Seit Tagen und Wochen trage ich diesen Text mit mir herum, und nun, da ich Zeit habe, ihn niederzuschreiben, fällt es mir schwer, mich zu konzentrieren, denn aus dem Zimmer meines Sohnes tönt Rapmusik. Sie ist nicht einmal laut, und ich höre sie selbst gelegentlich ganz gern, aber momentan genügt sie, um mich aus dem Konzept zu bringen. Ich sitze an meinem Behelfsarbeitsplatz unter einer Treppe, drei Meter von der Zimmertür meines Sohnes und zwei Meter von der Eingangstür entfernt. Man könnte sagen, ich bin mittendrin im Geschehen, was manchmal ganz praktisch ist. Heute warte ich darauf, die Handwerker hereinzulassen. Zum Telefon, das in einem großen Haushalt öfter klingelt, habe ich es auch nicht weit. Ein Arbeitstischchen mittendrin wirkt – habe ich erfahren – wie eine unausgesprochene Einladung an alle, mich an diesem Platz aufzusuchen, da ich nun mal greifbar bin. Ich verstehe das, und ja, ich bin selten verfügbar, besonders für jeden Einzelnen. Weil ich nicht isoliert lebe, weil mich Konventionen nicht unberührt lassen, darf ich mich nicht nur mit den Ansprüchen anderer, sondern auch mit den eigenen Schuldgefühlen auseinandersetzen. Entschuldigungen ändern nichts daran, dass Störungen nun mal Störungen sind.
Mein Behelfsschreibtisch ist an sich eine feine Sache; ich war richtig stolz auf diese praktische Nischenlösung. Eine Behelfslösung taugt, wie mir klar geworden ist, nur für einen vorübergehenden Zeitraum und ist nichts für Dauer.
Während der Wirtschaftskrise war oft vom Zusammenrücken der Menschen in schwierigen Zeiten zu hören und zu lesen. Was sich kuschelig anhören und Wohlbefinden auslösen soll, erzeugt bei mir sehr körperliche Symptome von Klaustrophobie. Und es hält sich hartnäckig, dieses Einfordern von mehr Zusammenhalt, mehr „Wir“, Altruismus, Gemeinsinn und so weiter. Schon immer sollten Menschen das Gefühl haben, nur im grenzenlosen Miteinander glücklich zu sein. Auf die heutige Gesellschaft bezogen, könnte man sagen: Altruismus hilft zweifellos, Kosten zu senken.
Es gibt aber auch Gegenstimmen wie den Essay von Virginia Woolf, der mich zum Titel dieses Beitrags inspiriert hat. Ein eigenes Zimmer und finanzielle Unabhängigkeit sind grundlegende Voraussetzungen, die eine Frau benötigt, um schöpferisch tätig zu sein. In Sachen finanzielle Unabhängigkeit bin ich ein gutes Stück vorangekommen, was allerdings auch Zeit und Energie kostet, die mir an anderer Stelle nicht zur Verfügung steht.
Viele Jahre lang hatte ich einen Raum – nicht völlig für mich allein, aber separat genug, und er bot mir Platz für persönliche Dinge. Manchmal geschieht etwas, das alles verändert und einem wenig Alternativen lässt. Wenn ein Kind – ähnlich wie ein Vogeljunges – quasi zu früh aus dem Nest gefallen ist und wieder aufgenommen werden muss, braucht es eine schnelle Lösung. Die Entscheidung, aus jenem Raum eine Wohnung zu machen, war zweifellos richtig, aber ich hätte mir damals schon überlegen sollen, wie es für mich weiter geht. Denn immer mehr fühlte ich mich eingeengt und gleichzeitig heimatlos. Die Nerven lagen blank, und ich wollte nur noch fort. Jede noch so kleine Wohnung schien mir ein unbeschreiblicher Luxus zu sein, würde nicht nur ein eigenes Zimmer, vielmehr auch Bad und Küche, über die ich frei verfügen könnte, bieten. Geradezu paradiesisch fühlte sich ein Leben allein an, und die Familie empfand ich nur noch als Last. Aber was man über Jahre hinweg aufgebaut hat, verwirft man nicht so schnell, und ich begann nach einer anderen Lösung zu suchen.
Es gibt einen Raum im Obergeschoss, der erst bewohnbar gemacht werden muss. Es wird noch etwas dauern, bis mein eigenes Zimmer fertig ist, aber allein die Aussicht darauf hat vieles zum Positiven hin verändert. Konventionen taugen nur begrenzt, passen nicht für jeden Menschen und jede Situation. Ich muss selbst dafür sorgen, dass meine Grenzen nicht ständig überschritten werden, damit unser Haus auch mein Zuhause bleiben kann. Wenn die Grenzen räumlich definiert sind, wird es leichter sein, sie zu behaupten. Andere Menschen mögen andere Bedürfnisse haben, aber für mich geht nichts ohne ein eigenes Zimmer.