07 Juli 2009
05 Juli 2009
Sommer im Garten
Ferien daheim sind etwas Besonderes. Und jeden Tag kann ich in den Garten gehen. Der Garten ist nicht groß, und das ist gut so: mehr als dieser kleine Garten wäre mir zu viel. Dort kann ich auf der Bank sitzen und ins Grüne schauen, im Liegestuhl liegen und mir den Himmel ansehen. Es gibt viel zu sehen, zu hören und zu spüren: die Steine, die am Abend die Wärme des Tages abstrahlen, das Gras mit seinem Duft, der Erdboden mit seiner Frische und Kühle. Ein Stängel, der sich unter einem Insekt biegt. Mücken, die schwebend ihre Beine von sich strecken. Schilf, das leise erzittert. Das Kaninchen, das an einem Blatt schnuppert. Der Geruch blühender Wildkräuter. Die Frische des Morgens, die Wohltat des Schattens in der Mittagszeit, die Milde und Helligkeit des Sommerabends. Der Moment am Abend, wenn die Vögel still werden.
Was kann die Welt sein gegen einen kleinen Garten.
Ein kleiner Garten ist wie eine ganze Welt.
Was kann die Welt sein gegen einen kleinen Garten.
Ein kleiner Garten ist wie eine ganze Welt.
01 Juli 2009
Arbeit, Sinn und Preis
Ein bisschen mulmig war mir schon, als ich im vergangenen Jahr eine Vertretung im Büro eingearbeitet habe. Wer vorübergehend ersetzbar ist, kann auch dauerhaft ersetzt werden. In Krisenzeiten gilt dieser Satz noch mehr als sonst. Ich wurde in meinem privaten Umfeld mit den Worten kritisiert, heutzutage könne man sich das nicht erlauben, sondern müsse sich im Beruf so unentbehrlich wie möglich machen. Ducken müsse man sich, so jemand anderes, und hoffen, dass man noch ein Weilchen am Arbeitsplatz geduldet wird. Viele Jahre lang habe ich auch so gedacht und danach gehandelt.
Dort, wo angemessen bezahlte Arbeit rar ist – mittlerweile ist sie das fast überall – nimmt sie einen überaus hohen Stellenwert im Leben der Menschen ein. Ich verstehe das sehr gut. Es geht nicht nur um ein Einkommen, sondern um Teilhabe an der Gesellschaft und um Anerkennung.
Armut, durch Arbeitslosigkeit oder schlecht bezahlte Arbeit verursacht, ist nicht nur ein materielles Problem. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass wir viel zu verlieren und viel zu befürchten haben. Ein von permanentem Mangel jeglicher Art geprägter Alltag verändert Menschen nicht sofort. Depression, Zynismus, Verrohung, Hoffnungslosigkeit machen sich breit, sie sind Folgeerscheinungen des Mangels, der wie ein langsam wirkendes Gift den Menschen durchdringt. Da alles allmählich geschieht, bemerkt man es auch kaum. Eine derartige Depression ist ein wenig wie ein Winterschlaf: lässt man sie hinter sich, fühlt man sich wie aus Kältestarre erwachend.
Aber ich weigere mich, den Beruf als Sinn des Lebens zu betrachten. Erwerbsarbeit kann nicht das Maß aller Dinge sein, nur, weil einige Wenige so trefflich davon profitieren.
Diejenigen sind es dann auch, die Krisen als Chancen oder sportliche Herausforderungen verklären.
Ob sie ihr Publikum mit oder ohne Absicht verkennen, weiß ich nicht. Für mich jedenfalls gehört die Sorge um die Existenz nicht in die Sport- und Freizeitabteilung.
Bleibt abzuwarten, wie erfinderisch die Leute in ihrer Eigeninitiative werden. Kriminalität beispielsweise bot seit Menschengedenken verschiedene Erwerbsmöglichkeiten – vor allem dort, wo es an legalen Erwerbsmöglichkeiten mangelt. Und je flächendeckender Armut um sich greift, umso größer ist in der Regel die allgemeine Akzeptanz kriminellen Handelns.
Aber es gibt noch mehr Ideen. Gerade in der Krise, meinen ein paar Schlaue, sollen die Leute mehr Kinder gebären. Absurder geht es doch nicht! Kinder müssen ernährt werden, kosten viel Geld, und wie sehr der Lebensweg der Kinder vom Portemonnaie der Eltern abhängt, bezweifelt hierzulande niemand, abgesehen davon, dass Kinder aus unteren sozialen Schichten gar nicht mehr erwünscht sind.
Der Grund für die Forderung muss ein anderer sein. Höchstwahrscheinlich geht es weniger um die Kinder, sondern um die Eltern. Wer Verantwortung trägt, ist leichter auszubeuten, zu manipulieren und zu erpressen. Wer vielleicht meint, sich mit einem bescheideneren Lebensstandard abfinden zu können, möchte ihn wenigstens seinem Nachwuchs ersparen. Und so beginnt man, sich zu arrangieren, zu ducken, und schließlich beutet man sich selbst aus, in der Hoffnung, den Job behalten zu dürfen.
Arbeit ist, auch wenn das in Vergessenheit geraten ist, keine Gnade und keine Wohltat, die einem erwiesen wird. Arbeit ist vor allem Leistung, die man erbringt.
Ich bin die Demut leid und habe die Abhängigkeit satt. Die Krise hat jedoch auch etwas Gutes: sie macht mich richtig wütend. Wo Wut ist, ist kein Platz für Depression.
Dort, wo angemessen bezahlte Arbeit rar ist – mittlerweile ist sie das fast überall – nimmt sie einen überaus hohen Stellenwert im Leben der Menschen ein. Ich verstehe das sehr gut. Es geht nicht nur um ein Einkommen, sondern um Teilhabe an der Gesellschaft und um Anerkennung.
Armut, durch Arbeitslosigkeit oder schlecht bezahlte Arbeit verursacht, ist nicht nur ein materielles Problem. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass wir viel zu verlieren und viel zu befürchten haben. Ein von permanentem Mangel jeglicher Art geprägter Alltag verändert Menschen nicht sofort. Depression, Zynismus, Verrohung, Hoffnungslosigkeit machen sich breit, sie sind Folgeerscheinungen des Mangels, der wie ein langsam wirkendes Gift den Menschen durchdringt. Da alles allmählich geschieht, bemerkt man es auch kaum. Eine derartige Depression ist ein wenig wie ein Winterschlaf: lässt man sie hinter sich, fühlt man sich wie aus Kältestarre erwachend.
Aber ich weigere mich, den Beruf als Sinn des Lebens zu betrachten. Erwerbsarbeit kann nicht das Maß aller Dinge sein, nur, weil einige Wenige so trefflich davon profitieren.
