Ich war Maschinensetzerin
Die Setzmaschinen hatten es mir angetan. Als ich die großen, ganz seltsame Bewegungen ausführenden Kästen das erste Mal sah, verspürte ich ein fast trotziges Verlangen, sie zu steuern. Vielleicht ist es der gleiche Trotz, der Frauen dazu bewegt, Traktoren, Busse oder Flugzeuge zu lenken, sich mit so einem Ungetüm voller zunächst unverständlicher Technik vertraut zu machen. Aber nicht wie ein Ungetüm, eher wie eine eigenwillige Dame stand die Linotype im Maschinensaal. Die Bewegung, mit der sie die Matrizen von der Gießeinrichtung hinauf zum Ableger führte, war nicht ohne Eleganz. Die Maschine hatte Kanten, und sie hatten Kurven.
Die Matrizen, Buchstabenvorlagen, die, in einer Linie aneinandergereiht, die Zeile bildeten, sahen filigran und golden aus. Die Satzzeichen, die dünnsten unter ihnen, waren oft rar in den Magazinen: sie verbogen leicht in der Zeile, denn beim Ausschießen wurde Druck ausgeübt. Keile, die der Setzer zusammen mit den Matrizen mittels Tastatur zur Zeile zusammenfügte, füllten die Wortzwischenräume aus.
Tasten und Schalter setzten Hebel und Vorrichtungen in Bewegung, mit denen der Setzer mit seiner Maschine verbunden war. Es gab ein Zehnfingersystem, aber keine Blindschreibmethode für die große Tastatur, bei der jedem Buchstabe und jedem Zeichen eine Taste zugeordnet war. Die Setzmaschinentastatur hatte einen leichten Anschlag; sanft und gleitend strich man über die Tasten hinweg. Ich habe für die Bedienung der Tastatur schlechte Noten bekommen, weil ich zu sehr hämmerte.
Eine Maschine bewegte sich langsam und gleichmäßig, die andere schnell und ruckartig, eine war laut, die andere leise. Sie waren einander ähnlich, aber nicht gleich. Das Klimpern und Schlittern der Matrizen, wenn aus dem Magazin fielen, das Klappern, wenn sie im Sammler aneinander rieben, der Knall, wenn die Zeile zur Gießvorrichtung schnellte, das Zischen, wenn das Blei aus dem Kessel zur Zeile quoll, all das mischte sich im Maschinensaal zu einer klangreichen Komposition. Während der Schicht empfand man es als eine Art Hintergrundmusik. Verließ man den Maschinensaal, war es seltsam still.
Als ich meine Lehre begann, waren die meisten Auszubildenden für den Fotosatz vorgesehen, und die wenigen Maschinensatzlehrlinge begannen ihre Ausbildung mit dem Wissen, dass sie zu den letzten gehören würden, die diese Spezialisierung erlernten. Mein anfänglicher Ärger darüber, dass man mir diese Tatsache bei der Berufsberatung verschwiegen hatte, wich bald der Neugier. Das Großraumbüro mit den Bildschirmarbeitsplätzen wirkte auf mich lebensfern und steril, es klimperte, krachte und toste nicht wie im Setzmaschinensaal, es roch nicht nach Öl, Schmiere und erhitztem Blei, und kaum bewegte sich etwas oder jemand.
In der Frühschicht und den ersten Nachmittagsstunden ging es in der Zeitungssetzerei vorwiegend ruhig zu; dann wurden Druckerzeugnisse gesetzt, die nicht so dringend benötigt wurden wie Magazinseiten oder Betriebszeitungen. Gegen Abend hin wurde es zunehmend hektisch. Die Manuskripte wurden zu regelmäßigen Zeiten aus der Redaktion gebracht und dann vom Schichtleiter unter den Setzern verteilt. Kam die aktuelle Politik, musste oft die Arbeit an einem anderen Text unterbrochen werden.
Wir Lehrlinge wurden bald auch in der aktuellen Produktion eingesetzt. Im ersten Lehrjahr hatten wir einen gesonderten Raum mit eigenen Maschinen. Diese unterschieden sich von den Maschinen im großen Saal nur dadurch, dass sie weniger abgenutzt und insgesamt in besserem Zustand waren. Wenn eine oder mehrere Maschinen während der Hochdruckzeit am Abend ausfielen, war das problematisch für den Ablauf. Wir hatten Stammmaschinen, lernten bald ihre Vorzüge, Nachteile und Empfindlichkeiten kennen und stellten uns mit unserer Arbeit darauf ein. Störungen kündigten sich meist schon durch Geräusche an, und man konnte ernstere Probleme verhindern, wenn man rechtzeitig stoppte oder kleinere Probleme selbst behob.
