24 April 2012

Die neue Dimension des Wahnsinns

Dieses Mal überraschte es mich beim Training im Fitnessstudio. Man kann sich dabei Musik aus der Endlosschleife anhören, und manchmal ist wirklich Gutes dabei (You’ve got the love von Florence + The Machine hörte ich dort zum ersten Mal). Manches ist aber auch – ich zitiere aus dem Songtext – unbeschreiblich. „Unfassbar“ wäre noch passender. Musikalisch hörte es sich ein wenig wie „Echt“ von Glasperlenspiel an. Während ich nun dem Text folgte, geschah es, dass ich vor lauter Schreck etliche Chrunches mehr ausführte, als in meinem Trainingsplan standen. Gegen diese geballte Ladung Größenwahn wirkt der Text von „Echt“ zurückhaltend, geradezu wohlklingend.
„Und wir sind unbeschreibbar, unerreichbar, wir sind unbeschreiblich, unvergleichlich! Und wir wollen immer alles davon am besten, am meisten und wir kriegen meistens alles weil wir auf Konsequenzen pfeifen! Wir wollen singen und tanzen, und das die ganze Nacht, wir wollen dass der DJ uns das heute möglich macht! Oh oh ooh! [2x] Wir sind alles. Oh oh ooh! Geben alles. Oh oh ooh! Lieben alles. (Babeeeey) Wir sind groß, wir sind größer, wir sind außergewöhnlich!“
Hier der Song und der vollständige Text. Ich kann mich nicht entscheiden, ob nun der Refrain oder der Rest des Textes schlechter, holpriger, sinnentleerter ist. Und manches, was da zu lesen ist, möchte ich mir gar nicht genau vorstellen! Etwas muss ich noch herausgreifen:
„Wir sind nicht zu bändigen wie Horden von Löwen stehn dabei über den Dingen wie bei der Schifffahrt die Möwen“
Gibt es eigentlich auch eine Wahl zum Un-Reim des Jahres?
„Wir sind groß, wir sind größer, wir sind außergewöhnlich!“
Worin eigentlich? Im Komasaufen? Den Schulabschluss vergeigen? In der Psychiatrie könnten derartige Äußerungen immerhin für ziemlich eindeutige Diagnosen sorgen. Keiner, der dieser „Generation Superlativ“ angehört, muss sich mehr für Napoleon oder Darth Vader halten: das eigene aufgeblähte Ego übertrifft solche Freaks bei weitem. Aber wie es so ist, begann ich mich zu fragen, ob mit mir oder dem Studio etwas nicht stimmt. Das Training ist zwar mühsam, aber nicht ungesund. Das Studio ist klein, aber okay. Mein Problem ist die neue Musikanlage: ich habe noch nicht herausbekommen, wo man von einer Endlosschleife in die nächste schaltet. Ich zähle eben nicht zur Generation Superlativ.

06 April 2012

Schräge Vögel


mag ich doch immer, und diese können auch nach Ostern noch an ihrem Platz bleiben. Sämtliche Deko-Vögel, die ich mir ansah, missfielen mir aus irgendeinem Grund. Die meisten waren ohnehin als Weihnachtsbaumschmuck gedacht.
Ich erinnerte mich daran, dass wir als Kinder einmal Modelliermasse aus Sägespänen und Tapetenleim gefertigt hatten, und beim Suchen im Netz wurde ich hier fündig.
Ich ging davon aus, dass mindestens eine Figur misslingen, d.h. auseinanderbrechen würde, aber auch der kleine Ersatzvogel mit den pinkfarbenen Flügeln wollte offenbar hoch hinaus und zerfiel mir nicht. Ein bisschen schief sind sie geworden, aber deswegen sind sie mir gerade ganz lieb.