Diejenigen sind es dann auch, die Krisen als Chancen oder sportliche Herausforderungen verklären.
Ob sie ihr Publikum mit oder ohne Absicht verkennen, weiß ich nicht. Für mich jedenfalls gehört die Sorge um die Existenz nicht in die Sport- und Freizeitabteilung.
Bleibt abzuwarten, wie erfinderisch die Leute in ihrer Eigeninitiative werden. Kriminalität beispielsweise bot seit Menschengedenken verschiedene Erwerbsmöglichkeiten – vor allem dort, wo es an legalen Erwerbsmöglichkeiten mangelt. Und je flächendeckender Armut um sich greift, umso größer ist in der Regel die allgemeine Akzeptanz kriminellen Handelns.
Aber es gibt noch mehr Ideen. Gerade in der Krise, meinen ein paar Schlaue, sollen die Leute mehr Kinder gebären. Absurder geht es doch nicht! Kinder müssen ernährt werden, kosten viel Geld, und wie sehr der Lebensweg der Kinder vom Portemonnaie der Eltern abhängt, bezweifelt hierzulande niemand, abgesehen davon, dass Kinder aus unteren sozialen Schichten gar nicht mehr erwünscht sind.
Der Grund für die Forderung muss ein anderer sein. Höchstwahrscheinlich geht es weniger um die Kinder, sondern um die Eltern. Wer Verantwortung trägt, ist leichter auszubeuten, zu manipulieren und zu erpressen. Wer vielleicht meint, sich mit einem bescheideneren Lebensstandard abfinden zu können, möchte ihn wenigstens seinem Nachwuchs ersparen. Und so beginnt man, sich zu arrangieren, zu ducken, und schließlich beutet man sich selbst aus, in der Hoffnung, den Job behalten zu dürfen.
Arbeit ist, auch wenn das in Vergessenheit geraten ist, keine Gnade und keine Wohltat, die einem erwiesen wird. Arbeit ist vor allem Leistung, die man erbringt.
Ich bin die Demut leid und habe die Abhängigkeit satt. Die Krise hat jedoch auch etwas Gutes: sie macht mich richtig wütend. Wo Wut ist, ist kein Platz für Depression.
30 Juni 2009
Feste, Höhepunkte und der Wunsch nach Leichtigkeit
Ein Feuerwerk dauert oft nur einige Minuten an. Nur in der Silvesternacht geht es länger: da erleben wir ein über Stunden sich allmähliches Steigern der Leuchtfeuer, der Silber- und Goldregen und der Böllersalven, ab Mitternacht dann das große, schön und sehr festlich anzusehende Feuerwerk, und diejenigen, die noch aufbleiben möchten, erleben auch das Abflauen und Nachhallen des Funkelns und Krachens.
Ich gehöre zu denjenigen, die dann schon längst im Bett liegen. Ich liebe Silvester, gerade, weil dieses Fest in meinem Elternhaus kaum eine Bedeutung hatte. Einmal im Jahr habe ich das große Feuerwerk sehr gern, und kleinere Varianten mag ich auch, hin und wieder. Zwölf Stunden Ausgelassenheit wären mir zu entschieden zu viel, und noch mehr davon würde mich krank machen.
In meinem Elternhaus galten, zumindest bei Tisch, Regeln der Kommunikation, die einzuhalten waren. Je älter wir Kinder waren, desto häufiger wurde beim, aber auch nach dem Essen diskutiert. Mein Vater führte die Aufsicht über diese Diskussionen - schon deswegen, weil meine Mutter meist in der Küche beschäftigt war - und vermittelte uns seine Art, mit anderen Personen und deren Standpunkten umzugehen. Den anderen ausreden zu lassen, ihn zu respektieren, nicht schrill, nicht unsachlich, nicht verletzend zu werden, waren Regeln, die er nicht nur formulierte, sondern, was viel wichtiger war, vorlebte.
In der Familie meines Mannes ging es bei Tisch ganz anders zu. Unter vier Brüdern galt es, sich lautstark durchzusetzen.
Wir sind aber nicht nur hinsichtlich der Kommunikation unterschiedlich geprägt. Mein Mann braucht schon am Frühstückstisch Hintergrundmusik. Fehlt diese, beklagt er die „unheimliche“ Ruhe. Und es macht ihm nichts aus, neben Frühstücken und Kaffee trinken und bei ständiger Berieselung durch das Radio die Zeitung zu lesen und auch noch Gespräche zu führen.
Ich dagegen finde es schön, nichts als die Stille zu vernehmen. Vogelgezwitscher, wenn das Frühstück im Garten stattfindet, ist mir willkommen, Radiogedudel dagegen nicht. Ich höre gern Musik, aber wenn, dann richtig und kann auch nichts nebenbei tun.
Natalia Ginzburg hat in „Er und ich“ eine so gegensätzliche Beziehung beschrieben, es ist eine meiner Lieblingserzählungen überhaupt.
Auch introvertierte Menschen brauchen Anregungen, Reize und den Austausch mit anderen. Auch sie können über ihren Schatten springen, aber geschieht es zu oft oder zu heftig, verlieren sie sich und damit den Quell ihrer Kräfte. Anders Geartete können das oft nicht ermessen.
Meist verspricht man sich das Erleben von Leichtigkeit in anregenden Situationen und in Dingen. Die Veranstalter kommen dem entgegen, und auch privat tut man, was man kann.
Ich war kürzlich für ein verlängertes Wochenende nach Berlin gereist. Allein reisen, ohne Verpflichtungen und Kompromisse – einmal im Jahr gönne ich mir, wenn irgend möglich, diesen Luxus. Es waren schöne, erlebnisreiche Tage gewesen. Den Moment aber, in dem ich mich besonders leicht und frei gefühlt habe, hatte ich nicht vorausgeplant.
Am Abreisetag hatte ich früher als erwartet das Hotel verlassen und kam zu früh am Bahnhof an. Mir fiel nichts Besseres ein, als mich auf eine Treppe am Bahnhofsvorplatz zu setzen und dort zu warten. Es war ein schöner, sonniger Tag, ein Sonntag noch dazu. Die Familie und damit verbundene Verpflichtungen waren noch fern, zumal ich das Handy ausgeschaltet hatte. Ich saß eine Stunde dort in der Sonne, blätterte in einer Zeitschrift, sah mir ab und zu die Touristen an, die vorbeispazierten, und tat, dachte und plante – nichts. Ein wahrer Luxus, der im Alltag nicht vorkommt. Kein Vorhaben, keine Spaß, kein Fest, und dennoch – was für ein Erlebnis!