Abends kam der Schichtleiter mit aktuellen Manuskripten zu uns und ließ uns davon nehmen, so viel wir schaffen konnten. Weil wir bessere Arbeitsbedingungen hatten, konnten wir auch zuverlässiger setzen. Das machte uns ein bisschen stolz. Ich erinnere mich noch daran, wie fasziniert ich beim Anblick des ersten von mir gesetzten Artikels auf der Seite 1 unserer Tageszeitung war. Aber schnell gewöhnten wir uns daran und fanden das nicht mehr bemerkenswert.
In der Setzerei war eine praktische Arbeitskleidung Vorschrift, aber sie musste nicht einheitlich sein. Männer trugen meist einen blauen Kittel oder Arbeitshose und Baumwollhemd, Frauen eine Kittelschürze. Während die älteren Kolleginnen ihre Kittel über den Betrieb bestellten, kleideten sich die jüngeren Frauen nach eigenen Vorlieben ein, und wir Lehrlingsmädchen orientierten uns an ihnen. Schürze ist nicht gleich Schürze: es gab lange und kurze, lässige und eng anliegende, geknöpfte oder gebundene Schürzen, sie konnten einfarbig, bunt gemustert und mit Rüschen verziert sein. Meine Lieblingsschürze trug ich die ganze Lehrzeit hindurch. Sie war ein wenig wie ein Sommerkleid geschnitten, den Körper betonend, blau-weiß kariert, mit einem locker fallenden, aber nicht zu weit schwingenden Rock und einer abschließenden Falbel daran, welche die Knie bedeckte. Die Schürze passte mir wie maßgeschneidert, sah gut zu Jeans aus und saß auch dann perfekt, wenn ich wegen einer Störung auf die Maschine steigen musste.
Zu Beginn unserer Lehrzeit zogen wir die Blicke der Facharbeiter auf uns. Einer der Männer, er sah ein wenig wie ein Waldarbeiter aus, hatte einen besonders hellen, eindringlichen Blick, den er nie zu verbergen suchte. Kamen wir zu Beginn der Schicht in den Maschinensaal, musterte er uns so ungeniert, dass wir verlegen wurden. Er bediente zwei Setzautomaten, und als die Zeit kam, dass wir in der Automatentechnik eingewiesen wurden, musste ausgerechnet ich bei ihm lernen. Er war jedoch nett und nicht aufdringlich.
Im zweiten Lehrjahr vermisste ich den Lehrlingsraum und meine Maschine. Die Facharbeiter hatten, je nach Schicht, ein bis zwei Stammmaschinen, während wir Lehrlinge dort eingesetzt wurden, wo Platz war. Immer häufiger wurden die Maschinen per Lochband gesteuert. Ich hasste diese Technik, welche die Maschinen sichtbar ruinierte. Die Arbeit an einem Setzautomaten bestand im Wesentlichen aus dem Einlegen des Lochbands, dem Zuführen von Blei und dem Warten auf die nächste Störung, die mit Sicherheit eintrat und meist heftiger ausfiel als beim manuellen Betrieb. Oft war der ganze Gießmechnismus von Blei überflutet, das mühsam herausgemeißelt werden musste.
Vor allem aber vermisste ich den Kontakt zur Maschine und die Möglichkeit, auf ihre Besonderheiten einzugehen. Es machte mich traurig und ärgerlich, von der Arbeit abgeschnitten zu sein, die ich gerade erst erlernte. Automatenüberwacherin war nicht mein Berufswunsch gewesen.
Als die Lehrzeit zu Ende war, wusste ich, dass ich nicht als Setzerin arbeiten wollte. Ich bewarb mich beim Verlag, wo Arbeitskräfte aus der Technik gefragt waren. Dort konnte ich noch viele Jahre lang Anzeigenseiten spiegeln. Diese Arbeit gab mir die Gewissheit, mit eigenen Händen und eigenem Kopf etwas schaffen zu können.