04 März 2012

Flirt mit dem Scheibenwischer

Normalerweise entgehen mir Artikel wie jener, den ich gestern gelesen habe. Es brauchte die Aufmerksamkeit eines kritischen, nicht Auto-begeisterten männlichen Lesers (so etwas gibt es), um mich in den Genuss eines solchen Prosastückchens zu bringen.

Der Journalist, der diesen Fahrzeug-Testbericht - oder wie man das nennt – für die Wochenendausgabe unserer Tageszeitung schrieb, hat einige Register seines Könnens gezogen. Da war vom knackigen Hinterteil einer Limousine zu lesen, von anderem, mit menschlichen Körperteilen benanntem Zubehör, da wurden Sitzbänke in Landschaften verwandelt und Instrumente mit Charaktereigenschaften versehen, mit dem Ergebnis, dass sich Leser oder Leserin ein inneres Bild vom Fahrer dieses Autos zu schaffen versucht. Der Verfasser hat, meine ich, seine scheinbar lässig dahingeworfenen, nicht immer glücklich wirkenden, etwas verwegen daherkommenden Metaphern sehr bewusst eingesetzt. Der potenzielle Käufer, der sich mit jenem inneren Bild identifiziert, hängt irgendwann „am Haken“. Ich bin versucht, den Faden weiterzuspinnen. Ist es ein Gefühl der Verwegenheit, das den Durchschnittsangestellten überkommt, wenn er morgens im Auto – jenem beworbenen Auto – ins Büro fährt? Ist das irgendwie prickelnd, wenn er im Stau ein Stückchen zu dicht an den Vordermann heranfährt, wenn er an der Fußgängerinsel vorbeibraust und ein paar ältere Frauen erschreckt? „Boah – jetzt hab ich vergessen, den Blinker zu setzen, ich bin schon ziemlich verwegen!“

Ich habe noch nie erlebt, dass jemand beim Beschreiben einer Bratpfanne derart ins Schwärmen gerät oder – um bei der traditionellen Geschlechterzuweisung zu bleiben – sich beim Anblick des neuesten Schwingschleifers aus dem Baumarkt in erotische Phantasien hineinsteigert. Ich kann es – rein verstandesmäßig – nicht nachvollziehen, warum gerade das Auto als Fetisch herhalten muss. Gefühlsmäßig habe ich schon Verständnis, denn es gibt zumindest ein bestimmtes Auto, dessen Anblick mich nicht kalt lässt.

Wäre dieses Auto ein Mann, hätte es eine schlanke Statur. Ein gebürtiger Hamburger, dessen Auftritt nicht unangenehm kühl wirkt wie der anderer Hamburger. Die Ursache dafür wäre seine Mutter italienischer Herkunft. Von jener Mutter hätte er die dunklen Mandelaugen geerbt. Er wäre ein nordischer Typ – bis auf die Augen und jenen Funken Leidenschaft, den er im richtigen Moment einzusetzen versteht. Er möchte nicht cool sein, er ist es. Seine Coolness ist nicht Kälte, sondern Stilsicherheit. Sein Stil ist von Großzügigkeit und einem Hauch Extravaganz bestimmt, welche stets angemessen wirkt. Sogar in Anzügen sieht er nicht langweilig aus. Seine Anzüge heben sich durch die Qualität des Materials, der Verarbeitung und Passform nur ein wenig von denen anderer ab, so dass man ihre Exklusivität zunächst unbewusst wahrnimmt, um davon umso länger beeindruckt zu sein. Solche Erscheinungen tun dem Ästheten in uns gut. Man genießt einen Moment lang ihren Auftritt – und geht seiner Wege. Schön, aber unbrauchbar – das trifft auf den Mann ebenso zu wie auf das Auto. Männer jener Kategorie sind gewöhnlich mit Frauen derselben Kategorie liiert. Kommt die Frau in die Jahre, wird sie mit jungen Assistentinnen oder Projektmanagerinnen betrogen. Der Mann kommt ebenso in die Jahre. Über seine Attraktivität lässt dann sich streiten. Das Auto bewahrt auch als Oldtimer seinen Stil: notfalls wird eben mal überlackiert.

