26 Juli 2009

Erinnerung an Brieske (2)

Wenn wir nach Brieske fuhren, erkannte ich nacheinander die markanten Orte an der Autobahn: den Radeburger Stausee, die Städte Ortrand, Ruhland, Schwarzheide, den Bahndamm und schließlich das Ortsschild.

Meine frühesten Erinnerungen gelten einem zweistöckigen Haus mit einem Laden im Erdgeschoß. Ich stand im Garten hinter dem Haus und spielte mit einer blauen Plastikwäscheleine. Meine Omi kam heraus und sagte etwas zu mir. An den Wortlaut erinnere ich mich nicht mehr.

Meine Omi hat die Konsum-Verkaufsstelle im Haus viele Jahre lang geleitet. Eröffnet hat sie mein Opi, an den ich keine Erinnerungen mehr habe, von dem mir aber manches berichtet wurde. Mein Opi war ein großherziger, impulsiver Mensch. Einmal hatte er eine lautstarke Auseinandersetzung mit seinem Vorgesetzten, und dieser wies ihn brüllend darauf hin, dass er der Generaldirektor sei. Mein Opi brüllte zurück, er sei Fritz Stiller und machte sich darauf hin mit einem Lebensmittelladen selbstständig. Er starb, als ich zwei Jahre alt war. Oft nahm er mich auf den Schoß und sang dabei „Schwarzbraun ist die Haselnuss“, aber auch das weiß ich nur, weil es mir später erzählt wurde. Meine Omi führte den Lebensmittelladen weiter. In dem Haus auf der Rentnerstraße hat auch die Schwester meines Opis, Tante Else, gewohnt. Eines Tages führte mich meine Omi in ihr Zimmer und sagte mir, dass sie gestorben sei. Ich zog die Schublade einer Kommode auf und sah einen Handspiegel und eine Haarbürste darin, in der sich noch Haare von ihr befanden.

Als meine Omi die Leitung der Verkaufsstelle abgab und das Haus verkaufte, zog sie in eines der Siedlungshäuser von Brieske-Ost, nur ein paar Meter vom alten Wohnsitz entfernt. Das Grundstück gehörte einem entfernten Verwandten, und meine Omi bewohnte eine Wohnung im Erdgeschoss. Die Häuser sahen alle ähnlich aus, hatten einen Vorgarten, einen großen Hof, und in fast allen Grundstücken fand man überdimensionale Antennen für den West-Empfang. Die hübsche Gegend war von der Braunkohleförderung gezeichnet. Der Kohlenstaub war überall, und wenn der Wind ungünstig wehte, wollte niemand Wäsche aufhängen.

Meine Omi ging oft mit mir spazieren, am Ufer der Elster, am Niemtscher Park, an den Güterwaggons entlang, manchmal zum Bahndamm hinauf oder nach Senftenberg zum Markt.

Die Idee, diese Gegend einmal in ein Naherholungszentrum zu verwandeln, musste sehr früh geboren worden sein. Mein Opi hatte davon gehört und erzählte jedem Besucher mit Begeisterung davon. Damals konnten sich die wenigsten vorstellen, dass dies einmal Realität sein würde.

Meine Omi habe ich sehr geliebt. Sie erzählte oft von ihrer Zeit im Konsum, und ich konnte sie mir gut hinter dem Ladentisch vorstellen. Sie war eine richtige Geschäftsfrau und plauderte gern mit den Leuten. Aber besonders mochte ich ihre phantasievolle Art. Sie las gern historische Romane, war sehr begeisterungsfähig und romantisch, und von Geschichten aus Fürstentümern und Königshäusern konnte sie nie genug bekommen.

Wenn sie vom Krieg erzählte, hörte ich gespannt zu. Von der Flucht vor der Roten Armee über die Dörfer, deren Namen ich wieder erkannte, als wir später mit den Fahrrädern nach Senftenberg fuhren. Diese Geschichten hatten für mich etwas Abenteuerliches. Ich dachte dabei an Siedlertrecks im Wilden Westen, wie ich sie in Indianerfilmen gesehen hatte.

Als Dresden brannte, war der Feuerschein am Himmel bis nach Brieske zu sehen. Meine Omi erzählte immer wieder davon. Dieser Bericht war für mich wie ein kurzer, aber einprägsamer Blick ins Ungeheuerliche.

