18 Dezember 2011

Etwas Gutes

Was hat Weihnachten mit guter Literatur zu tun, könnte man fragen, betrachtet man die Auslagen in den gängigen Buchhandlungen. Ich verließ die Buchhandlung im nahen Einkaufszentrum, ohne etwas erworben zu haben. Was ich mir vorstellte, bekam ich gebraucht übers Internet: neben einigen Sachbüchern die Meistererzählungen von Tolstoi, die ich unbedingt mal wieder lesen wollte.

Ich habe mich entschlossen, dem starken Bedürfnis nach Gutem, das mich in letzter Zeit immer wieder befällt, nachzugeben. Und um ganz sicher zu gehen, nicht enttäuscht zu werden, wählte ich Tolstoi. In den vergangenen Monaten habe ich so viel Belangloses gelesen, dass ich nichts dergleichen mehr anrühren mag. Tolstoi zu lesen, ist nicht ganz einfach. Seine Erzählungen erschüttern und wirken tagelang, meist auch noch länger nach. Die erste Erzählung, an die ich mich machte, war „Der Tod des Iwan Iljitsch“. „Der Leinwandmesser“ wäre meine erste Wahl gewesen, aber gerade deswegen möchte ich mir diese Geschichte noch etwas aufheben. Ich las also eine Geschichte über den Tod und träumte anschließend davon. Es war ein berührender, aber kein sehr schlimmer Traum: wirklich schlimm nenne ich Träume von Büroroutine, in denen man wie in einer Endlosschleife gefangen ist. (Wenn die Arbeit von den Träumen Besitz ergreift, sollte man Urlaub planen.)

Weihnachten stimmt melancholisch. Ich kann mir Schlimmeres als Melancholie vorstellen: zwanghafte Ausgelassenheit, Partystimmung, die keine Besinnung zulassen will, verordnete Fröhlichkeit und die Jagd nach Geschenken. Lässt man tiefere Gedanken zu, kommt unweigerlich zur Freude auch Trauer, zur Dankbarkeit über das Fest auch das Bewusstwerden der Endlichkeit.

Mein vielleicht schönstes Weihnachtsfest war jenes, an dem meine Großeltern zu Besuch kamen. Ich hatte sie auf Grund der deutsch-deutschen Grenze relativ spät kennengelernt. Sie besuchten uns meist einmal im Jahr, gewöhnlich im Herbst. Als sie Weihnachten kamen, was das etwas Besonderes. Ich war nicht mehr klein und wusste, dass Großeltern mitunter krank werden, ab und an nicht verreisen können und ihre Enkel nicht ewig im Leben begleiten werden. Bei meinen Großeltern mütterlicherseits kam hinzu, dass sie normalerweise in die Weihnachtsrituale ihrer anderen, jenseits der Grenze wohnenden Kinder und Enkel eingebunden waren. Nur wir lebten im Osten.

Am Weihnachtsabend gingen wir gemeinsam in die Kirche. In meiner Familie geschah das aus Tradition, nicht aus Glaubensgründen. Meine Großeltern aber waren sehr gläubig, und deswegen war auch dieser Kirchgang anders als in anderen Jahren: ich fühlte mich ihnen dadurch enger verbunden. Zu meinen schönsten Weihnachtserinnerungen zählen die Gottesdienste am Heiligen Abend in der Bühlauer Sankt-Michaels-Kirche. Die Weihnachtsgeschichte, die Predigt, das gemeinsame Singen – und dann die Dämmerung, die das nahe Fest und die Bescherung ankündigte: all das verlieh Weihnachten jene Feierlichkeit und Tiefe, die ich nicht missen möchte. Als meine Großeltern zu Besuch kamen, brachten sie – das freute mich besonders – auch gute Bücher mit.

Jene Besuche liefen nicht völlig harmonisch ab. Mein Vater sprach es meist zuerst an. Politische Streitgespräche, sagte er mir, würde er am liebsten vermeiden, aber meist war das nicht möglich. Mein Großvater schrieb mir vor den Besuchen, dass sie sich auf uns freuten, aber dass es vermutlich auch Spannungen geben würde. Er hatte ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden und musste ansprechen, was ihn störte. Mein Großvater war bürgerlich-konservativ eingestellt, für meinen Vater dagegen war und ist der Sozialismus der bessere Weg. Mein Großvater war aber auch Humanist, und als solcher konnte er großzügig und verständnisvoll sein. Der Humanismus war ein Berührungspunkt zwischen meinem Vater und meinem Großvater. Jene Spannungen zu erleben, welche die Familie bis ins Kleinste, ins Intimste betrafen, empfand ich als wichtig und prägend: mein Vater und mein Großvater traten als Kontrahenten auf, die beide auf ihre Weise Recht hatten und bei aller Beharrlichkeit und allen Schwierigkeiten um Konsens bemüht waren. Meine Mutter und meine Großmutter mischten sich durchaus ein, traten aber weniger pointiert und weniger aggressiv auf. Das war gewiss die klügere Art, miteinander umzugehen, aber rückblickend bedauere ich es, die beiden weniger intensiv wahrgenommen zu haben.

2 Kommentare:

Anna hat gesagt…

Ich sehe Tolstoi recht zwiespältig. Irgendwann habe ich die Kreutzersonate mal in meinem Blog besprochen ... ein Werk, das mich nachhaltig verwirrt hat.
Aber "Der Tod des Iwan Iljitsch" ist ein Meisterwerk. Ich habe mich bei jedem Lesen - und ich habe es mindestens dreimal gelesen, das erste Mal als Schülerin - gefragt, wie ein lebender Mensch so viel über den Tod wissen kann ...
Viel Freude noch beim Lesen!
Grüße von Anna

Annette hat gesagt…

Die Kreutzersonate ist wirklich schwer zu ertragen. :))

Ich kann es mir nicht anders erklären: Tolstoi weiß so viel über den Tod, weil er so viel über das Leben weiß.

Danke - ich bin froh, über die Feiertage etwas Gutes zum Lesen zu haben.