12 Februar 2012

Begriffliches: echt perfekt

Gestern habe ich zufällig einen flotten, klangvollen Ohrwurm gehört. Einen der Sorte, die einen sofort herumwippen oder gar hüpfen lässt, sogar bei eher unangenehmen Tätigkeiten wie dem Zwiebelschneiden in der Küche. Ein richtiges Gute-Laune-Stück, so lange, bis ich dem Text zu folgen versuchte:

Alles was wir sehen, wohin wir gehen,
nur dieser Moment bleibt in der Sanduhr stehen,
wenn er echt ist.


Hä??? Da lässt mich mein ohnehin unterentwickelter Sinn für Poesie im Stich. Unwillkürlich stelle ich mir eine Sanduhr vor, in der ein Moment feststeckt… weil er echt ist. Ich bin wohl unheilbar pragmatisch veranlagt, weil ich diesen Satz unfreiwillig komisch finde.

Ich erwarte nicht viel von diesem Moment,
ich will, dass er perfekt ist, dass er echt ist.


Etwas Perfektes zu erwarten, ist nun wirklich nicht viel… man verzeihe mir die Ironie.

Und ich kann es noch gar nicht so richtig glauben,
doch du stehst hier direkt vor meinen Augen.


Kann man auch indirekt vor den Augen eines anderen stehen? Und gibt’s – im Gegensatz zum echten Moment, auch einen falschen Moment? Was macht „echt“ und was macht „falsch“ aus? Die Bedeutung von „echt“ ist, wie ich nachlesen konnte, breit gefächert. Ich dachte an Originalität, Authentizität, aber es gibt noch weitere Bedeutungsrichtungen, und mich würde interessieren, welche der Verfasser oder die Verfasserin des Songtextes im Sinn hatte. Etwas weniger schwammig-beliebig hätte dieser Text durchaus sein können!
Ich fand den Song und die Interpreten sehr schnell, als ich ein paar dieser Plattitüden bei google eingab. Die Homepage von „Glasperlenspiel“ erstaunte mich:
ich hatte mit einer Teenie-Band gerechnet.

Ich will, dass es zwischen uns nicht nur so ein Effekt ist,
ich will, dass es alles hier echt perfekt ist.


Lässt sich das noch irgendwie steigern? Echt superperfekt – mal so als Idee für den nächsten Songtext…

Aber vielleicht tue ich diesem Duo auch Unrecht. Es kommt mir ein bisschen vor wie Rosenstolz für die Generation 20+. (Anfangs hatte ich auch eine Aversion gegen manche Texte von Rosenstolz.) Musik ist mitunter erfolgreich, weil sie das Lebensgefühl einer ganzen Generation ausdrückt – und vielleicht tut mir die Fangeneration von Glasperlenspiel unbegründet leid. Ich muss nicht mit allem, was im Radio gespielt wird, etwas anfangen können, und ich muss mich nicht in jede Generation einfühlen können – auch wenn ich Kinder habe, die dieser Generation angehören. Ein Vorteil des Alterns ist es, authentischer oder besser: schrulliger sein zu können als in jungen Jahren.

echt

29 Januar 2012

Landschaften: Hiddensee

Es war ein wenig wie Heimkommen, wenn wir mit dem Schiff von Rügen aus Richtung Hiddensee fuhren und die Insel vom Wasser aus immer deutlicher sichtbar wurde. Zuerst sah man das Hochland mit dem Leuchtturm, ansonsten ist die Insel sehr flach. Wir fuhren mehrere Jahre lang im Sommer dorthin. In Grieben, nahe am Hochland, wohnten wir. Den Weg zum Leuchtturm wäre ich am liebsten jeden Tag gegangen. Gleich hinter dem Haus, wo unsere Ferienwohnung war, begann der Weg. War man ein Weilchen gegangen, hatte man einen schönen Ausblick über den Bodden. Mit Fahrrädern fuhren wir zum Baden an den Bessin, den nördlichen Zipfel der Insel. Die Räder wurden zwischen Sanddornsträuchern angeschlossen, dann lief man die letzten Meter zum Strand.

