Ungeahnte Leidenschaften können einen jeden Moment ereilen.
Wir hatten mal ein indisches Restaurant in der Nähe, aber das Essen dort fanden wir nicht so toll und sind deswegen nie wieder hingegangen. Möglicherweise, denke ich heute, war die Geschmacksrichtung zu neu und ungewohnt, oder wir hatten einfach das falsche Gericht gewählt. Irgendwann schloss das Restaurant, und eine Pizzeria zog ein.
Vor ein paar Jahren ging meine Berliner Tante mit uns zu einem Inder, von dem, wie sie sagte, die ganze Verwandtschaft begeistert ist. Das Restaurant war aus einer Imbissbude entstanden und läuft heute ganz gut. Gemütlich ist es dort, und in angenehmer Atmosphäre hatte ich ein prägendes kulinarisches Erlebnis. Das Erste, was mich überraschte: Reis kann schmecken. Bis dahin mochte ich ihn nicht und brachte ihn nur auf den Tisch, um hin und wieder für Abwechslung zu sorgen. (Aus dem Kochbeutel und ohne Gewürzzugabe kann er freilich nur fad sein.) Ich weiß noch genau, dass ich damals Huhn in Mandelsoße bestellt habe. Dieses Gericht war und ist bis heute das Beste, was ich je gegessen habe. Ich koche es hin und wieder selber und finde, dass es ganz gut gelingt, aber der Genuss jenes Abends wird für immer unerreichbar bleiben, was sicher auch mit dem Anlass und der Tischgesellschaft zu tun hatte, am meisten aber der indischen Kochkunst zu verdanken war. Geschmackliche Unterschiede, sogar Gegensätze gehen in der indischen Küche eine harmonische Verbindung ein, die Ihresgleichen sucht. Eine milde Note kommt erst mit einer Spur Chili zur Vollendung, und eine scharfe Soße wird durch ein paar süße Früchte unwiderstehlich. Besonders gefällt mir die reichliche Verwendung von Gewürzen, die wir sonst nur aus der Weihnachtsbäckerei kennen: Nelken, Zimt, Koriander machen schon die Vorbereitung, das Marinieren und Anbraten, zum sinnlichen Erlebnis.
Inzwischen habe ich auch die mediterrane Küche lieben gelernt – Anlass, mich damit vertraut zu machen, war der Italienischkurs an der Volkshochschule, an dem ich zwei Jahre lang teilnahm und in dem es sehr oft ums Essen ging. Aber dennoch ist die italienische Küche nur mein zweiter Favorit. Indisches Essen ist und bleibt unerreicht. Ich habe ein kleines Kochbuch, aus dem ich ab und an etwas nachkoche, und ein paar bevorzugte Gerichte, die immer gelingen und ankommen. Natürlich haben sich nicht nur meine Vorlieben verändert; die Familie ist – logischerweise – ebenfalls betroffen. Nach und nach hat sich unser Essverhalten gewandelt: Schweres, Kalorienhaltiges wird seltener. Indisches Essen ist nicht nur sehr aromatisch, sondern auch leicht und gesund. Diese Leidenschaft hat einen Nachteil: sie braucht Zeit. Manchmal ärgere ich mich über mich selbst, weil ich mir mit großem Haushalt, Job, Nebenjob und anderen Interessen wieder einmal etwas ausgesucht habe, das nicht so nebenbei getan werden kann. Man kann das als Vorteil ansehen, weil jedes wirkliche Erlebnis Aufmerksamkeit fordert. Aber ich kann es selbst nicht immer einschätzen, ob eine Kochorgie am Freitagabend wirklich das Richtige ist, oder ob mir der Aufwand im wahrsten Sinne den Rest gibt.
Es ist generell schwierig, Balance zu halten. Ohne Leidenschaften wäre das Leben öde, aber die aufwändigen und besonders anstrengenden möchten wohldosiert sein. Nun hatte ich ein paar Tage Zeit und habe wieder einmal indisch gekocht. Ausgeruht und gelassen, habe ich jeden Handgriff genossen – das Essen natürlich auch. Am nächsten Wochenende wird es dann wohl Eintopf geben, aber der kann ja auch ganz lecker sein.
20 Februar 2011
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