Ich gehöre zu denjenigen, die dann schon längst im Bett liegen. Ich liebe Silvester, gerade, weil dieses Fest in meinem Elternhaus kaum eine Bedeutung hatte. Einmal im Jahr habe ich das große Feuerwerk sehr gern, und kleinere Varianten mag ich auch, hin und wieder. Zwölf Stunden Ausgelassenheit wären mir zu entschieden zu viel, und noch mehr davon würde mich krank machen.
In meinem Elternhaus galten, zumindest bei Tisch, Regeln der Kommunikation, die einzuhalten waren. Je älter wir Kinder waren, desto häufiger wurde beim, aber auch nach dem Essen diskutiert. Mein Vater führte die Aufsicht über diese Diskussionen - schon deswegen, weil meine Mutter meist in der Küche beschäftigt war - und vermittelte uns seine Art, mit anderen Personen und deren Standpunkten umzugehen. Den anderen ausreden zu lassen, ihn zu respektieren, nicht schrill, nicht unsachlich, nicht verletzend zu werden, waren Regeln, die er nicht nur formulierte, sondern, was viel wichtiger war, vorlebte.
In der Familie meines Mannes ging es bei Tisch ganz anders zu. Unter vier Brüdern galt es, sich lautstark durchzusetzen.
Wir sind aber nicht nur hinsichtlich der Kommunikation unterschiedlich geprägt. Mein Mann braucht schon am Frühstückstisch Hintergrundmusik. Fehlt diese, beklagt er die „unheimliche“ Ruhe. Und es macht ihm nichts aus, neben Frühstücken und Kaffee trinken und bei ständiger Berieselung durch das Radio die Zeitung zu lesen und auch noch Gespräche zu führen.
Ich dagegen finde es schön, nichts als die Stille zu vernehmen. Vogelgezwitscher, wenn das Frühstück im Garten stattfindet, ist mir willkommen, Radiogedudel dagegen nicht. Ich höre gern Musik, aber wenn, dann richtig und kann auch nichts nebenbei tun.
Natalia Ginzburg hat in „Er und ich“ eine so gegensätzliche Beziehung beschrieben, es ist eine meiner Lieblingserzählungen überhaupt.
Auch introvertierte Menschen brauchen Anregungen, Reize und den Austausch mit anderen. Auch sie können über ihren Schatten springen, aber geschieht es zu oft oder zu heftig, verlieren sie sich und damit den Quell ihrer Kräfte. Anders Geartete können das oft nicht ermessen.
Meist verspricht man sich das Erleben von Leichtigkeit in anregenden Situationen und in Dingen. Die Veranstalter kommen dem entgegen, und auch privat tut man, was man kann.
Ich war kürzlich für ein verlängertes Wochenende nach Berlin gereist. Allein reisen, ohne Verpflichtungen und Kompromisse – einmal im Jahr gönne ich mir, wenn irgend möglich, diesen Luxus. Es waren schöne, erlebnisreiche Tage gewesen. Den Moment aber, in dem ich mich besonders leicht und frei gefühlt habe, hatte ich nicht vorausgeplant.
Am Abreisetag hatte ich früher als erwartet das Hotel verlassen und kam zu früh am Bahnhof an. Mir fiel nichts Besseres ein, als mich auf eine Treppe am Bahnhofsvorplatz zu setzen und dort zu warten. Es war ein schöner, sonniger Tag, ein Sonntag noch dazu. Die Familie und damit verbundene Verpflichtungen waren noch fern, zumal ich das Handy ausgeschaltet hatte. Ich saß eine Stunde dort in der Sonne, blätterte in einer Zeitschrift, sah mir ab und zu die Touristen an, die vorbeispazierten, und tat, dachte und plante – nichts. Ein wahrer Luxus, der im Alltag nicht vorkommt. Kein Vorhaben, keine Spaß, kein Fest, und dennoch – was für ein Erlebnis!
03 Juni 2009
19 April 2009
Lauter schöne Sachen
Ausmisten, so heißt es alle Jahre wieder, ist wichtig und tut gut. Es ist wichtig, sich zu trennen und Platz zu schaffen für Neues. Und obwohl ich das wusste, hielt sich meine Lust darauf bisher in Grenzen. Warum Dinge wegwerfen, so lange man sie unterbringen kann?
Da aber unser ältester Sohn wieder, wenn auch vorübergehend, bei uns einziehen möchte, war eine Ausräum- und Umräumaktion notwendig geworden. Ausmisten ist, auch dies ist mir klar geworden, eine Frauendomäne. Man tut gut daran, Männer dabei so weit wie möglich außen vor zu lassen. Und, ich muss gestehen, ich habe Spaß am Aussortieren und Wegwerfen von Dingen entdeckt: je radikaler die Aktion, desto besser.
Den Löwenanteil der Entsorgungen habe ich reibungslos erledigt, als mein Mann nicht da war. Selbstverständlich waren es nicht seine Sachen, die in Mülltonnen und Altkleidersammlung gelandet sind. Dinge, die nur ihm gehören, habe ich nicht angerührt, dafür aber unter meinem Zeug für zwei ausgemistet. Hätte er um die Ausmaße des Ausmistens gewusst, wäre ich unmöglich innerhalb meiner freien Tage fertig geworden: ich hätte alles irgendwo hinlegen müssen, damit er noch mal nachsehen kann, ob er nicht irgendetwas davon aufheben möchte. Was ich weggeworfen habe, wird er, da bin ich mir sicher, gar nicht vermissen.
Es war tatsächlich eine Menge zusammengekommen. Wer Platz hat, wird gern mit allen möglichen Dingen beschenkt – Dingen, die andere längst weggeworfen hätten. Eine kinderreiche Familie in der Verwandtschaft spart den Gang zum Sperrmüll und zur Altkleidersammlung. Lange Zeit habe ich es nicht gewagt, solche Gaben abzulehnen. Erst, als mir meine Kollegin dazu riet, bin ich konsequenter geworden. Mittlerweile könnten wir ein zweites Haus mit Möbeln und sonstigen Sachen ausstatten, hätte ich mich nicht eines Tages dazu gezwungen, „nein“ zu sagen.