Das Bauen von Strandburgen, was dort üblich war, scheint mir eine typisch deutsche Unsitte zu sein: eine Fortsetzung von Reihenhaus- oder Schrebergartenkultur am Urlaubsort. Diese Strandburgen waren meist sehr geräumig, und weil es recht mühevoll sein musste, selbst eine zu bauen, war man bestrebt, eine verlassene Burg zu belegen. Belegte Strandburgen waren als solche gekennzeichnet: mit selbstgebauten Schildern, die entsprechende Hinweise trugen, oder mit aus Steinen gelegtem Schriftzug an der Außenseite der Burg. Manche Strandburgen sahen sehr repräsentativ aus. Auch aus ihrer Lange hätte man auf Eigenschaften ihrer Erbauer und Bewohner schließen können. Am langen Sandstrand fand man eine Burg neben der anderen in den Dünen. Mich interessierten die wenigen Strandburgen am Steilufer am meisten. Wir nahmen an, dass die Leute, die sich dort aufhielten, ihre Ruhe haben wollten.

Spaziergänge zur Steilküste zählten zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Man konnte stundenlang nach Versteinerungen suchen und über die großen Steinblöcke steigen, die dort zu einem Wall aufgetürmt lagen, um die Küste vor Erosion zu schützen. Bei Wellengang wurde man nassgespritzt, und die Gischt brodelte unter den Steinen. Nur wenige Leute gingen dort baden. An der Steilküste entlang konnte man bis nach Kloster oder noch weiter laufen. Über eine lange Treppe gelangte man hinauf aufs Steilufer. Ein Pfad führte dicht an der Abbruchkante entlang, und man hatte interessante Ausblicke auf das Steilufer und aufs Meer. Man konnte oben wandern, aber auch wieder übers Hügelland zurück nach Grieben gehen. Ich erinnere mich noch genau an den Geruch nach trockenem Gras, Schafwolle und Ginster. Die Schafe waren hin und wieder an Sträuchern hängen geblieben, und ich habe oft die Schafwollreste von den Zweigen gepflückt. Da man die Insel so gut überblicken konnte, erschien sie mir beinahe wie ein Körper. Wir sind auch öfter allein auf die Hügel gegangen, haben uns auf den Boden gelegt und hinunter gerollt; im Sommer war die Erde warm. Es gab viele Wildkaninchen. Sogar deren Hinterlassenschaften rochen irgendwie gut.

Wir wollten immer mal wieder nach Hiddensee reisen, um all die Wege zu gehen, die wir von früher kennen. Nun droht ein großes Stück vom Steilufer herunter zu brechen, und die Gegend ist abgesperrt worden. Nach dem schrecklichen Unfall auf Rügen begrüßt man diese Maßnahme. Die Form der Insel hat sich im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende sehr verändert. Eine Dokumentation im Heimatmuseum hat das veranschaulicht. Was ich immer interessant fand, stimmt mich nun etwas wehmütig. Man denkt, dass Veränderungen an Landschaften so langsam und kaum merklich passieren, dass man in dem eigenen Leben nur wenig davon bemerkt. Mit einer drastischen Veränderung der Insel habe ich einfach nicht gerechnet. Vermutlich werden wir dennoch irgendwann nach Hiddensee fahren und neben Veränderungen auch Vertrautes finden.

18 Dezember 2011

Etwas Gutes

Was hat Weihnachten mit guter Literatur zu tun, könnte man fragen, betrachtet man die Auslagen in den gängigen Buchhandlungen. Ich verließ die Buchhandlung im nahen Einkaufszentrum, ohne etwas erworben zu haben. Was ich mir vorstellte, bekam ich gebraucht übers Internet: neben einigen Sachbüchern die Meistererzählungen von Tolstoi, die ich unbedingt mal wieder lesen wollte.

