15 Mai 2011

Gelesen: Margot Käßmann „Sehnsucht nach Leben“

Von Montag Abend an, als ich das Buch geliefert bekam, bis Freitag Abend habe ich ihm widerstehen können. Dann wollte ich nur mal kurz hineinsehen – und blieb darüber sitzen, bis ich es ausgelesen hatte. Es sollte meine Urlaubslektüre werden, aber was will man machen?

Die Art und Weise, wie ich das Buch verschlungen habe, hatte sehr viel mit einer Heißhunger-Attacke gemeinsam. Für Heißhunger ist meist irgendeine Mangelerscheinung verantwortlich, einem geistigen Heißhunger können sowohl Mangel an wirklich guter Nahrung als auch Überdruss oder heftige Abneigung gegen das Angebotene vorangehen.

Vor vierzehn Tagen war ich in einem Gottesdienst. Ich ging hin, weil meine Tante dort im Chor gesungen hat und dieser Auftritt Anlass zu einem kurzen Treffen war. Es gab durchaus schöne Momente: der erfreuliche Anlass an sich, die unterschiedlichen Reaktionen der Kinder auf die feierlichen Rituale und natürlich die Musik. Die Predigt und alle vom Pfarrer gesprochenen Worte fand ich hingegen entsetzlich. Immer wieder wurde ein geradezu blinder Gehorsam eingefordert, Jesus Christus gegenüber und – natürlich – der Kirche. Das letzte Mal habe ich ein derartiges Gelübde ablegen müssen, als ich – äußerst widerstrebend – in die FDJ eingetreten war, weil es doch wegen der Lehrstelle und überhaupt unvermeidlich sei. Aber diese kirchlichen Sprüche und Litaneien waren wegen der antiquierten Formulierungen und des patriarchalischen Geistes, der all das durchzog, noch einen Grad verschärfter. Hat sich da über zweitausend Jahre hinweg nichts verändert, fragte ich mich mit einiger Bestürzung und war zutiefst erleichtert darüber, dass ich längst aus der Kirche ausgetreten bin. Am Ende des Gottesdienstes durften alle Anwesenden, die es wünschten, vorgehen und sich segnen lassen – ausdrücklich auch Nichtchristen. Letzteres gefiel mir, aber meine Abscheu war so groß, dass ich unmöglich dorthin gehen und mich vom Pfarrer berühren lassen konnte. Das Gefühl hielt an, als später eine weitere Kirche besichtigt wurde – ich wollte sie nicht betreten und habe mich vorzeitig verabschiedet.

Viele Äußerungen Margot Käßmanns sind mir positiv in Erinnerung. Ihre Artikel im Chrismon habe ich gern gelesen. Man gewinnt auf angenehme Weise Denkanstöße und Einsichten, auch wenn man nicht in der Kirche ist. Und deshalb war ich schon eine ganze Weile neugierig auf Bücher von ihr. Aber irgendwie kam immer etwas dazwischen.

Ihr Rücktritt von ihren kirchlichen Ämtern und ihr Rückzug aus der Öffentlichkeit brachten ihr – bei allem Bedauern – auch viel Sympathie ein. Die Gesellschaft braucht so konsequente, eigenverantwortliche Menschen. Mit ihrem neuen Buch kehrt sie zurück – es ist an der Zeit, möchte man sagen. Ich habe mir das Buch nicht nur gekauft, weil mich der Inhalt interessierte, sondern weil ich sie unterstützen möchte – in dem geringen Maße, wie mir das möglich ist. Interessant und intensiv ist es, mitzuerleben, wie sie sich mit Lebensfragen auseinandersetzt. Nach dem Lesen fühle ich mich nicht nur beschenkt, sondern auch stärker bei mir selbst angekommen. Nur ein Autor, eine Person, die dem Leser viel Raum lässt, kann so etwas bewirken. Was für eine sympathische, mutige, positive Frau, wie viel Kraft und Verständnis strahlt sie aus! Gerade ihr Mut zur Schwäche, ihr Eingeständnis von Fehlern, ihr Bemühen, Menschen so anzunehmen, wie sie sind, machen sie so stark. Ihre Mahnung, dass man Regeln und Normen nicht blind folgen dürfe, dass Moral eine ambivalente Sache ist und nicht immer der Maßstab sein kann, macht sie zu einem sehr moralischen Menschen. Ein so liebevoll und menschlich praktizierter Glaube kann auch Nichtchristen Mut und Freude schenken und über manch bornierte Aussage von Seiten der Kirche hinwegtrösten. Sehr gefreut habe ich mich – nebenbei – auch über die Bilder von Eberhard Münch in Margot Käßmanns Buch. Seine Arbeiten waren mir vor ein paar Jahren schon während einer Ausstellung in Mainz aufgefallen.

Ich gehe manchmal in Kirchen, um dem Lärm draußen zu entkommen, weil ich gern unter andächtigen Menschen bin und sehr gern Kirchenmusik höre. Nach dieser Lektüre kann ich all das wieder tun – und ich möchte noch mehr lesen.