Aber dann war der Zeitpunkt gekommen, auch die Sachen meines Mannes vorübergehend auszuräumen, da ein paar Schränke umgesetzt werden mussten. Er begann, das Ausmaß dessen zu ahnen, was ich getan hatte und möglicherweise noch tun würde, und machte mir klar, was ich unbedingt aufheben müsse. Wie ich es geahnt hatte: nichts von dem, was er erworben oder geschenkt bekommen hatte, durfte aussortiert werden, und die Gründe, die er dafür anführte, waren so rührend, dass ich vorerst kapitulierte. Wegwerfen, so seine Devise, können wir all das immer noch. Hydrotöpfe, die einst zu DDR-Zeiten gekauft worden sind, wären gewiss noch einmal zu gebrauchen, falls man es doch noch mal mit Hydrokultur versucht. Ich bin mir ganz sicher, dass ich es damit nicht versuche, weil ich entschieden dagegen bin, Pflanzen so kurz zu halten. Aber die Töpfe sind noch da, die Wegwerfaktion unter den Blumentöpfen ist vertagt, hauptsächlich, weil die Mülltonne überfüllt ist.
Und dann noch all die Sachen, die allein ihrer „Schönheit“ wegen aufgehoben werden müssen: alte Glasfläschchen, bei Grabungen auf dem Grundstück ans Tageslicht befördert, Hobby- und Bastelzubehör, Spielsachen aus Überraschungseiern, Vasen, Bierkrüge und allerlei Nippes – Dinge, von denen man auf ersten Blick nicht denkt, dass Männer daran hängen. Aber Ausräumaktionen können auch dazu verhelfen, Klischees neu zu definieren.
Sogar ich war beim Ausräumen manchmal überrascht. Unter anderem fand ich acht hübsche und noch fast neue Eierwärmer zwischen meinen Tischdecken. Ich hatte dieses Jahr wegen der Wirtschaftskrise beschlossen, keine Eierwärmer zu kaufen, so sehr mir auch der Sinn danach stand, die Ostertafel zu schmücken. Und hatte dabei völlig vergessen, dass wir das Begehrte längst besitzen. Da es die Eierwärmer nur in Viererpackungen gab, wir aber sechs Personen sind, haben wir acht Stück davon. Ich fand es- daran kann ich mich noch erinnern – ganz sinnvoll, acht Stück zu kaufen, denn schließlich könnte ja irgendwann das eine oder andere Enkelkind genau so einen Eierwärmer haben wollen. Ich habe die Eierwärmer selbstverständlich aufgehoben und irgendwo hin geräumt, wo ich meiner Meinung nach beim nächsten Osterfest darauf stoßen müsste. Aber offen gestanden, weiß ich schon jetzt nicht mehr, wo sie sich befinden. Wie auch immer – wegwerfen kann ich sie eines Tages immer noch.
Da aber unser ältester Sohn wieder, wenn auch vorübergehend, bei uns einziehen möchte, war eine Ausräum- und Umräumaktion notwendig geworden. Ausmisten ist, auch dies ist mir klar geworden, eine Frauendomäne. Man tut gut daran, Männer dabei so weit wie möglich außen vor zu lassen. Und, ich muss gestehen, ich habe Spaß am Aussortieren und Wegwerfen von Dingen entdeckt: je radikaler die Aktion, desto besser.
Den Löwenanteil der Entsorgungen habe ich reibungslos erledigt, als mein Mann nicht da war. Selbstverständlich waren es nicht seine Sachen, die in Mülltonnen und Altkleidersammlung gelandet sind. Dinge, die nur ihm gehören, habe ich nicht angerührt, dafür aber unter meinem Zeug für zwei ausgemistet. Hätte er um die Ausmaße des Ausmistens gewusst, wäre ich unmöglich innerhalb meiner freien Tage fertig geworden: ich hätte alles irgendwo hinlegen müssen, damit er noch mal nachsehen kann, ob er nicht irgendetwas davon aufheben möchte. Was ich weggeworfen habe, wird er, da bin ich mir sicher, gar nicht vermissen.
Es war tatsächlich eine Menge zusammengekommen. Wer Platz hat, wird gern mit allen möglichen Dingen beschenkt – Dingen, die andere längst weggeworfen hätten. Eine kinderreiche Familie in der Verwandtschaft spart den Gang zum Sperrmüll und zur Altkleidersammlung. Lange Zeit habe ich es nicht gewagt, solche Gaben abzulehnen. Erst, als mir meine Kollegin dazu riet, bin ich konsequenter geworden. Mittlerweile könnten wir ein zweites Haus mit Möbeln und sonstigen Sachen ausstatten, hätte ich mich nicht eines Tages dazu gezwungen, „nein“ zu sagen.
Aber dann war der Zeitpunkt gekommen, auch die Sachen meines Mannes vorübergehend auszuräumen, da ein paar Schränke umgesetzt werden mussten. Er begann, das Ausmaß dessen zu ahnen, was ich getan hatte und möglicherweise noch tun würde, und machte mir klar, was ich unbedingt aufheben müsse. Wie ich es geahnt hatte: nichts von dem, was er erworben oder geschenkt bekommen hatte, durfte aussortiert werden, und die Gründe, die er dafür anführte, waren so rührend, dass ich vorerst kapitulierte. Wegwerfen, so seine Devise, können wir all das immer noch. Hydrotöpfe, die einst zu DDR-Zeiten gekauft worden sind, wären gewiss noch einmal zu gebrauchen, falls man es doch noch mal mit Hydrokultur versucht. Ich bin mir ganz sicher, dass ich es damit nicht versuche, weil ich entschieden dagegen bin, Pflanzen so kurz zu halten. Aber die Töpfe sind noch da, die Wegwerfaktion unter den Blumentöpfen ist vertagt, hauptsächlich, weil die Mülltonne überfüllt ist.
Und dann noch all die Sachen, die allein ihrer „Schönheit“ wegen aufgehoben werden müssen: alte Glasfläschchen, bei Grabungen auf dem Grundstück ans Tageslicht befördert, Hobby- und Bastelzubehör, Spielsachen aus Überraschungseiern, Vasen, Bierkrüge und allerlei Nippes – Dinge, von denen man auf ersten Blick nicht denkt, dass Männer daran hängen. Aber Ausräumaktionen können auch dazu verhelfen, Klischees neu zu definieren.
Sogar ich war beim Ausräumen manchmal überrascht. Unter anderem fand ich acht hübsche und noch fast neue Eierwärmer zwischen meinen Tischdecken. Ich hatte dieses Jahr wegen der Wirtschaftskrise beschlossen, keine Eierwärmer zu kaufen, so sehr mir auch der Sinn danach stand, die Ostertafel zu schmücken. Und hatte dabei völlig vergessen, dass wir das Begehrte längst besitzen. Da es die Eierwärmer nur in Viererpackungen gab, wir aber sechs Personen sind, haben wir acht Stück davon. Ich fand es- daran kann ich mich noch erinnern – ganz sinnvoll, acht Stück zu kaufen, denn schließlich könnte ja irgendwann das eine oder andere Enkelkind genau so einen Eierwärmer haben wollen. Ich habe die Eierwärmer selbstverständlich aufgehoben und irgendwo hin geräumt, wo ich meiner Meinung nach beim nächsten Osterfest darauf stoßen müsste. Aber offen gestanden, weiß ich schon jetzt nicht mehr, wo sie sich befinden. Wie auch immer – wegwerfen kann ich sie eines Tages immer noch.