Ich habe mich entschlossen, dem starken Bedürfnis nach Gutem, das mich in letzter Zeit immer wieder befällt, nachzugeben. Und um ganz sicher zu gehen, nicht enttäuscht zu werden, wählte ich Tolstoi. In den vergangenen Monaten habe ich so viel Belangloses gelesen, dass ich nichts dergleichen mehr anrühren mag. Tolstoi zu lesen, ist nicht ganz einfach. Seine Erzählungen erschüttern und wirken tagelang, meist auch noch länger nach. Die erste Erzählung, an die ich mich machte, war „Der Tod des Iwan Iljitsch“. „Der Leinwandmesser“ wäre meine erste Wahl gewesen, aber gerade deswegen möchte ich mir diese Geschichte noch etwas aufheben. Ich las also eine Geschichte über den Tod und träumte anschließend davon. Es war ein berührender, aber kein sehr schlimmer Traum: wirklich schlimm nenne ich Träume von Alltagsroutine, in denen man wie in einer Endlosschleife gefangen ist.

Weihnachten stimmt melancholisch. Ich kann mir Schlimmeres als Melancholie vorstellen: zwanghafte Ausgelassenheit, Partystimmung, die keine Besinnung zulassen will, verordnete Fröhlichkeit und die Jagd nach Geschenken. Lässt man tiefere Gedanken zu, kommt unweigerlich zur Freude auch Trauer, zur Dankbarkeit über das Fest auch das Bewusstwerden der Endlichkeit.

Mein vielleicht schönstes Weihnachtsfest war jenes, an dem meine Großeltern zu Besuch kamen. Ich hatte sie auf Grund der deutsch-deutschen Grenze relativ spät kennengelernt. Sie besuchten uns meist einmal im Jahr, gewöhnlich im Herbst. Als sie Weihnachten kamen, was das etwas Besonderes. Ich war nicht mehr klein und wusste, dass Großeltern mitunter krank werden, ab und an nicht verreisen können und ihre Enkel nicht ewig im Leben begleiten werden. Bei meinen Großeltern mütterlicherseits kam hinzu, dass sie normalerweise in die Weihnachtsrituale ihrer anderen, jenseits der Grenze wohnenden Kinder und Enkel eingebunden waren. Nur wir lebten im Osten.

Am Weihnachtsabend gingen wir gemeinsam in die Kirche. In meiner Familie geschah das aus Tradition, nicht aus Glaubensgründen. Meine Großeltern aber waren sehr gläubig, und deswegen war auch dieser Kirchgang anders als in anderen Jahren: ich fühlte mich ihnen dadurch enger verbunden. Zu meinen schönsten Weihnachtserinnerungen zählen die Gottesdienste am Heiligen Abend in der Bühlauer Sankt-Michaels-Kirche. Die Weihnachtsgeschichte, die Predigt, das gemeinsame Singen – und dann die Dämmerung, die das nahe Fest und die Bescherung ankündigte: all das verlieh Weihnachten jene Feierlichkeit und Tiefe, die ich nicht missen möchte. Als meine Großeltern zu Besuch kamen, brachten sie – das freute mich besonders – auch gute Bücher mit.

