Erinnerung an Brieske (2)
Wenn wir nach Brieske fuhren, erkannte ich nacheinander die markanten Orte an der Autobahn: den Radeburger Stausee, die Städte Ortrand, Ruhland, Schwarzheide, den Bahndamm und schließlich das Ortsschild.
Meine frühesten Erinnerungen gelten einem zweistöckigen Haus mit einem Laden im Erdgeschoß. Ich stand im Garten hinter dem Haus und spielte mit einer blauen Plastikwäscheleine. Meine Omi kam heraus und sagte etwas zu mir. An den Wortlaut erinnere ich mich nicht mehr.
Meine Omi hat die Konsum-Verkaufsstelle im Haus viele Jahre lang geleitet. Eröffnet hat sie mein Opi, an den ich keine Erinnerungen mehr habe, von dem mir aber manches berichtet wurde. Mein Opi war ein großherziger, impulsiver Mensch. Einmal hatte er eine lautstarke Auseinandersetzung mit seinem Vorgesetzten, und dieser wies ihn brüllend darauf hin, dass er der Generaldirektor sei. Mein Opi brüllte zurück, er sei Fritz Stiller und machte sich darauf hin mit einem Lebensmittelladen selbstständig. Er starb, als ich zwei Jahre alt war. Oft nahm er mich auf den Schoß und sang dabei „Schwarzbraun ist die Haselnuss“, aber auch das weiß ich nur, weil es mir später erzählt wurde. Meine Omi führte den Lebensmittelladen weiter. In dem Haus auf der Rentnerstraße hat auch die Schwester meines Opis, Tante Else, gewohnt. Eines Tages führte mich meine Omi in ihr Zimmer und sagte mir, dass sie gestorben sei. Ich zog die Schublade einer Kommode auf und sah einen Handspiegel und eine Haarbürste darin, in der sich noch Haare von ihr befanden.
Als meine Omi die Leitung der Verkaufsstelle abgab und das Haus verkaufte, zog sie in eines der Siedlungshäuser von Brieske-Ost, nur ein paar Meter vom alten Wohnsitz entfernt. Das Grundstück gehörte einem entfernten Verwandten, und meine Omi bewohnte eine Wohnung im Erdgeschoss. Die Häuser sahen alle ähnlich aus, hatten einen Vorgarten, einen großen Hof, und in fast allen Grundstücken fand man überdimensionale Antennen für den West-Empfang. Die hübsche Gegend war von der Braunkohleförderung gezeichnet. Der Kohlenstaub war überall, und wenn der Wind ungünstig wehte, wollte niemand Wäsche aufhängen.
Meine Omi ging oft mit mir spazieren, am Ufer der Elster, am Niemtscher Park, an den Güterwaggons entlang, manchmal zum Bahndamm hinauf oder nach Senftenberg zum Markt.
Die Idee, diese Gegend einmal in ein Naherholungszentrum zu verwandeln, musste sehr früh geboren worden sein. Mein Opi hatte davon gehört und erzählte jedem Besucher mit Begeisterung davon. Damals konnten sich die wenigsten vorstellen, dass dies einmal Realität sein würde.
Meine Omi habe ich sehr geliebt. Sie erzählte oft von ihrer Zeit im Konsum, und ich konnte sie mir gut hinter dem Ladentisch vorstellen. Sie war eine richtige Geschäftsfrau und plauderte gern mit den Leuten. Aber besonders mochte ich ihre phantasievolle Art. Sie las gern historische Romane, war sehr begeisterungsfähig und romantisch, und von Geschichten aus Fürstentümern und Königshäusern konnte sie nie genug bekommen.
Wenn sie vom Krieg erzählte, hörte ich gespannt zu. Von der Flucht vor der Roten Armee über die Dörfer, deren Namen ich wieder erkannte, als wir später mit den Fahrrädern nach Senftenberg fuhren. Diese Geschichten hatten für mich etwas Abenteuerliches. Ich dachte dabei an Siedlertrecks im Wilden Westen, wie ich sie in Indianerfilmen gesehen hatte.