15 April 2009
Erinnerung - für Max
Als Max zu uns kam, sah er wie ein kleines Plüschtier aus. Als wir uns entschieden hatten, ihn zu nehmen, wussten wir noch nicht, dass er ein Zwerglöwe war. Umso entzückter waren wir, als wir ihn sahen. Das Plüschtier hatte zunächst große Angst, aber von Anfang an einen guten Appetit und wurde schnell zutraulich und unternehmungslustig.
Unsere beiden Häsinnen vertrugen sich nicht mehr und mussten getrennt gehalten werden. Wir suchten einen Gefährten, idealerweise für beide. Max war ein halbes Jahr jünger als sie. Nach einer längeren Phase des gegenseitigen Beschnupperns setzten wir ihn probeweise mit den Häsinnen in den Auslauf. Er vertrug sich mit beiden. Wechselweise kamen so immer zwei Kaninchen für eine Weile zusammen. Max erwies sich trotz des Altersunterschiedes dieser Aufgabe gewachsen. Er war ein guter Gefährte sowohl für die lebhafte, als auch für die ruhige Häsin. Er war, so lange er kleiner war, ausgesprochen verwegen und stiftete vor allem Susi, die Ruhige, zu Dummheiten an. Einmal konnten er und Susi aus dem aufstellbaren Gehege im Garten entwischen. Zum Glück konnte ich beide wieder einfangen. Ein andermal habe ich Max ein Stück durch die Wohnung gekickt. Er hat mich,vermutlich, als ich eine der Häsinnen einfangen wollte, am Hosenbein gezogen, um mich davon abzubringen. Das Kicken geschah meinerseits ganz unbewusst. Ich spürte nur, als ich den Fuß zurück setzte, dass da etwas flog. Als ich mich umsah, saß Max’l etwas irritiert da und schaute mich an.
Eines Tages musste er unters Messer – wir wollten ja keine Kaninchenzucht eröffnen. Er war kaum aus der Narkose erwacht, da versuchte er schon, durch den Transportkorb zu kriechen, taumelte aber immer wieder zur Seite. Als er wieder bei vollem Bewusstsein war, hat er am ganzen Körper gezittert und ließ sich nur durch andauerndes Streicheln beruhigen. Von da an hat er mich wohl als Ersatzmutter angenommen. Auch, als er größer war, behielt er sein Plüschtier-Aussehen. Er wurde aber ruhiger und gesetzter. Natürlich war er wegen seines Aussehens gerade bei den kindlichen Besuchern sehr beliebt. Er konnte allerdings auch ungemütlich werden und hat auf plötzliche Annäherungsversuche sich selbst und den Häsinnen gegenüber mit Knurren und manchmal auch Beißen reagiert. Ich war darüber ziemlich erstaunt, denn von mir ließ er sich so ziemlich alles gefallen. Nur einmal fühlte er sich in die Ecke getrieben und drohte mir, als ob er zwicken wollte, worauf ich ihm auswich.
Als ich ihn heute Morgen im Stall fand, sah es auf ersten Blick aus, als schliefe er. Er musste aber schon seit ein paar Stunden tot gewesen sein. Ich war, so seltsam das klingt, darauf gefasst gewesen, dass es eines Tages passieren könnte. Wir hatten auch schon seit längerer Zeit beschlossen, die Kaninchen im Garten zu begraben. Max hat nun sein Plätzchen in einer ruhigen Ecke hinter dem Teich gefunden.
Für die beiden Häsinnen wird es schwer werden, besonders für Susi, die Sensible von beiden. Ich hoffe und wünsche dennoch, dass sie uns noch eine Weile erhalten bleiben.
Unsere beiden Häsinnen vertrugen sich nicht mehr und mussten getrennt gehalten werden. Wir suchten einen Gefährten, idealerweise für beide. Max war ein halbes Jahr jünger als sie. Nach einer längeren Phase des gegenseitigen Beschnupperns setzten wir ihn probeweise mit den Häsinnen in den Auslauf. Er vertrug sich mit beiden. Wechselweise kamen so immer zwei Kaninchen für eine Weile zusammen. Max erwies sich trotz des Altersunterschiedes dieser Aufgabe gewachsen. Er war ein guter Gefährte sowohl für die lebhafte, als auch für die ruhige Häsin. Er war, so lange er kleiner war, ausgesprochen verwegen und stiftete vor allem Susi, die Ruhige, zu Dummheiten an. Einmal konnten er und Susi aus dem aufstellbaren Gehege im Garten entwischen. Zum Glück konnte ich beide wieder einfangen. Ein andermal habe ich Max ein Stück durch die Wohnung gekickt. Er hat mich,vermutlich, als ich eine der Häsinnen einfangen wollte, am Hosenbein gezogen, um mich davon abzubringen. Das Kicken geschah meinerseits ganz unbewusst. Ich spürte nur, als ich den Fuß zurück setzte, dass da etwas flog. Als ich mich umsah, saß Max’l etwas irritiert da und schaute mich an.
Eines Tages musste er unters Messer – wir wollten ja keine Kaninchenzucht eröffnen. Er war kaum aus der Narkose erwacht, da versuchte er schon, durch den Transportkorb zu kriechen, taumelte aber immer wieder zur Seite. Als er wieder bei vollem Bewusstsein war, hat er am ganzen Körper gezittert und ließ sich nur durch andauerndes Streicheln beruhigen. Von da an hat er mich wohl als Ersatzmutter angenommen. Auch, als er größer war, behielt er sein Plüschtier-Aussehen. Er wurde aber ruhiger und gesetzter. Natürlich war er wegen seines Aussehens gerade bei den kindlichen Besuchern sehr beliebt. Er konnte allerdings auch ungemütlich werden und hat auf plötzliche Annäherungsversuche sich selbst und den Häsinnen gegenüber mit Knurren und manchmal auch Beißen reagiert. Ich war darüber ziemlich erstaunt, denn von mir ließ er sich so ziemlich alles gefallen. Nur einmal fühlte er sich in die Ecke getrieben und drohte mir, als ob er zwicken wollte, worauf ich ihm auswich.
Als ich ihn heute Morgen im Stall fand, sah es auf ersten Blick aus, als schliefe er. Er musste aber schon seit ein paar Stunden tot gewesen sein. Ich war, so seltsam das klingt, darauf gefasst gewesen, dass es eines Tages passieren könnte. Wir hatten auch schon seit längerer Zeit beschlossen, die Kaninchen im Garten zu begraben. Max hat nun sein Plätzchen in einer ruhigen Ecke hinter dem Teich gefunden.