Jene Besuche liefen nicht völlig harmonisch ab. Mein Vater sprach es meist zuerst an. Politische Streitgespräche, sagte er mir, würde er am liebsten vermeiden, aber meist war das nicht möglich. Mein Großvater schrieb mir vor den Besuchen, dass sie sich auf uns freuten, aber dass es vermutlich auch Spannungen geben würde. Er hatte ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden und musste ansprechen, was ihn störte. Mein Großvater war bürgerlich-konservativ eingestellt, für meinen Vater dagegen war und ist der Sozialismus der bessere Weg. Mein Großvater war aber auch Humanist, und als solcher konnte er großzügig und verständnisvoll sein. Der Humanismus war ein Berührungspunkt zwischen meinem Vater und meinem Großvater. Jene Spannungen zu erleben, welche die Familie bis ins Kleinste, ins Intimste betrafen, empfand ich als wichtig und prägend: mein Vater und mein Großvater traten als Kontrahenten auf, die beide auf ihre Weise Recht hatten und bei aller Beharrlichkeit und allen Schwierigkeiten um Konsens bemüht waren. Meine Mutter und meine Großmutter mischten sich durchaus ein, traten aber weniger pointiert und weniger aggressiv auf. Das war gewiss die klügere Art, miteinander umzugehen, aber rückblickend bedauere ich es, die beiden weniger intensiv wahrgenommen zu haben.

16 Dezember 2011

Ankunft und Abschied



Dies ist der Blick aus meinem neuen Zimmer.
Länger als ein Jahr hat die Arbeit an meinem Refugium gedauert. Nachdem am vergangenen Wochenende – passend zur Adventszeit - Licht wurde, kann ich nun einziehen.

Was wollte ich alles aus dem Zimmerchen machen, wie viel wollte ich hineinstellen – weit mehr, als die Fläche hergibt. Es war gut, dass die Arbeiten ihre Zeit brauchten, denn währenddessen konnte ich alles gründlich überdenken und mich nach und nach auf das Wesentliche konzentrieren. Was lange währt, wird gut – davon bin ich überzeugt, und auf mein Zimmer bezogen, stelle ich fest, dass es – der Dauer sei Dank – nun „passt“.

Die Ankunft in meinen eigenen Raum war mir auch Anlass, mich vom alten Blogtitel zu trennen, der sich im Laufe der Zeit überlebt hat. Schließen möchte ich diese Seite noch nicht, hege ich doch die Hoffnung auf den einen oder anderen Text, der hier hineinpasst. Ein Raum zum Schaffen, Innehalten und Wohlfühlen ist jedenfalls eine gute Voraussetzung.

11 September 2011



Wer möchte, kann hier schonmal schauen.

07 August 2011

Frauen, die im Leben stehen

Vor etwas mehr als einem Jahr begann eine bekannte Zeitschrift, Mode und Kosmetik nicht mehr von professionellen Models, sondern „von ganz normalen Frauen, die mitten im Leben stehen“ präsentieren zu lassen. Wie viele andere Leserinnen war ich davon aus verschiedenen Gründen sehr angetan. Nicht nur, dass man aus lauter Mitgefühl mit jenen wandelnden Skeletten ständig das Bedürfnis hatte, ihnen eine dick belegte Pizza rüberzuschieben, um sie vorm nahen Hungertod zu bewahren – solche klapperdürren Gestalten sind generell kein schöner Anblick und erst recht keine Vorbilder. Auf öffentliche Frauen wird eine gewisse Vorbildrolle projiziert, wenn auch, so hoffe ich zumindest, eine reduzierte. Das hängt aber von der Person ab, die projiziert.

Ich schaue mir schon eine Weile die ganz normalen Frauen auf den Fotostrecken an und hege mehr und mehr Misstrauen dieser Kampagne gegenüber. Da sieht man alleinerziehende Mütter von zwei Kindern, die in Übersee irgendwas Exotisches studiert haben, selbstverständlich eine Führungsposition inne haben, nebenbei aus Lust und Laune ein kleines Unternehmen aufbauen, das irgendwie höchst kreativ und höchst ökologisch ist oder die zumindest noch ein Zweitstudium aufgenommen haben. Selbstverständlich wurde kurz nach der Geburt der Kinder wieder Vollzeit gearbeitet – vermutlich war Frau noch im Kreißsaal mit Multitasking beschäftigt. Wenn bei all diesen Beschäftigungen noch etwas Zeit übrig bleibt – selbstverständlich arbeiten diese Frauen so gerne, dass sie ihr Leben auf der Überholspur beglückend und keineswegs anstrengend finden – engagieren sie sich in irgendeinem gemeinnützigen Projekt. Dabei sind sie nach den neuesten Trends gekleidet und frisiert und sehen tiptop aus. Perfektes Gesicht, perfekte Haare, perfekte Figur – eigentlich wie Models, zwar nicht haupt- aber zumindest nebenberuflich.

