06 Juni 2011

Durch die Blume

Als ich von dem Buch „Besondere Frauen und ihre Gärten“ las, wollte ich es bestellen, um meiner Mutter endlich einmal ein Geschenk zu machen, das zu ihr passt. Aber dann zögerte ich. Wenn ein Laie einem Experten ein Buch über sein Fachgebiet schenkt, kann das nur schief gehen. Meine Mutter ist nicht nur Gärtnerin, vielmehr eine Künstlerin in Sachen Gartengestaltung. Und der Garten, in dem ich aufgewachsen bin – unser oder besser ihr Garten – hätte es verdient, in das Buch aufgenommen zu werden. Meine Mutter ebenfalls, die eine besondere Frau ist, wenn auch ohne berühmten Namen.

Vor ein paar Tagen saßen mein Mann und ich in einem hübschen Restaurant, und er begann sich zu wundern, warum ich die Vase auf dem Tisch ganz verzückt ansah: eine schlichte, schmale Glasvase mit einem winzigen Sträußchen. Auffallend darin eine kleine, orangerote Blume, die man auf ersten Blick übersehen mag. Es ist eine Staude, ich kenne ihren Namen nicht. Wir hatten mehrere davon auf den Beeten und Rabatten. Es war nicht gerade meine Lieblingsblume, denn deren Namen kannte ich. In der Vase verliert sie ihre Blütenblätter schnell. Als ich das feststellte, hörte ich auf, sie für Sträuße zu verwenden. Meine Mutter sagte oft, Blumen seien auf dem Beet am schönsten, aber manchmal braucht man einen Strauß zum Verschenken, und ich habe hin und wieder gern einen gepflückt, auch wenn ich ihn dann nicht verschenkte. Jene Blume wirkt in der Komposition sehr harmonisch: neben anderen Stauden, zu denen sie farblich passt, aber auch neben Gräsern und Gehölzen – eine Begleiterin, keine Solistin. So empfand ich als Kind, aber dort in dem kleinen Sträußchen kam sie wunderbar zur Geltung; mir fiel auf, wie schön sie ist, und dass ich sie vermisst habe.

Einem gelungenen Garten sieht man den Einfluss des Gärtners erst auf zweiten Blick an; auf ersten Blick wirkt er natürlich. Ein guter Gärtner bringt die Natur zur Vollendung; er vergewaltigt sie nicht. Vor unserem Garten blieben oft die Leute stehen, aber auch viele Nachbargärten waren gekonnt und liebevoll angelegt. Das Anlegen und Gestalten ist der eine, das Erhalten und Pflegen der andere – und weitaus zeitaufwändigere – Bestandteil der Gartenarbeit. Meine Mutter war dauernd im Garten beschäftigt, und kürzlich sagte sie mir, dass ich ihr das früher einmal vorgehalten habe. Unkraut muss ständig gejätet werden. Heute bewundere ich sie für ihre Ausdauer bei solchen Routinetätigkeiten. Diese haben mir das Gärtnern verleidet, aber jene Generation ist strenger erzogen worden. Müßiggang war moralisch verwerflich; richtig dagegen war es, von früh bis spät zu schuften. Ebenso verpönt war es, sich die Arbeit zu erleichtern: nur Faule wollen sich das Leben vereinfachen. Ich hatte wahre Teppiche von robusten Polsterstauden im Vorgarten, die dem Unkraut wenig Chance ließen, aber meiner Mutter waren sie nicht hübsch genug. Außerdem, so meinte sie, müsse Unkraut nun mal gejätet werden, das gehöre dazu. Ich habe ihr den Vorgarten überlassen und somit sind wir beide zufrieden: sie macht die Beete schön und tut etwas für ihre moralische Integrität, und ich habe weniger Arbeit.

Ein paar Jahre lang hatte ich einen Gemüsegarten. Es war faszinierend, ihn anzulegen, und wir hatten zeitweise gute Erträge. Auch ein paar Blumen wuchsen darin – nicht zufällig solche, die ich als Kind schon mochte. Nicht nur das ständige Unkrautjäten, auch die kurzzeitigen Überschüsse von Obst und Gemüse, die dann verbraucht werden mussten, missfielen mir. Broccoli ist gesund und schmeckt sehr gut, aber wenn es ihn siebenmal die Woche gibt, hat man ihn bald über. Ich koche lieber abwechslungsreich und meistens steht mir gerade nach den Dingen der Sinn, die nicht Saison haben. Beschränkt man die Pflanzerei, geht das meistens schief: die Schnecken fressen dann genau das kahl, was ohnehin selten ist.

Aber noch etwas kann einem das Gärtnern verleiden: einen Fachmann – oder eine Fachfrau – zum Gartennachbar zu haben. Auch Erwachsene lieben den Reiz des Neuen, das Experimentieren und den einen oder anderen gewagten Versuch einer Kultivierung und schätzen es, ihre Erfahrungen selbst zu machen. Die Fachfrau weiß es gewiss besser, aber probieren geht nun mal über studieren. Der eine oder andere Ratschlag ist nicht unwillkommen, aber man mag nicht dreimal täglich hören, was man alles falsch gemacht hat und wie man es richtig zu machen hat.

Der Gemüsegarten hat längst den Besitzer gewechselt. Mir genügen ein kleines Beet, ein paar Blumentöpfe um die Sitzecke herum, und auch das verwildert gelegentlich aus Zeitmangel. Den Garten meiner Kindheit gibt es auch nicht mehr, aber der Kleingarten meiner Mutter ist der Schönste weit und breit.