Für die beiden Häsinnen wird es schwer werden, besonders für Susi, die Sensible von beiden. Ich hoffe und wünsche dennoch, dass sie uns noch eine Weile erhalten bleiben.
13 April 2009
Ostern und Erinnerungen (2)
Meine Omi lehrte uns einen anderen Osterbrauch. Sie färbte am Gründonnerstag Eier mit Zwiebelschalen. Diese waren eher dezent gefärbt, braun und manchmal violett, wenn wir rote Zwiebeln hatten. Meine Omi nannte das „kleine Ostern“. Dort, wo sie aufgewachsen war, wurde der Gründonnerstag feierlicher begangen als in unserer Gegend.
Ich fand diese Idee der kleinen Überraschung vor der großen Überraschung rückblickend sehr schön und habe in meiner Familie eingeführt, dass schon am Karfreitag und Ostersonnabend, ebenso am Ostermontag jeweils ein buntes Ei und ein paar Schokoladen- und Marzipaneier auf den Frühstückstellern liegen. Da sich Ostern über mehrere Tage hinzieht, finde ich es passend, die Überraschungen ein wenig zu verteilen. Das „richtige“ Ostereiersuchen findet aber dennoch am Ostersonntag statt.
Als Kind habe ich manchmal diejenigen beneidet, die ihre Ostereier bei Spaziergängen im Wald suchten – das war ja auch irgendwie romantisch. Als ich dann selbst Kinder hatte, war ich aber froh, bald einen eigenen, wenn auch kleinen Garten zu haben. Wie schön war das, als die Kinder – damals noch zwei – dort zum ersten Mal Ostereier suchen durften! Als die Familie dann komplett war, hatte ich am Ostersonnabend an die vierzig Eier zu färben. So viele mussten es schon sein, denn schließlich sollte jedes Kind etwa zehn Eier finden dürfen. Das Färben geschah natürlich unter Geheimhaltung und, so lange das möglich war, abends, nachdem die Kinder eingeschlafen waren. Viele Jahre lang empfand ich es als schön, diese Überraschungen vorzubereiten und die Traditionen aus meinem Elternhaus fortzuführen. Die Eier wurden, wie bei mir zuhause, im Wasserbad mit Lebensmittelfarben gefärbt und danach mit Speckschwarte eingerieben; das gibt einen schönen Glanz und verbessert die Haltbarkeit. Aber auch die Süßigkeiten für die Osternester mussten zusammengestellt werden.
Unsere Kinder waren, so lange sie klein waren, ausgesprochene Frühaufsteher. Deshalb ließ ich sie am Ostersonntag erst einmal spielen, bis es etwa neun Uhr war. So viel Rücksicht wollten wir auf die Nachbarn schon nehmen, die sich sonntags ausschliefen. Wenn unsere Kinder Ostereier suchten, war das im ganzen Viertel zu hören, und man konnte beobachten, wie nach und nach die Fenster der umliegenden Häuser aufgingen und manche Leute ziemlich verschlafen hinaus guckten. Zunächst musste aber der Osterhase sein Werk tun. Ich versuchte immer, die Kinder mit irgendetwas abzulenken – manchmal tat das auch mein Mann – worauf ich mich möglichst unauffällig hinaus schlich, mir die Körbe nahm, die ich in der Abstellkammer deponiert hatte, um dann den Inhalt im Garten zu verstecken. Das Verstecken machte Spaß, musste aber schnell vonstatten gehen, weil die Kinder, wie man sich denken kann, bald unruhig wurden.
Als ich wieder in die Wohnung kam und das Signal gab, indem ich etwa die gleichen Worte sagte, die meine Mutter immer gesprochen hatte, war schon kein Halten mehr. Alle stürzten los und versuchten, einen Korb oder etwas Ähnliches zu ergattern. Auf der Treppe war die kleine Schar zwar aufgeregt, benahm sich aber noch relativ gesittet. Unten im Hof aber konnte sie kaum noch gebändigt werden; wir achteten darauf, dass sich zunächst alle am Gartentor anstellten, damit keiner vor den anderen losrannte. Wenn vier aufgeregte Kinder in einen relativ kleinen Garten einfallen, kann man das nicht nur in allen umliegenden Häusern hören. Es ist auch für die Beete und die Pflanzen darauf ein Härtetest. So manche Tulpe knickte bei der Jagd nach den Eiern um. Manchmal gingen auch Eier zu Bruch, oder die Kinder stolperten über die Beetbegrenzung, die Beine ihrer Geschwister oder über ihre eigenen. Wir haben insoweit eingegriffen, als wir den kleineren Kindern das eine oder andere Versteck gezeigt haben, damit sie nicht völlig leer ausgingen, denn auch bei uns waren die Älteren auf Grund ihrer Schnelligkeit und Geschicklichkeit besser dran. Manches Ei war so gut versteckt, dass es dann erst Wochen später beim Jäten zum Vorschein kam.
Seit die Älteren erwachsen sind, überlassen sie ihren jüngeren Geschwistern das Eiersuchen und beschränken sich auf den Verzehr. Aber der Appetit auf Ostereier hat nachgelassen. Ich habe in diesem Jahr nur zwanzig Eier gefärbt. Und mir ist neben all den sonstigen Vorbereitungen die Lust auf lange Abende in der Küche vergangen. Diese Unlust hat man den Eiern auch angesehen. Ich habe angekündigt, im nächsten Jahr fertig gefärbte Eier zu kaufen. Die Reaktion der Familie darauf war nicht gerade freudig, und ein wenig habe ich mich schon darüber gefreut, dass meine Eier den gekauften vorgezogen werden, selbst wenn sie etwas verwaschen aussehen.
Ist es an der Zeit, weniger Aufwand zu treiben? Ich brauche immer etwas länger, um Traditionen in Frage zu stellen und mich veränderten Bedingungen anzupassen. Und glücklicherweise dauert es noch ein Weilchen bis zum nächsten Osterfest.
Ich fand diese Idee der kleinen Überraschung vor der großen Überraschung rückblickend sehr schön und habe in meiner Familie eingeführt, dass schon am Karfreitag und Ostersonnabend, ebenso am Ostermontag jeweils ein buntes Ei und ein paar Schokoladen- und Marzipaneier auf den Frühstückstellern liegen. Da sich Ostern über mehrere Tage hinzieht, finde ich es passend, die Überraschungen ein wenig zu verteilen. Das „richtige“ Ostereiersuchen findet aber dennoch am Ostersonntag statt.