Beim Lesen dieser Kurzbiografien fühle ich mich gestresst und denke aufatmend: glücklicherweise werde ich älter und muss bei solchem Irrsinn nicht mehr mithalten. Ich bin, das betone ich, sehr für Berufstätigkeit von Müttern, für Selbstverwirklichung und Vielseitigkeit. Aber was da mitunter als Normalität präsentiert wird, würde ich nicht haben wollen. Ab und an allerdings sagt eine dieser Superfrauen etwas, das mich aufhorchen lässt: „Ohne die Unterstützung meiner Mutter wäre all das nicht möglich.“ Ist diese Überfliegerinnennummer am Ende eine Mogelpackung? Können jene vermeintlichen Superfrauen vielleicht nur deshalb alles haben, weil ihre Mütter zurückstecken?

Wie auch immer: völlig entziehen kann man sich dem ganzen Theater nicht. Das wurde mir heute klar, als ich in der Küche Anflüge von Panik bekam, weil ich mir vorgenommen hatte, indisch zu kochen und nebenbei ein neues Tortenrezept auszuprobieren – an einem Sonntag, der eigentlich ein Ruhetag hätte werden sollen. Heute Morgen schon war ich mit einem Gefühl von Überforderung aufgewacht, weil ich an all das denken musste, was ich vor unserem Urlaub noch zu erledigen habe. Und diesen Traumurlaub, auf den ich mich seit Monaten freue, für den ich seit Monaten trainiere, würde ich am liebsten abblasen, um zuhause meine Ruhe zu haben, nichts mehr planen und organisieren zu müssen. Natürlich werden wir in den Urlaub fahren, und er wird sicher sehr schön werden, aber das Gefühl der Überforderung werde ich erst ablegen können, wenn ich am Reiseziel angekommen bin. Wieder einmal musste ich bemerken, in welch idiotische Falle ich getappt war - leider zu spät. Noch schlimmer: ich habe mir die Falle selbst ausgesucht.

Brauchen Frauen, brauchen Menschen von heute wirklich solche vermeintlichen Vorbilder, die ihnen immer wieder suggerieren, wie perfekt man sein sollte? Ich bezweifle das. Viel besser wäre jemand, der hin und wieder an einem rüttelt und deutlich macht, dass weniger fast immer mehr ist.

30 Juni 2011

Ein eigenes Zimmer

Seit Tagen und Wochen trage ich diesen Text mit mir herum, und nun, da ich Zeit habe, ihn niederzuschreiben, fällt es mir schwer, mich zu konzentrieren, denn aus dem Zimmer meines Sohnes tönt Rapmusik. Sie ist nicht einmal laut, und ich höre sie selbst gelegentlich ganz gern, aber momentan genügt sie, um mich aus dem Konzept zu bringen. Ich sitze an meinem Behelfsarbeitsplatz unter einer Treppe, drei Meter von der Zimmertür meines Sohnes und zwei Meter von der Eingangstür entfernt. Man könnte sagen, ich bin mittendrin im Geschehen, was manchmal ganz praktisch ist. Heute warte ich darauf, die Handwerker hereinzulassen. Zum Telefon, das in einem großen Haushalt öfter klingelt, habe ich es auch nicht weit. Ein Arbeitstischchen mittendrin wirkt – habe ich erfahren – wie eine unausgesprochene Einladung an alle, mich an diesem Platz aufzusuchen, da ich nun mal greifbar bin. Ich verstehe das, und ja, ich bin selten verfügbar, besonders für jeden Einzelnen. Weil ich nicht isoliert lebe, weil mich Konventionen nicht unberührt lassen, darf ich mich nicht nur mit den Ansprüchen anderer, sondern auch mit den eigenen Schuldgefühlen auseinandersetzen. Entschuldigungen ändern nichts daran, dass Störungen nun mal Störungen sind.