Meine Omi war klein und ein wenig mollig. Ihr Haar steckte sie am Hinterkopf zu einem Knoten, den sie mit Hilfe von zwei oder drei Kämmchen fixierte. Sie besaß mehrere Kämmchen verschiedener Tönung. Manchmal vermisste sie eins, und dann machten wir uns auf die Suche, bis wir es fanden. Am besten gefiel sie mir, wenn sie abends den Haarknoten löste. Ich kämmte gern ihre langen, silbernen Locken und weiß noch heute, wie weich sie sich anfühlten. Im Alltag trug sie bunt gemusterte Kittelschürzen, und beim Kauf dieser Schürzen war sie recht wählerisch: sie mussten ihr gefallen, hübsch und von einer gewissen Qualität sein. Meine Omi hatte auch Pullover, Blusen, Röcke, Westen, Kostüme, aber die waren besonderen Stunden und Anlässen vorbehalten. Eine spezielle Vorliebe hatte sie für Kappen. Wenn sie zu uns nach Dresden kam, suchte sie meist eine Putzmacherin auf, um sich eine Kappe anfertigen zu lassen. Nicht jede Frau, erklärte sie mir, könne einen Hut tragen: sie sei zu klein dafür, und ein Hut würde kleine Frauen erdrücken. Mit Kappe sah sie richtig elegant aus.

Später zog meine Omi aus Brieske fort. Wir hatten noch andere Verwandte dort, die wir ab und an besuchten. Eine gewisse Vertrautheit stellte sich immer wieder ein, wenn wir nach Brieske fuhren. So ist es mit jedem Ort, wo man ein Stück seiner Kindheit verbracht hat. Wie sehr er sich auch verändert, er wird einem nie ganz fremd werden.

23 Juli 2009

Hass und Liebe

Keiner soll behaupten, meine kleine Alltagswelt sei friedlich. Es wimmelt darin von Feinden. Eine bestimmte Sorte Mann füllt mein Feindbild so vollkommen aus, dass kaum noch Raum für Randerscheinungen bleibt.

Während der kalten Jahreszeit begegne ich diesen Männern selten, denn dann fahren sie Auto und fallen mir nicht weiter auf. Es gibt rücksichtsvolle Autofahrer und solche, die wenigstens niemanden umfahren. Und es gibt rücksichtslose und leichtsinnige Autofahrer. Da ich als Radfahrerin bei einem Unfall generell den Kürzeren ziehe, mache ich keinen Unterschied zwischen Kategorie 1 und Kategorie 2: Ich erwarte von jedem, der am Lenkrad eines Autos sitzt, prinzipiell das Schlimmste.

Anders bei den Radfahrern. Die Wintermonate sind manchmal ungemütlich, aber dennoch eine ruhige Zeit. Die wenigen Radler, die unterwegs sind, kommen einander kaum in die Quere. Sobald es Frühling wird und die Radwege trocken sind, ändert sich das schlagartig. Dann treten sie an und in die Pedalen, als ginge es ums Überleben: Männer, zwischen 25 und 35 Jahre alt, legen Hemd, Krawatte und Anzug beiseite und schlüpfen in eine Uniform der anderen Art: eng anliegende Shorts, leuchtende Trikots, kombiniert mit Sportbrille und Helm. Friedensfahrer nannten wir die Radsportler früher, heute herrscht Krieg auf dem Asphalt. Rennräder fahren sie, schick und bunt wie die Trikots, die sie tragen. Ein sportliches Aussehen ist schon mal das Wichtigste, und teuer muss die Ausrüstung sein, denn was nicht teuer ist, taugt bekanntlich nichts.

Kein Stau, kein Engpass kann sie aufhalten, ungebremst schnellen sie auf Rad- und Fußwegen dahin. Gnade gibt es nicht, Sicherheitsabstand ist ihnen ein Fremdwort. Jeder Verkehrsteilnehmer, das meine ich ernst, tut gut daran, sich von ihnen fern zu halten.

Ich bin eine vorsichtige, aber leidenschaftliche Radfahrerin, und die Leidenschaft wurde mir zum Verhängnis. Eines Tages ertappte ich mich beim Hinschauen, wenn sie an mir vorbei zischten, aber auch, wenn sie mir entgegen kamen. Immer genauer sah ich sie mir an. Natürlich nicht die Typen in ihren Trikots, sondern ihre Fahrräder. Und ich brauchte nicht lange zu suchen: ein Mausklick bescherte mir genau das Rennrad, das ich mir wünschte.

Es lohnt, sich seine Feinde genauer anzusehen: sie sind einem oft ähnlicher, als einem lieb ist. Man kann, nebenbei gesagt, mit einem Rennrad auch angepasst fahren. Aber es gibt Strecken – frühmorgens und am Wochenende – wo ich es gern ausfahre und probiere, was in ihm steckt. Weiß und pink sieht es aus. Farben, die ich normalerweise meide.