Als Kind habe ich manchmal diejenigen beneidet, die ihre Ostereier bei Spaziergängen im Wald suchten – das war ja auch irgendwie romantisch. Als ich dann selbst Kinder hatte, war ich aber froh, bald einen eigenen, wenn auch kleinen Garten zu haben. Wie schön war das, als die Kinder – damals noch zwei – dort zum ersten Mal Ostereier suchen durften! Als die Familie dann komplett war, hatte ich am Ostersonnabend an die vierzig Eier zu färben. So viele mussten es schon sein, denn schließlich sollte jedes Kind etwa zehn Eier finden dürfen. Das Färben geschah natürlich unter Geheimhaltung und, so lange das möglich war, abends, nachdem die Kinder eingeschlafen waren. Viele Jahre lang empfand ich es als schön, diese Überraschungen vorzubereiten und die Traditionen aus meinem Elternhaus fortzuführen. Die Eier wurden, wie bei mir zuhause, im Wasserbad mit Lebensmittelfarben gefärbt und danach mit Speckschwarte eingerieben; das gibt einen schönen Glanz und verbessert die Haltbarkeit. Aber auch die Süßigkeiten für die Osternester mussten zusammengestellt werden.
Unsere Kinder waren, so lange sie klein waren, ausgesprochene Frühaufsteher. Deshalb ließ ich sie am Ostersonntag erst einmal spielen, bis es etwa neun Uhr war. So viel Rücksicht wollten wir auf die Nachbarn schon nehmen, die sich sonntags ausschliefen. Wenn unsere Kinder Ostereier suchten, war das im ganzen Viertel zu hören, und man konnte beobachten, wie nach und nach die Fenster der umliegenden Häuser aufgingen und manche Leute ziemlich verschlafen hinaus guckten. Zunächst musste aber der Osterhase sein Werk tun. Ich versuchte immer, die Kinder mit irgendetwas abzulenken – manchmal tat das auch mein Mann – worauf ich mich möglichst unauffällig hinaus schlich, mir die Körbe nahm, die ich in der Abstellkammer deponiert hatte, um dann den Inhalt im Garten zu verstecken. Das Verstecken machte Spaß, musste aber schnell vonstatten gehen, weil die Kinder, wie man sich denken kann, bald unruhig wurden.
Als ich wieder in die Wohnung kam und das Signal gab, indem ich etwa die gleichen Worte sagte, die meine Mutter immer gesprochen hatte, war schon kein Halten mehr. Alle stürzten los und versuchten, einen Korb oder etwas Ähnliches zu ergattern. Auf der Treppe war die kleine Schar zwar aufgeregt, benahm sich aber noch relativ gesittet. Unten im Hof aber konnte sie kaum noch gebändigt werden; wir achteten darauf, dass sich zunächst alle am Gartentor anstellten, damit keiner vor den anderen losrannte. Wenn vier aufgeregte Kinder in einen relativ kleinen Garten einfallen, kann man das nicht nur in allen umliegenden Häusern hören. Es ist auch für die Beete und die Pflanzen darauf ein Härtetest. So manche Tulpe knickte bei der Jagd nach den Eiern um. Manchmal gingen auch Eier zu Bruch, oder die Kinder stolperten über die Beetbegrenzung, die Beine ihrer Geschwister oder über ihre eigenen. Wir haben insoweit eingegriffen, als wir den kleineren Kindern das eine oder andere Versteck gezeigt haben, damit sie nicht völlig leer ausgingen, denn auch bei uns waren die Älteren auf Grund ihrer Schnelligkeit und Geschicklichkeit besser dran. Manches Ei war so gut versteckt, dass es dann erst Wochen später beim Jäten zum Vorschein kam.
Seit die Älteren erwachsen sind, überlassen sie ihren jüngeren Geschwistern das Eiersuchen und beschränken sich auf den Verzehr. Aber der Appetit auf Ostereier hat nachgelassen. Ich habe in diesem Jahr nur zwanzig Eier gefärbt. Und mir ist neben all den sonstigen Vorbereitungen die Lust auf lange Abende in der Küche vergangen. Diese Unlust hat man den Eiern auch angesehen. Ich habe angekündigt, im nächsten Jahr fertig gefärbte Eier zu kaufen. Die Reaktion der Familie darauf war nicht gerade freudig, und ein wenig habe ich mich schon darüber gefreut, dass meine Eier den gekauften vorgezogen werden, selbst wenn sie etwas verwaschen aussehen.
Ist es an der Zeit, weniger Aufwand zu treiben? Ich brauche immer etwas länger, um Traditionen in Frage zu stellen und mich veränderten Bedingungen anzupassen. Und glücklicherweise dauert es noch ein Weilchen bis zum nächsten Osterfest.
12 April 2009
Ostern und Erinnerungen (1)
In meinem Elternhaus war es üblich, dass am Ostersonntag Morgen Ostereier gesucht wurden. Viele Familien handhaben das anders; das Suchen der Eier und oft auch Süßigkeiten wird mit einem Nachmittagsspaziergang verbunden. Aber wir haben die Tradition von meinen Eltern weitergeführt. Es schien mir als Kind auch sehr logisch, dass der Osterhase am frühen Morgen, wenn die Menschen noch schliefen, durch die Gärten hoppelte und die Eier versteckte. Wir hatten ein Häuschen und einen großen Garten, und das Kinderzimmer befand sich im Erdgeschoss. Als wir noch kleiner waren, geschah es meist, dass meine Mutter, wenn wir uns angezogen hatten, irgendwann sagte: „Ich glaube, der Osterhase war schon da.“ Wenn wir dann aus dem Fenster sahen, konnten wir manchmal schon das eine oder andere bunte Ei entdecken. Mein Bruder und ich gingen dann in Begleitung der Eltern und manchmal auch der Großeltern in den Garten und durften die Eier suchen. Ich liebte die Ostereier schon ihrer intensiven Farben wegen, und besonders gefiel mir das dunkle, satte Lila. Solche Farben gibt es heute nicht mehr, sie entsprechen wohl nicht mehr den Vorschriften, was ich sehr schade finde.