Mein Behelfsschreibtisch ist an sich eine feine Sache; ich war richtig stolz auf diese praktische Nischenlösung. Eine Behelfslösung taugt, wie mir klar geworden ist, nur für einen vorübergehenden Zeitraum und ist nichts für Dauer.

Während der Wirtschaftskrise war oft vom Zusammenrücken der Menschen in schwierigen Zeiten zu hören und zu lesen. Was sich kuschelig anhören und Wohlbefinden auslösen soll, erzeugt bei mir sehr körperliche Symptome von Klaustrophobie. Und es hält sich hartnäckig, dieses Einfordern von mehr Zusammenhalt, mehr „Wir“, Altruismus, Gemeinsinn und so weiter. Schon immer sollten Menschen das Gefühl haben, nur im grenzenlosen Miteinander glücklich zu sein. Auf die heutige Gesellschaft bezogen, könnte man sagen: Altruismus hilft zweifellos, Kosten zu senken.

Es gibt aber auch Gegenstimmen wie den Essay von Virginia Woolf, der mich zum Titel dieses Beitrags inspiriert hat. Ein eigenes Zimmer und finanzielle Unabhängigkeit sind grundlegende Voraussetzungen, die eine Frau benötigt, um schöpferisch tätig zu sein. In Sachen finanzielle Unabhängigkeit bin ich ein gutes Stück vorangekommen, was allerdings auch Zeit und Energie kostet, die mir an anderer Stelle nicht zur Verfügung steht.

Viele Jahre lang hatte ich einen Raum – nicht völlig für mich allein, aber separat genug, und er bot mir Platz für persönliche Dinge. Manchmal geschieht etwas, das alles verändert und einem wenig Alternativen lässt. Wenn ein Kind – ähnlich wie ein Vogeljunges – quasi zu früh aus dem Nest gefallen ist und wieder aufgenommen werden muss, braucht es eine schnelle Lösung. Die Entscheidung, aus jenem Raum eine Wohnung zu machen, war zweifellos richtig, aber ich hätte mir damals schon überlegen sollen, wie es für mich weiter geht. Denn immer mehr fühlte ich mich eingeengt und gleichzeitig heimatlos. Die Nerven lagen blank, und ich wollte nur noch fort. Jede noch so kleine Wohnung schien mir ein unbeschreiblicher Luxus zu sein, würde nicht nur ein eigenes Zimmer, vielmehr auch Bad und Küche, über die ich frei verfügen könnte, bieten. Geradezu paradiesisch fühlte sich ein Leben allein an, und die Familie empfand ich nur noch als Last. Aber was man über Jahre hinweg aufgebaut hat, verwirft man nicht so schnell, und ich begann nach einer anderen Lösung zu suchen.

Es gibt einen Raum im Obergeschoss, der erst bewohnbar gemacht werden muss. Es wird noch etwas dauern, bis mein eigenes Zimmer fertig ist, aber allein die Aussicht darauf hat vieles zum Positiven hin verändert. Konventionen taugen nur begrenzt, passen nicht für jeden Menschen und jede Situation. Ich muss selbst dafür sorgen, dass meine Grenzen nicht ständig überschritten werden, damit unser Haus auch mein Zuhause bleiben kann. Wenn die Grenzen räumlich definiert sind, wird es leichter sein, sie zu behaupten. Andere Menschen mögen andere Bedürfnisse haben, aber für mich geht nichts ohne ein eigenes Zimmer.