Als Dresden brannte, war der Feuerschein am Himmel bis nach Brieske zu sehen. Meine Omi erzählte immer wieder davon. Dieser Bericht war für mich wie ein kurzer, aber einprägsamer Blick ins Ungeheuerliche.
Meine Omi war klein und ein wenig mollig. Ihr Haar steckte sie am Hinterkopf zu einem Knoten, den sie mit Hilfe von zwei oder drei Kämmchen fixierte. Sie besaß mehrere Kämmchen verschiedener Tönung. Manchmal vermisste sie eins, und dann machten wir uns auf die Suche, bis wir es fanden. Am besten gefiel sie mir, wenn sie abends den Haarknoten löste. Ich kämmte gern ihre langen, silbernen Locken und weiß noch heute, wie weich sie sich anfühlten. Im Alltag trug sie bunt gemusterte Kittelschürzen, und beim Kauf dieser Schürzen war sie recht wählerisch: sie mussten ihr gefallen, hübsch und von einer gewissen Qualität sein. Meine Omi hatte auch Pullover, Blusen, Röcke, Westen, Kostüme, aber die waren besonderen Stunden und Anlässen vorbehalten. Eine spezielle Vorliebe hatte sie für Kappen. Wenn sie zu uns nach Dresden kam, suchte sie meist eine Putzmacherin auf, um sich eine Kappe anfertigen zu lassen. Nicht jede Frau, erklärte sie mir, könne einen Hut tragen: sie sei zu klein dafür, und ein Hut würde kleine Frauen erdrücken. Mit Kappe sah sie richtig elegant aus.
Später zog meine Omi aus Brieske fort. Wir hatten noch andere Verwandte dort, die wir ab und an besuchten. Eine gewisse Vertrautheit stellte sich immer wieder ein, wenn wir nach Brieske fuhren. So ist es mit jedem Ort, wo man ein Stück seiner Kindheit verbracht hat. Wie sehr er sich auch verändert, er wird einem nie ganz fremd werden.
Meine frühesten Erinnerungen gelten einem zweistöckigen Haus mit einem Laden im Erdgeschoß. Ich stand im Garten hinter dem Haus und spielte mit einer blauen Plastikwäscheleine. Meine Omi kam heraus und sagte etwas zu mir. An den Wortlaut erinnere ich mich nicht mehr.
Meine Omi hat die Konsum-Verkaufsstelle im Haus viele Jahre lang geleitet. Eröffnet hat sie mein Opi, an den ich keine Erinnerungen mehr habe, von dem mir aber manches berichtet wurde. Mein Opi war ein großherziger, impulsiver Mensch. Einmal hatte er eine lautstarke Auseinandersetzung mit seinem Vorgesetzten, und dieser wies ihn brüllend darauf hin, dass er der Generaldirektor sei. Mein Opi brüllte zurück, er sei Fritz Stiller und machte sich darauf hin mit einem Lebensmittelladen selbstständig. Er starb, als ich zwei Jahre alt war. Oft nahm er mich auf den Schoß und sang dabei „Schwarzbraun ist die Haselnuss“, aber auch das weiß ich nur, weil es mir später erzählt wurde. Meine Omi führte den Lebensmittelladen weiter. In dem Haus auf der Rentnerstraße hat auch die Schwester meines Opis, Tante Else, gewohnt. Eines Tages führte mich meine Omi in ihr Zimmer und sagte mir, dass sie gestorben sei. Ich zog die Schublade einer Kommode auf und sah einen Handspiegel und eine Haarbürste darin, in der sich noch Haare von ihr befanden.