07 Juli 2009

Senftenberger See

05 Juli 2009

Sommer im Garten

Ferien daheim sind etwas Besonderes. Und jeden Tag kann ich in den Garten gehen. Der Garten ist nicht groß, und das ist gut so: mehr als dieser kleine Garten wäre mir zu viel. Dort kann ich auf der Bank sitzen und ins Grüne schauen, im Liegestuhl liegen und mir den Himmel ansehen. Es gibt viel zu sehen, zu hören und zu spüren: die Steine, die am Abend die Wärme des Tages abstrahlen, das Gras mit seinem Duft, der Erdboden mit seiner Frische und Kühle. Ein Stängel, der sich unter einem Insekt biegt. Mücken, die schwebend ihre Beine von sich strecken. Schilf, das leise erzittert. Das Kaninchen, das an einem Blatt schnuppert. Der Geruch blühender Wildkräuter. Die Frische des Morgens, die Wohltat des Schattens in der Mittagszeit, die Milde und Helligkeit des Sommerabends. Der Moment am Abend, wenn die Vögel still werden.
Was kann die Welt sein gegen einen kleinen Garten.
Ein kleiner Garten ist wie eine ganze Welt.

01 Juli 2009

Arbeit, Sinn und Preis

Ein bisschen mulmig war mir schon, als ich im vergangenen Jahr eine Vertretung im Büro eingearbeitet habe. Wer vorübergehend ersetzbar ist, kann auch dauerhaft ersetzt werden. In Krisenzeiten gilt dieser Satz noch mehr als sonst. Ich wurde in meinem privaten Umfeld mit den Worten kritisiert, heutzutage könne man sich das nicht erlauben, sondern müsse sich im Beruf so unentbehrlich wie möglich machen. Ducken müsse man sich, so jemand anderes, und hoffen, dass man noch ein Weilchen am Arbeitsplatz geduldet wird. Viele Jahre lang habe ich auch so gedacht und danach gehandelt.

Dort, wo angemessen bezahlte Arbeit rar ist – mittlerweile ist sie das fast überall – nimmt sie einen überaus hohen Stellenwert im Leben der Menschen ein. Ich verstehe das sehr gut. Es geht nicht nur um ein Einkommen, sondern um Teilhabe an der Gesellschaft und um Anerkennung.

Armut, durch Arbeitslosigkeit oder schlecht bezahlte Arbeit verursacht, ist nicht nur ein materielles Problem. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass wir viel zu verlieren und viel zu befürchten haben. Ein von permanentem Mangel jeglicher Art geprägter Alltag verändert Menschen nicht sofort. Depression, Zynismus, Verrohung, Hoffnungslosigkeit machen sich breit, sie sind Folgeerscheinungen des Mangels, der wie ein langsam wirkendes Gift den Menschen durchdringt. Da alles allmählich geschieht, bemerkt man es auch kaum. Eine derartige Depression ist ein wenig wie ein Winterschlaf: lässt man sie hinter sich, fühlt man sich wie aus Kältestarre erwachend.

Aber ich weigere mich, den Beruf als Sinn des Lebens zu betrachten. Erwerbsarbeit kann nicht das Maß aller Dinge sein, nur, weil einige Wenige so trefflich davon profitieren.
Diejenigen sind es dann auch, die Krisen als Chancen oder sportliche Herausforderungen verklären.
Ob sie ihr Publikum mit oder ohne Absicht verkennen, weiß ich nicht. Für mich jedenfalls gehört die Sorge um die Existenz nicht in die Sport- und Freizeitabteilung.

Bleibt abzuwarten, wie erfinderisch die Leute in ihrer Eigeninitiative werden. Kriminalität beispielsweise bot seit Menschengedenken verschiedene Erwerbsmöglichkeiten – vor allem dort, wo es an legalen Erwerbsmöglichkeiten mangelt. Und je flächendeckender Armut um sich greift, umso größer ist in der Regel die allgemeine Akzeptanz kriminellen Handelns.

Aber es gibt noch mehr Ideen. Gerade in der Krise, meinen ein paar Schlaue, sollen die Leute mehr Kinder gebären. Absurder geht es doch nicht! Kinder müssen ernährt werden, kosten viel Geld, und wie sehr der Lebensweg der Kinder vom Portemonnaie der Eltern abhängt, bezweifelt hierzulande niemand, abgesehen davon, dass Kinder aus unteren sozialen Schichten gar nicht mehr erwünscht sind.

Der Grund für die Forderung muss ein anderer sein. Höchstwahrscheinlich geht es weniger um die Kinder, sondern um die Eltern. Wer Verantwortung trägt, ist leichter auszubeuten, zu manipulieren und zu erpressen. Wer vielleicht meint, sich mit einem bescheideneren Lebensstandard abfinden zu können, möchte ihn wenigstens seinem Nachwuchs ersparen. Und so beginnt man, sich zu arrangieren, zu ducken, und schließlich beutet man sich selbst aus, in der Hoffnung, den Job behalten zu dürfen.

Arbeit ist, auch wenn das in Vergessenheit geraten ist, keine Gnade und keine Wohltat, die einem erwiesen wird. Arbeit ist vor allem Leistung, die man erbringt.

Ich bin die Demut leid und habe die Abhängigkeit satt. Die Krise hat jedoch auch etwas Gutes: sie macht mich richtig wütend. Wo Wut ist, ist kein Platz für Depression.