Vor etwas mehr als einem Jahr begann eine bekannte Zeitschrift, Mode und Kosmetik nicht mehr von professionellen Models, sondern „von ganz normalen Frauen, die mitten im Leben stehen“ präsentieren zu lassen. Wie viele andere Leserinnen war ich davon aus verschiedenen Gründen sehr angetan. Nicht nur, dass man aus lauter Mitgefühl mit jenen wandelnden Skeletten ständig das Bedürfnis hatte, ihnen eine dick belegte Pizza rüberzuschieben, um sie vorm nahen Hungertod zu bewahren – solche klapperdürren Gestalten sind generell kein schöner Anblick und erst recht keine Vorbilder. Auf öffentliche Frauen wird eine gewisse Vorbildrolle projiziert, wenn auch, so hoffe ich zumindest, eine reduzierte. Das hängt aber von der Person ab, die projiziert.
Ich schaue mir schon eine Weile die ganz normalen Frauen auf den Fotostrecken an und hege mehr und mehr Misstrauen dieser Kampagne gegenüber. Da sieht man alleinerziehende Mütter von zwei Kindern, die in Übersee irgendwas Exotisches studiert haben, selbstverständlich eine Führungsposition inne haben, nebenbei aus Lust und Laune ein kleines Unternehmen aufbauen, das irgendwie höchst kreativ und höchst ökologisch ist oder die zumindest noch ein Zweitstudium aufgenommen haben. Selbstverständlich wurde kurz nach der Geburt der Kinder wieder Vollzeit gearbeitet – vermutlich war Frau noch im Kreißsaal mit Multitasking beschäftigt. Wenn bei all diesen Beschäftigungen noch etwas Zeit übrig bleibt – selbstverständlich arbeiten diese Frauen so gerne, dass sie ihr Leben auf der Überholspur beglückend und keineswegs anstrengend finden – engagieren sie sich in irgendeinem gemeinnützigen Projekt. Dabei sind sie nach den neuesten Trends gekleidet und frisiert und sehen tiptop aus. Perfektes Gesicht, perfekte Haare, perfekte Figur – eigentlich wie Models, zwar nicht haupt- aber zumindest nebenberuflich.
Beim Lesen dieser Kurzbiografien fühle ich mich gestresst und denke aufatmend: glücklicherweise werde ich älter und muss bei solchem Irrsinn nicht mehr mithalten. Ich bin, das betone ich, sehr für Berufstätigkeit von Müttern, für Selbstverwirklichung und Vielseitigkeit. Aber was da mitunter als Normalität präsentiert wird, würde ich nicht haben wollen. Ab und an allerdings sagt eine dieser Superfrauen etwas, das mich aufhorchen lässt: „Ohne die Unterstützung meiner Mutter wäre all das nicht möglich.“ Ist diese Überfliegerinnennummer am Ende eine Mogelpackung? Können jene vermeintlichen Superfrauen vielleicht nur deshalb alles haben, weil ihre Mütter zurückstecken?
Wie auch immer: völlig entziehen kann man sich dem ganzen Theater nicht. Das wurde mir heute klar, als ich in der Küche Anflüge von Panik bekam, weil ich mir vorgenommen hatte, indisch zu kochen und nebenbei ein neues Tortenrezept auszuprobieren – an einem Sonntag, der eigentlich ein Ruhetag hätte werden sollen. Heute Morgen schon war ich mit einem Gefühl von Überforderung aufgewacht, weil ich an all das denken musste, was ich vor unserem Urlaub noch zu erledigen habe. Und diesen Traumurlaub, auf den ich mich seit Monaten freue, für den ich seit Monaten trainiere, würde ich am liebsten abblasen, um zuhause meine Ruhe zu haben, nichts mehr planen und organisieren zu müssen. Natürlich werden wir in den Urlaub fahren, und er wird sicher sehr schön werden, aber das Gefühl der Überforderung werde ich erst ablegen können, wenn ich am Reiseziel angekommen bin. Wieder einmal musste ich bemerken, in welch idiotische Falle ich getappt war - leider zu spät. Noch schlimmer: ich habe mir die Falle selbst ausgesucht.
Brauchen Frauen, brauchen Menschen von heute wirklich solche vermeintlichen Vorbilder, die ihnen immer wieder suggerieren, wie perfekt man sein sollte? Ich bezweifle das. Viel besser wäre jemand, der hin und wieder an einem rüttelt und deutlich macht, dass weniger fast immer mehr ist.
07 August 2011
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4 Kommentare:
Vielleicht haben wir den falschen Blickwinkel. Wenn ich z.B. in amerikanischen Filmen diese aufwendig eingerichteten Häuser sehe, frage ich jedes Mal, wer die eigentlich putzt. Meine Töchter verdrehen schon die Augen bei dieser Frage.
Ich lese die von Dir genannte Zeitschrift nicht (tat ich auch früher nicht), aber vielleicht sollten wir uns einfach von der Annahme verabschieden, dass das Bild, das dort vermittelt wurde, wird oder werden wird, jemals irgendwas mit der Wirklichkeit zu tun hat.
Grüße von Anna!
Ich werde wohl meine Lesegewohnheiten ändern müssen, weil ich mir tatsächlich viel zu viel von solchem Zeug reinziehe. (Das aktuelle Heft habe ich heute nicht mitgenommen! :)) Zur Zerstreuung taugt es nicht mehr.
Ich frage mich aber schon, was für Identifikationsmöglichkeiten da vermittelt werden und wozu. Bin nicht wirklich in der Lage, sowas zu durchschauen... Mein Verdacht ist: gegen die Profi-Models konnten Leserinnen sich ganz gut abgrenzen. Heute werden Pseudo-Vorbilder präsentiert, die auf ziemlich perfide Weise antreiben und animieren. Leserinnen sollen sich all das in den Fotostrecken kaufen wollen, und deswegen gibt man ihnen diese Identifikationsfiguren, die einen Tick zu perfekt sind, um real zu sein. Aber wer ist denn wachsam genug, um all sowas zu durchschauen?
Grüße von Annette
Sollten wir uns unsere Vorbilder nicht lieber im realen Leben suchen? Ich weiß, ich weiß - der Macht der Medien kann sich niemand entziehen (ich wäre die letzte, die von sich behaupten könne, sich gar nicht darum zu kümmern), aber wenigstens sollte frau sich immer wieder vorsagen: Was wir da sehen, sind überhaupt keine Menschen, sondern Produkte der Phantasie.
Liebe Anna,
Danke für deine Gedanken zum Thema!
Ich merke, dass es mich immer mehr interessiert, und ich habe mir schon etwas zum Lesen darüber bestellt.
Ich werde nun nicht komplett auf solche Zeitschriften verzichten, aber ein wenig reduzieren möchte ich den Konsum schon.
Kann mir vorstellen, dass z.B. humorvolle Reisebeschreibungen sehr gut zum Entspannen sind.
Und mit den realen Vorbildern hast du natürlich Recht.
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