Als meine Omi die Leitung der Verkaufsstelle abgab und das Haus verkaufte, zog sie in eines der Siedlungshäuser von Brieske-Ost, nur ein paar Meter vom alten Wohnsitz entfernt. Das Grundstück gehörte einem entfernten Verwandten, und meine Omi bewohnte eine Wohnung im Erdgeschoss. Die Häuser sahen alle ähnlich aus, hatten einen Vorgarten, einen großen Hof, und in fast allen Grundstücken fand man überdimensionale Antennen für den West-Empfang. Die hübsche Gegend war von der Braunkohleförderung gezeichnet. Der Kohlenstaub war überall, und wenn der Wind ungünstig wehte, wollte niemand Wäsche aufhängen.
Meine Omi ging oft mit mir spazieren, am Ufer der Elster, am Niemtscher Park, an den Güterwaggons entlang, manchmal zum Bahndamm hinauf oder nach Senftenberg zum Markt.
Die Idee, diese Gegend einmal in ein Naherholungszentrum zu verwandeln, musste sehr früh geboren worden sein. Mein Opi hatte davon gehört und erzählte jedem Besucher mit Begeisterung davon. Damals konnten sich die wenigsten vorstellen, dass dies einmal Realität sein würde.
Meine Omi habe ich sehr geliebt. Sie erzählte oft von ihrer Zeit im Konsum, und ich konnte sie mir gut hinter dem Ladentisch vorstellen. Sie war eine richtige Geschäftsfrau und plauderte gern mit den Leuten. Aber besonders mochte ich ihre phantasievolle Art. Sie las gern historische Romane, war sehr begeisterungsfähig und romantisch, und von Geschichten aus Fürstentümern und Königshäusern konnte sie nie genug bekommen.
Wenn sie vom Krieg erzählte, hörte ich gespannt zu. Von der Flucht vor der Roten Armee über die Dörfer, deren Namen ich wieder erkannte, als wir später mit den Fahrrädern nach Senftenberg fuhren. Diese Geschichten hatten für mich etwas Abenteuerliches. Ich dachte dabei an Siedlertrecks im Wilden Westen, wie ich sie in Indianerfilmen gesehen hatte.
Als Dresden brannte, war der Feuerschein am Himmel bis nach Brieske zu sehen. Meine Omi erzählte immer wieder davon. Dieser Bericht war für mich wie ein kurzer, aber einprägsamer Blick ins Ungeheuerliche.
Meine Omi war klein und ein wenig mollig. Ihr Haar steckte sie am Hinterkopf zu einem Knoten, den sie mit Hilfe von zwei oder drei Kämmchen fixierte. Sie besaß mehrere Kämmchen verschiedener Tönung. Manchmal vermisste sie eins, und dann machten wir uns auf die Suche, bis wir es fanden. Am besten gefiel sie mir, wenn sie abends den Haarknoten löste. Ich kämmte gern ihre langen, silbernen Locken und weiß noch heute, wie weich sie sich anfühlten. Im Alltag trug sie bunt gemusterte Kittelschürzen, und beim Kauf dieser Schürzen war sie recht wählerisch: sie mussten ihr gefallen, hübsch und von einer gewissen Qualität sein. Meine Omi hatte auch Pullover, Blusen, Röcke, Westen, Kostüme, aber die waren besonderen Stunden und Anlässen vorbehalten. Eine spezielle Vorliebe hatte sie für Kappen. Wenn sie zu uns nach Dresden kam, suchte sie meist eine Putzmacherin auf, um sich eine Kappe anfertigen zu lassen. Nicht jede Frau, erklärte sie mir, könne einen Hut tragen: sie sei zu klein dafür, und ein Hut würde kleine Frauen erdrücken. Mit Kappe sah sie richtig elegant aus.
Später zog meine Omi aus Brieske fort. Wir hatten noch andere Verwandte dort, die wir ab und an besuchten. Eine gewisse Vertrautheit stellte sich immer wieder ein, wenn wir nach Brieske fuhren. So ist es mit jedem Ort, wo man ein Stück seiner Kindheit verbracht hat. Wie sehr er sich auch verändert, er wird einem nie ganz fremd werden.