Da unser Garten nicht nur groß, sondern auch sehr geschmackvoll bepflanzt war, war das Herumlaufen darin und das Aufspüren der Überraschungen auf den Wiesen und in den Rabatten ein ebenso spannendes wie auch das Auge erfreuendes Erlebnis. Aber auch das Geheimnis, das hinter den Überraschungen stecken musste, faszinierte mich. Ein Hase, der ein ganz besonderer war, machte sich so große Mühe, um uns Kinder zu beschenken. Er musste ein durch und durch gütiges Wesen sein, denn anders als bei Nikolaus und Weihnachtsmann waren seine Gaben nicht an artiges Verhalten und ein aufgeräumtes Zimmer gebunden. Deshalb fühlte ich mich in Erwartung der Ostereier und Süßigkeiten sehr froh und auf eine sehr umfassende Weise geliebt. Aus Dankbarkeit wollten wir auch den Osterhasen überraschen. In unsere Osternester, die wir aus Gras und Blumen fertigten und in denen wir immer Schokoladenhasen und –Eier vorfanden, legten wir sehr frisches Gras, manchmal auch eine Möhre, und waren etwas enttäuscht, wenn der Osterhase die Leckereien nicht angerührt hatte.
Das Eiersuchen betrachtete ich aber auch als Wettstreit, bei dem ich den Vorteil genoss, älter, aufmerksamer und auch schneller als mein Bruder zu sein. Das Vergleichen der gefüllten Körbe fiel, so lange wir kleiner waren, meist zu meinen Gunsten aus. Meine Eltern sorgten aber dafür, dass mein Bruder mindestens ebenso häufig wie ich fündig wurde: sie nahmen ihm, wenn er nicht hinsah, heimlich Eier aus seinem Korb heraus und versteckten sie so, dass er sie fand.
Als eine Auswahl der bunten Eier auf dem Frühstückstisch gereicht wurde, war es nicht mehr wichtig, wer welche und wie viele Eier gefunden hatte.
Ein paar Mal, wenn das Wetter zu Ostern sehr schlecht war, durften wir die Eier im Haus suchen. Die Frage, wie der Osterhase denn ins Haus gekommen sei, wurde mit seinem besonderen, geheimnisvollen Wesen beantwortet. Für mich stand allerdings fest, dass er einen Dietrich haben musste.
Einmal waren mein Bruder und ich zu Ostern krank und mussten im Bett liegen. Da gab es nicht nur bunte Eier und Süßigkeiten, sondern ausnahmsweise auch Spielsachen. Ich bekam kleine Töpfe, Pfannen und einen Teekessel für meinen elektrischen Puppenherd. Man konnte all das wirklich benutzen, und ich war überglücklich. Ganz besonders gefiel mir die Pfeife am Teekessel, die „richtig“ funktionierte.
Eines Tages, als ich schon größer war, sah ich in der Abfallgrube hinter unserem Haus durchweichte Papierblätter liegen, die genau die Farben unserer Ostereier hatten. Es war nicht so, dass ich schlagartig das ganze Geheimnis um den Osterhasen in Frage stellte. Aber ich begann, genauer zu beobachten. Im nächsten Jahr lagen die Blätter wieder in der Abfallgrube. Und als ich morgens die noch geschlossenen Vorhänge ein wenig zur Seite schob, sah ich meine Mutter durch den Garten gehen und sich hier und da bücken. So viel ich weiß, haben wir weiter mitgespielt, obwohl meine Eltern irgendwann wussten, dass wir hinter das Geheimnis gekommen waren. Die Freude an Ostern und am gemeinsamen Eiersuchen blieb uns aber bis ins Erwachsenenalter erhalten.
Da unser Garten nicht nur groß, sondern auch sehr geschmackvoll bepflanzt war, war das Herumlaufen darin und das Aufspüren der Überraschungen auf den Wiesen und in den Rabatten ein ebenso spannendes wie auch das Auge erfreuendes Erlebnis. Aber auch das Geheimnis, das hinter den Überraschungen stecken musste, faszinierte mich. Ein Hase, der ein ganz besonderer war, machte sich so große Mühe, um uns Kinder zu beschenken. Er musste ein durch und durch gütiges Wesen sein, denn anders als bei Nikolaus und Weihnachtsmann waren seine Gaben nicht an artiges Verhalten und ein aufgeräumtes Zimmer gebunden. Deshalb fühlte ich mich in Erwartung der Ostereier und Süßigkeiten sehr froh und auf eine sehr umfassende Weise geliebt. Aus Dankbarkeit wollten wir auch den Osterhasen überraschen. In unsere Osternester, die wir aus Gras und Blumen fertigten und in denen wir immer Schokoladenhasen und –Eier vorfanden, legten wir sehr frisches Gras, manchmal auch eine Möhre, und waren etwas enttäuscht, wenn der Osterhase die Leckereien nicht angerührt hatte.
Das Eiersuchen betrachtete ich aber auch als Wettstreit, bei dem ich den Vorteil genoss, älter, aufmerksamer und auch schneller als mein Bruder zu sein. Das Vergleichen der gefüllten Körbe fiel, so lange wir kleiner waren, meist zu meinen Gunsten aus. Meine Eltern sorgten aber dafür, dass mein Bruder mindestens ebenso häufig wie ich fündig wurde: sie nahmen ihm, wenn er nicht hinsah, heimlich Eier aus seinem Korb heraus und versteckten sie so, dass er sie fand.
Als eine Auswahl der bunten Eier auf dem Frühstückstisch gereicht wurde, war es nicht mehr wichtig, wer welche und wie viele Eier gefunden hatte.
Ein paar Mal, wenn das Wetter zu Ostern sehr schlecht war, durften wir die Eier im Haus suchen. Die Frage, wie der Osterhase denn ins Haus gekommen sei, wurde mit seinem besonderen, geheimnisvollen Wesen beantwortet. Für mich stand allerdings fest, dass er einen Dietrich haben musste.
Einmal waren mein Bruder und ich zu Ostern krank und mussten im Bett liegen. Da gab es nicht nur bunte Eier und Süßigkeiten, sondern ausnahmsweise auch Spielsachen. Ich bekam kleine Töpfe, Pfannen und einen Teekessel für meinen elektrischen Puppenherd. Man konnte all das wirklich benutzen, und ich war überglücklich. Ganz besonders gefiel mir die Pfeife am Teekessel, die „richtig“ funktionierte.
Eines Tages, als ich schon größer war, sah ich in der Abfallgrube hinter unserem Haus durchweichte Papierblätter liegen, die genau die Farben unserer Ostereier hatten. Es war nicht so, dass ich schlagartig das ganze Geheimnis um den Osterhasen in Frage stellte. Aber ich begann, genauer zu beobachten. Im nächsten Jahr lagen die Blätter wieder in der Abfallgrube. Und als ich morgens die noch geschlossenen Vorhänge ein wenig zur Seite schob, sah ich meine Mutter durch den Garten gehen und sich hier und da bücken. So viel ich weiß, haben wir weiter mitgespielt, obwohl meine Eltern irgendwann wussten, dass wir hinter das Geheimnis gekommen waren. Die Freude an Ostern und am gemeinsamen Eiersuchen blieb uns aber bis ins Erwachsenenalter erhalten.

