Polemik ist „in“. Wer nicht herumschreit, verbal um sich schlägt und anderen wörtlich unter die Gürtellinie tritt, kann sich offenbar kein Gehör mehr verschaffen. Die zunehmende Aggressivität und unsachliche Herangehensweise ist ein Hauptgrund, weshalb mich viele Veröffentlichungen, ob in Zeitungen oder Büchern, nicht mehr interessieren. Wer etwas zu sagen hat, kann es mir ruhig sagen; ich möchte weder angeschrien, noch geschüttelt oder getreten werden.
Kinder, heißt es in der Zeitung, werden überhaupt nicht mehr erzogen. Das Thema ging kürzlich durch die ganze Presse: man macht sich öffentlich wieder einmal Sorgen um den Nachwuchs, und deswegen müssen Patentrezepte verabreicht werden, natürlich mit dem journalistischen Holzhammer.
Kinder werden nicht erzogen? Das ist, Pardon, Unsinn. Es ist Eltern völlig unmöglich, ihre Kinder nicht zu erziehen.
Ich war eine Zeitlang wütend auf meinen jüngsten Sohn. Warum, könnte man insistieren, und der Einwand wäre berechtigt. Natürlich liebe ich diesen Sohn, aber ein paar seiner Eigenheiten können ziemlich nerven. Einerseits bewundere ich ihn für diese Eigenschaften, wünsche mir manchmal selbst ein wenig davon. Andererseits schlägt die Bewunderung leicht in Ärger um, wenn ich seine Gelassenheit als Trägheit, sein sonniges Gemüt als l.-m.-a.-A.-Haltung empfinde. Es war wieder einmal so weit, und weil ich meine Wut selber als ungerecht empfand, versuchte ich, sie mir nicht anmerken zu lassen: ich kehrte ihm den Rücken zu, so dass er mein Gesicht nicht sehen konnte, und sprach nur das Nötigste mit ihm. Nach kurzer Zeit fragte er mich, ob ich Stress hätte. Ich war erstaunt darüber, dass er sehr wohl gemerkt hat, was los war, obwohl ich mir viel Mühe gemacht habe, es zu verbergen. Die Feststellung, wie genau Kinder ihre Eltern beobachten, hat mich ziemlich erschüttert.
Eltern prägen ihre Kinder mit allem, was sie tun, aber auch mit allem, was sie unterlassen. Diese Verantwortung ist eigentlich viel zu groß, um übernommen zu werden. Glücklicherweise sind werdende Eltern meist noch jung und enthusiastisch, und das ist auch vonnöten, um nicht schon von vornherein zu verzagen.
Konservative Pädagogen zeigen heute gern Werte auf, die es zu vermitteln gilt. Es ist, denke ich, nicht nötig, diese Werte allzu oft zu beschwören oder zu predigen. Wer nach gewissen Werten lebt, gibt das weiter. Wenn man es nicht immer schafft, nach den eigenen Prinzipien zu leben, lernt der Nachwuchs auch dies. Vermittelt man zu eifrig, grenzen sich die Kinder möglicherweise sehr heftig ab – aber das ist nicht so schlecht, wie es auf Anhieb klingen mag.
Eltern sind nicht die Einzigen, die den Nachwuchs prägen, aber das nur am Rande. Ab einem gewissen Alter haben Freunde sowieso mehr zu sagen, und manches ist auch der Zeit geschuldet, in der wir leben. Polarisierende Ratschläge tun vor allem eins: sie verunsichern, selbst wenn das nicht die Intention ist. Kinder sind gewöhnlich sehr nachsichtig mit ihren Eltern – das mag ein schwacher Trost sein. Ihr Weg mag nicht der sein, den wir ihnen wünschen, aber es ist hoffentlich einer, auf den sie eines Tages versöhnlich zurückblicken können. Und hin und wieder müssen wir akzeptieren, dass sie uns ähnlicher werden, als es uns lieb ist.
21 Februar 2011
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