute. Einige schimpfen, andere bewundern ihn. Er selbst geht in seinem Spiel für eine Weile ganz auf.

http://www.youtube.com/watch?v=Px23vIoMVRk

Wann immer ich diese Filmszene sehe, wünsche ich mir: „Von nun an bitte mit Musik!“
Ich möchte Elias spielen hören, wieder und wieder. Der Film hat dem Roman vor allem eines voraus: den quälenden Wunsch nach mehr von diesen Klängen, der beim Zuschauer erzeugt wird. Diesen Wunsch, der von da an präsent ist und der sich bis zum Orgelwettbewerb in Feldberg, wo Elias das einzige Mal in einer größeren Öffentlichkeit auftritt, nicht erfüllt.

Kirchenmusik war über die Jahrhunderte hinweg für manche Menschen die einzige Musik, die sie zu hören bekamen. Und ich freue mich darüber, dass heute regelmäßig Orgelvorspiele und Konzerte in den Kirchen stattfinden. Das Orgelkonzert am Mittwoch Abend in der Frauenkirche war Felix Mendelssohn Bartholdy gewidmet.
Ich gehe lieber in Konzerte, in denen ich Werke verschiedener Komponisten aus verschiedenen Epochen hören kann, wollte aber Samuel Kummer, den Organisten der Frauenkirche, im Konzert erleben.

http://www.samuelkummer.de/

An den Tagen zuvor war ich bedrückt und mutlos, und an jenem Abend dorthin zu gehen, war eine reine Kopfentscheidung gewesen. Es war so sehr eine Kopfentscheidung, dass ich mich zum Konzertbesuch zwang, indem ich mir die Karte im Vorverkauf besorgte, wo es teurer als an der Abendkasse ist.

Auf die Zugaben, die Samuel Kummer gibt – meist improvisiert er - , freue ich mich mehr als auf alles andere, und er lässt sich nie lange bitten. Die Leute wissen das, denn nach Programmende sieht man nur wenige, die sich erheben und zu den Türen gehen wollen.

Das Konzert am Mittwoch Abend war schön gewesen, die Zugaben, besonders die erste, waren überwältigend. Sehr poetisch zu Beginn, endete das Spiel in einem strahlenden, kraftvollen Finale. Es waren aber nicht nur die Orgelklänge, die mich augenblicklich glücklich, dankbar, mutiger, zuversichtlicher werden ließen. Der Anblick der Kirche mit ihrer barocken Architektur, den üppigen Formen und Figuren, ihrem Ausdruck von Freude, Lebenslust, Glanz und Pracht vermochte diese Empfindungen noch zu steigern.

Im Film hat Elias die Menschen berühren können, aber er vermochte sie nicht dauerhaft zu nähren. Zu zerrissen war er. Warum haben die Eschberger ihn nicht gebeten, weiterzuspielen? Warum ließen sie es zu, dass die Musik so schnell wieder aus ihrem Leben verschwand?

Das Ende des Romans ist literarisch und folgerichtig. Ich hätte mir dennoch ein anderes gewünscht. Elias siegt beim Orgelwettbewerb und findet zu sich selbst.
Die Musik triumphiert, nicht über das Leben, sondern mitten darin.

17 März 2009

Können Sie das mal buchstabieren?

Werbeanrufe sind selten willkommen. Kürzlich aber war ich einem derartigen Anruf gegenüber aufgeschlossen, hatte ihn sogar früher oder später erwartet. Er kam von einer Krankenkasse, in der ich viele Jahre lang Mitglied war. Die Mitgliedschaft hatte ich im vorigen Jahr gekündigt.

Eine freundliche, ältere Dame war am Telefon und wollte mir die neuen Wahltarife dieser Krankenkasse vorstellen. Genauer gesagt, sollte dies ein Vertreter tun, der mich beraten würde, und die Dame hatte die Aufgabe, einen Termin zu vereinbaren. Gegen ein Beratungsgespräch habe ich prinzipiell nichts einzuwenden, hatte jedoch noch ein anderes Anliegen.

Vor einiger Zeit habe ich gehört, dass sich diese Krankenkasse für den Ausbau der Palliativmedizin einsetzen will. Darüber, das sagte ich der Dame am Telefon, würde ich gern Näheres wissen, denn wenn es so wäre, könnte ich mir vorstellen, wieder Mitglied zu werden. Nun, sagte sie, da müsse sich der Vertreter eben kundig machen. Und sogleich wurde der Termin vereinbart. Was für eine Medizin das gleich noch mal sei, fragte die Dame nach. Ich wiederholte mein Anliegen und fragte mit ehrlichem Erstaunen, ob sie tatsächlich nicht wüsste, was Palliativmedizin ist. Sie ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und antwortete gut gelaunt, sie sei doch nur bei der Hotline. Schließlich buchstabierte ich das Wort.

Und heute überlege ich, ob ich nicht besser noch etwas gesagt hätte. Dass Palliativmedizin etwas vollkommen Gutes ist, etwas, das in wirklich großem Umfang benötigt wird. Dass es viel zu wenig Plätze in Palliativstationen gibt. Dass Palliativmedizin viel Geld kostet. Dass Kranken deswegen sogar mehr oder weniger offen geraten wird, einem Sterbehilfeverein in der Schweiz beizutreten, um einem sicheren qualvollen Tod durch Inanspruchnahme aktiver Sterbehilfe zuvorzukommen.

Es gibt Tage, an denen man dazu neigt, an Wahlfreiheit und Wirksamkeit persönlicher Wahl zu glauben. Und so dachte ich mir zumindest am Abend nach dem Anruf, dass ich vielleicht meinen Beitrag dazu leisten kann, mehr Menschen zu einer so humanen Behandlung zu verhelfen. Aber im Grunde bin ich zu desillusioniert, um zu glauben, in dieser Sache etwas tun zu können. Wahrscheinlich ist dieses Sich-dafür-Einsetzen eine ähnliche Maßnahme wie die der Rentenerhöhung vor der Bundestagswahl.

Es ist auch keine wirkliche Neugier, mit der ich das Beratungsgespräch erwarte. Ein bisschen Neugier vielleicht, zugegeben – darauf, was mir der Vertreter erzählen wird, um mich zur Unterschrift zu bewegen. Dafür muss er offenbar richtig was tun – vorausgesetzt, ich habe richtig buchstabiert.

08 März 2009

01 März 2009